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14. Dezember 2013, 10:49 Uhr

Nordkorea

Kims Schergen jagen unliebsame Funktionäre

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Onkel Chang war wohl erst der Anfang. Nach der Hinrichtung seines Mentors dürfte Nordkoreas Diktator Kim Jong Un die Jagd auf weitere Parteikader eröffnen. Experten fürchten, dass Hunderte Todesurteile folgen, wichtige Funktionäre sind bereits nach China geflohen.

Die Menschen drängen sich um die Zeitungsvitrine in der U-Bahn-Station. Studenten der Kim Chaek Technologie-Universität reißen auf einer Versammlung vor einem Lautsprecherwagen die Fäuste hoch: Sie würden ihr Leben hingeben, um ihren Führer Kim Jong Un zu beschützen, rufen sie.

Szenen dieser Tage in Pjöngjang. So etwas hat Nordkoreas Hauptstadt noch nicht erlebt: Ein Spitzenfunktionär, noch dazu ein naher Verwandter von Diktator Kim Jong Un, wird öffentlich verhaftet - die Bilder der Festnahme erscheinen im Fernsehen und in der Presse. Kurz darauf wird er hingerichtet. Hauptvorwurf des Militärtribunals im Ministerium für Staatssicherheit: "versuchter Umsturz".

Der Tod von Chang Song-Thaek, 67, Onkel von Kim und Vizevorsitzender der Nationalen Verteidigungskommission, ruft Erinnerungen an stalinistische Säuberungsaktionen wach. Zuvor waren zwei Vertraute Changs erschossen worden. Viele Experten gehen davon aus, dass es nicht bei diesen drei Opfern bleibt.

"Die Welle könnte sich ausbreiten und mehr Leute fortschwemmen", sagt der US-Wissenschaftler Viktor Cha von der Georgetown University. "Wenn man Chang beseitigt, belässt man es nicht nur bei einer Person - man beseitigt Dutzende, wenn nicht Hunderte von Personen im System. So etwas muss Nachwirkungen haben." Yang Mian vom Institut für internationale Beziehungen an der Pekinger Hochschule für Kommunikation sieht ebenfalls eine "Serie von Säuberungen" unter Funktionären voraus, die Chang nahestanden, wie Yang im englischsprachigen Parteiorgan "Global Times" sagte.

Furcht vor neuen Waffentests

Unklar ist, wie groß der betroffene Personenkreis ist und wer dazugehört. Zwei stellvertretende Premierminister sollen laut südkoreanischen Presseberichten bereits nach China geflohen sein, etliche Funktionäre wurden aus der nordkoreanischen Provinz nach Pjöngjang beordert. Schon im November hätten sie enge Vertraute von Chang in der chinesisch-nordkoreanischen Sonderwirtschaftszone Rason im Norden nicht mehr angetroffen, berichteten chinesische Funktionäre. Chang war unter anderem für den Aufbau von Sonderwirtschaftszonen in Nordkorea verantwortlich.

Schon wächst die Furcht unter den Nachbarn, Kim könne die innere Krise mit Provokationen nach außen überdecken wollen - etwa mit einem Raketen- oder gar einem neuen Atombombentest. China soll seine Grenztruppen im Nordosten in Alarmbereitschaft versetzt haben, um womöglich mehr Flüchtlinge als sonst abzufangen.

Über die wahren Gründe, warum Kim seinen Onkel hinrichten ließ, herrscht noch immer Unklarheit. Hinweise gibt die von der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA veröffentliche Anklage, ein Sammelsurium von Beleidigungen ("Abschaum", "schlimmer als ein Hund"), Absurditäten und Andeutungen, in dem sich jedoch spannende Hinweise über das Innenleben des Machtapparats Nordkoreas verstecken.

Nach der Wahl von Kim zum Vizevorsitzenden der Militärkommission im Jahr 2010 sei Chang nur "unwillig von seinem Platz aufgestanden und habe nur halbherzig applaudiert", heißt es da. Zudem habe er die Errichtung eines Mosaiks zum Andenken von Staatsgründer Kim Il Sung und dessen Sohn Kim Jong Il - dem Großvater und Vater des heutigen Herrschers - ebenso verhindert wie den Plan einer Einheit der "Internen Sicherheitskräfte", die Unterschrift Kim Jong Uns in Granit zu meißeln.

Anklage offenbart Schwachstellen des Regimes

Alles nur verletzte Eitelkeit des Kim-Clans? Die Anklage offenbart Eingeständnisse der Schwäche: Das Material für den Wohnungsbau in Pjöngjang sei so schlecht gewesen, dass es innerhalb weniger Jahre zerfallen musste. Und die noch von Kim Jong Il im Jahr 2009 initiierte Währungsreform, die die Ersparnisse vieler Bürger vernichtete - missglückt.

Nun wird als Alleinschuldiger der angeblich machtgierige Chang Jong Thaek präsentiert. Er sei auch für enorme Staatsschulden verantwortlich und habe deshalb das Gelände der Rason-Wirtschaftszone an ein "ausländisches Land" (gemeint ist China) auf 50 Jahre "ausverkauft".

Der Schlag gegen Chang sei ein Hinweis auf "größere Probleme", meint der deutsche Nordkorea-Experte Rüdiger Frank in einem Beitrag auf der amerikanischen Webseite 38North.org. Die Kims hätten wohl mit einem "seit 22 Jahren nie dagewesenen Bau-Boom" und neuen Vergnügungsstätten inklusive eines Delphinariums in Pjöngjang den Etat des Landes weit überzogen. Es sei unausweichlich, dass es mit der Wirtschaft bergab gehe. Der Onkel sei "ein Sündenbock für einen ökonomischen Rückgang oder die Entschuldigung für einen drastischen Wechsel in der Wirtschaftspolitik", schreibt Frank.

Jedenfalls wissen die Nordkoreaner nun eines: "Lobhudeler und Anhänger" hätten Chang als "Genossen Nr. 1" bezeichnet - und damit die Autorität des "Obersten Befehlshabers" Kim in Frage gestellt. Das heißt: Ihre Führung ist sich nicht so einig, wie es die Propaganda immer glauben machen wollte - und bekämpft sich inzwischen bis zum Tod.

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