Nordkorea Kims Raketentest macht die Welt nervös

Nordkoreas Diktator will eine Rakete ins All schießen - und alarmiert damit die Weltgemeinschaft. Japan rüstet sich für einen Absturz des Geschosses, der Westen ist besorgt: Kim will allen seine Macht demonstrieren. Und unbedingt nachweisen, dass er die USA und Teile Europas bedrohen kann.

Von , Tokio


Tokio - Der Japaner Shuichi Hatakeyama, 51, hat schon viele Einsätze hinter sich. Als Polizist spürte er nordkoreanischen Spionen nach, die im Auftrag von Diktator Kim Jong Il Drogen und andere illegale Ware über das Meer nach Akita im Norden des Landes schleusten. Doch nun soll der Beamte mithelfen, die Präfektur gegen eine viel größere Gefahr durch den stalinistischen Nachbarn zu rüsten.

Japanische Soldaten mit Patriot-Raketen in Akita: Wer stoppt Kim?
REUTERS/ Kyodo

Japanische Soldaten mit Patriot-Raketen in Akita: Wer stoppt Kim?

Akita liegt in einer der möglichen Flugschneisen, über die Nordkorea zwischen Samstag und Mittwoch einen Satelliten über Japan hinweg ins Weltall schießen will. Der Krisenstab muss eine Lösung für ein Problem finden, das die ganze Nation in Aufregung versetzt: Was passiert, wenn der nordkoreanische Flugkörper nicht wie vorgesehen über Japan hinwegfliegt, sondern abstürzt und seine glühenden Einzelteile auf das zweitgrößte Industrieland krachen?

Für diesen - allerdings wenig wahrscheinlichen - Ernstfall hat das japanische Militär von Tokio bis Akita eigens Abwehrraketen vom Typ Patriot in Stellung gebracht. In der Hauptstadt stehen die olivgrünen Ungetüme sogar direkt auf dem Hof des Verteidigungsministeriums, und hier in Akita ragen sie gleich hinter den Kiefernhainen am Meer in den grauen Himmel - ausgerichtet Richtung Nordkorea.

Die eigenen Patriot-Raketen, droht Tokio, sollen die nordkoreanische Rakete abschießen, falls sie vom Kurs abkommt und direkt auf Japan zufliegt. Zu diesem Zweck haben die Japaner zusätzlich ihre hochmodernen Ägis-Kriegsschiffe im Japanischen Meer und im Pazifik stationiert - sie sollen von dort aus ebenfalls versuchen, das nordkoreanische Geschoss vom Himmel zu holen, falls es Japan tatsächlich direkt bedroht.

Wirtschaftskrise? Exportrückgang? Seit Tagen werden die üblichen düsteren Nachrichten verdrängt vom nordkoreanischen Dr. Seltsam und seiner Langstreckenrakete, von der kaum ein Japaner glaubt, dass sie tatsächlich in erster Linie dazu dienen soll, einen Satelliten ins All zu schicken.

Nord- und Südkorea
Nordkorea und Kim Jong Il
REUTERS
Am 9. September 1948 rief der kommunistische Politiker Kim Il Sung im Norden die Demokratische Volksrepublik Korea aus. Sie entwickelte sich, zunächst in enger Anlehnung an die Sowjetunion, zu einer kommunistischen Volksrepublik. 1998 wurde dessen Sohn Kim Jong Il Regierungschef. Der ehemalige US-Präsident George W. Bush bezeichnete Nordkorea zusammen mit Iran und dem Irak als "Achse des Bösen" , die aufrüstet, um den Frieden der Welt zu bedrohen.
Die Teilung Koreas
Seit 1910 war Korea eine japanische Kolonie. Nach der Niederlage Japans 1945 rückten sowjetische Truppen im Norden und US-amerikanische Truppen im Süden des Landes vor und trafen sich am 38. Breitengrad. Die Vereinbarungen der Alliierten über die Bildung einer provisorischen Regierung und die Abhaltung freier Wahlen in ganz Korea konnten nicht verwirklicht werden, da sich die UdSSR widersetzte. Im September 1948 wurde in Nordkorea die Volksdemokratische Republik Korea ausgerufen; Südkorea (Republik Korea) gab sich im Juli 1948 eine Verfassung.
Korea-Krieg
AP
Am 25. Juni 1950 begann die militärische Auseinandersetzung zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) mit Unterstützung der Volksrepublik China und der Republik Korea (Südkorea), die von Uno-Truppen unter Führung der USA unterstützt wurde. Der Krieg endete mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens von Panmunjom am 27. Juli 1953, das die Teilung am 38. Breitengrad zementierte.
Südkorea
Am 15. August 1948 wurde die Republik Korea gegründet. Staatspräsident ist Lee Myung Bak , der im Dezember 2007 die Präsidentschaftswahlen gewann und seit Februar 2008 im Amt ist. In den vergangenen Jahrzehnten erlebte Südkorea dank seiner exportorientierten Wirtschaftspolitik und der großzügigen Unterstützung Japans und der USA einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung.
Militärische Stärke

Militär in Nord- und Südkorea

Nordkorea Südkorea
Truppenstärke insgesamt 1.106.000 687.000
darunter Heer 950.000 560.000
Marine 46.000 68.000
Luftwaffe 110.000 64.000
Reservisten 4.700.000 4.500.000
Kampfpanzer 3.500 2.750
Artilleriegeschütze 17.900 10.774
Boden-Boden-Raketen 64 12
einsatzbereite Kampfflugzeuge 620 490
darunter Jagdflugzeuge 388 467
Bomber 80 -
Kriegsschiffe 8 47
darunter Zerstörer - 10
Fregatten 3 9
Korvetten 5 28
taktische U-Boote 63 13
kleinere Küstenwachboote 329 76

(Quelle: International Institute for Strategic Studies (IISS, London)

Denn wenn der Versuch Nordkoreas klappt, hätte Diktator Kim der Welt nicht nur gezeigt, dass er sein Land fest im Griff hat und sich von seinem angeblichen Schlaganfall vom vergangenen Jahr genügend erholt hat. Viel wichtiger: Kim würde beweisen, dass er Raketen einsetzen kann, die auch die Westküste der USA oder Teile Europas bedrohen. Beim nächsten Mal könnte er diese Geschosse statt mit einem Satelliten auch mit einem atomaren Sprengkopf bestücken.

Schon mit der Ankündigung, einen Satelliten zu starten, provoziert Kim seine Nachbarn, aber vor allem auch den neuen US-Präsidenten Barack Obama. Denn mit seiner Aktion würde Nordkorea gegen Sanktionen verstoßen, die die Uno verhängt hatte, nachdem Kim 2006 erst eine Taepodong-2-Rakete - erfolglos - testen ließ und danach noch einen Atomversuch startete.

Warnungen der Regierungen in Washington, Tokio oder dem südkoreanischen Seoul dürften Nordkorea kaum noch von seinem Vorhaben abbringen. Aufnahmen von US-Satelliten deuten darauf hin, dass Kims Techniker an der Abschussrampe in nordkoreanischen Musudanri bereits eifrig dabei sind, die Tanks der Trägerrakete mit Treibstoff zu betanken. Und für den Fall, dass Japan den angeblichen Satelliten abschießt, droht Pjöngjang seinerseits in glühenden Propaganda-Tönen mit Vergeltung.

Denn Kim, der stalinistische Überlebenskünstler, der mit immer neuen nuklearen Drohgebärden das Ende des Kalten Krieges überdauert hat, hält es gerade jetzt wieder einmal für geboten, die Aufmerksamkeit vor allem der USA von der Weltwirtschaftskrise auf sein Hungerreich zu lenken. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, dass er mit dieser Taktik dem Westen am wirksamsten Garantien für das Überleben seines Regimes und wirtschaftliche Hilfen abtrotzen kann.

Kim kann wieder mit Russland und China rechnen

Zwar dürfte Kim mit seiner Aktion auch diesmal weltweite Empörung ernten. Doch mit China und Russland besitzt er zwei mächtige Freunde im Uno-Sicherheitsrat. Er kann damit rechnen, dass beide Nachbarn vor allem die Forderung Japans nach verschärften Sanktionen gegen Nordkorea mit einer Veto-Drohung abblocken.

Kims Genossen in China wollen alles vermeiden, was die Stabilität seines Regimes gefährden könnte - und damit auch das Gleichgewicht der Mächte im Krisenherd Ostasien. Für sie bildet Nordkorea nicht nur einen nützlichen Puffer gegen die USA und ihren demokratischen Verbündeten Südkorea. Die Chinesen fürchten auch den massiven Zustrom von Flüchtlingen aus Nordkorea, falls das Regime dort plötzlich kollabiert. Auch Russland kommt es durchaus gelegen, wenn es sich mit Hilfe eines Diktators wie Kim als nach wie vor bedeutsame Weltmacht profilieren kann.

Die Amerikaner haben kein Interesse an einer Eskalation des Konflikts mit Nordkorea. Stattdessen wollen sie langfristig weiter versuchen, das Land im Rahmen der von China geleiteten Sechsergespräche, an denen auch Russland, Südkorea und Japan teilnehmen, von seinem Nuklearprogramm abzubringen.

Gerade nach Kims Nukleartest von 2006 kehrten die USA deshalb bald wieder an den Verhandlungstisch zurück. Im Gegenzug gegen die Zusage westlicher Öllieferungen und anderer Vergünstigungen versprach Kim gar, stufenweise aus seinem Atomwaffenprogramm auszusteigen.

Doch dann gerieten die Gespräche im vergangenen Jahr ins Stocken, vor allem weil Kim und die USA darüber stritten, wie gründlich Pjöngjang Details seines Nuklearprogramms offenlegen muss.

Möglicherweise schon an diesem Samstag also könnte Kim mit seinem speziellen robusten Charme versuchen, die USA zurück an den Verhandlungstisch zu locken. Der Test dürfte zugleich auch als eine Art Luftwaffenverkaufs-Schau für Iran und andere potentielle Kunden nordkoreanischer Raketentechnologie dienen. Das muss die USA ebenfalls beunruhigen - und wird die Verhandlungsposition der jüngsten Atommacht Nordkorea gegenüber den USA noch erheblich verbessern.

Japaner interessieren sich plötzlich für Militärfragen

Doch im benachbarten Japan schürt Kim, der sich von seinen Untertanen als "lieber Führer" bejubeln lässt, mit seinen Atombomben, Raketen und angeblichen Satelliten gefährliche Ängste - und den Drang, sich noch wirksamer gegen den unberechenbaren Nachbarn zu schützen.

Die überwiegend pazifistisch denkenden Japaner nehmen in diesen Tagen an einem kollektiven Intensivkurs in Wehrkunde teil: Auf fast allen TV-Kanälen, selbst in Hausfrauen-Talkshows, lernen sie Details der satellitengestützten Raketenabwehr, die Japan gemeinsam mit den USA entwickelt hat. Die wichtigste Begründung für den Aufbau des Systems, das den japanischen Steuerzahler rund 800 Milliarden Yen kosten soll, lieferte natürlich Kim mit seinen früheren Raketentests.

Niemand weiß, wie zuverlässig Japans stolze Raketen-Abwehr tatsächlich funktioniert. In Akita blickt Krisenbekämpfer Hatakeyama skeptisch aus dem Fenster: Zwar können die Patriot-Raketen einen Umkreis von 20 Kilometern abdecken. "Aber die Dörfer in entlegenen Bergregionen können wir leider nicht schützen", sagt er.

Selbst die Regierung in Tokio zweifelt an der eigenen Abwehrbereitschaft und bereitet die Landsleute seelisch bereits entsprechend vor: Mit einer Pistole könne man keine Pistolenkugel abschießen, ließ ein enger Mitarbeiter von Premier Taro Aso in der japanischen Presse verlauten.

Tatsächlich aber wäre es für Japans Militärstrategen selbst dann ein Erfolg, wenn sie eine fehlgeleitete nordkoreanische Rakete spektakulär verfehlten: Sie könnten die Japaner künftig noch einfacher davon überzeugen, dass es viel massiver aufrüsten muss - womöglich eines Tages gar mit eigenen Atomwaffen.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.