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10. Oktober 2014, 17:41 Uhr

Putsch-Spekulationen über Nordkorea

Kims gefährliche Genossen

Von Christoph Asche

Kim Jong Un ist verschwunden. Offiziell ist von einer Beinverletzung die Rede. Doch in Nordkoreas Machtzirkel gibt es Personen, die sich Hoffnung auf eine Nachfolge machen dürften.

Hamburg - Wo steckt Kim Jong Un? Seit Wochen ist Nordkoreas Machthaber nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten. Die letzten Bilder des eigentlich wenig kamerascheuen Diktators stammen vom 3. September. Seitdem fanden wichtige Termine ohne Kim statt - und auch beim 69. Jahrestag der Arbeiterpartei, nach Staatsverständnis ein Pflichttermin für Nordkoreas Herrscher, stand Kim nicht auf der Teilnehmerliste.

Nordkorea hatte über das Staatsfernsehen bislang lediglich ein "Unwohlsein" Kims eingeräumt. Ein Insider mit Zugang zur nordkoreanischen Führung berichtete zuletzt, Kim leide an einer sich verschlechternden Beinverletzung. Wie es wirklich um ihn bestellt ist, bleibt offen.

Kims Abwesenheit liefert aber Anlass zu Spekulationen um die Machtstellung des jungen Diktators. Denn in den vergangenen Wochen ist ein Mann in den Vordergrund getreten, den bislang höchstens Experten kannten: Hwang Pyong So, Leiter des Politbüros der Armee, der als Nummer zwei des Landes nach dem Staatschef gilt.

Zuletzt hatte eine Delegation um Hwang den Machthaber bei offiziellen Anlässen vertreten. Erst vor wenigen Tagen reiste dieser nach Südkorea, um dort mit hochrangigen Politikern Gespräche zu führen. Das ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Zum einen, weil Hwang vor der Reise nach Südkorea keinerlei außenpolitische Erfahrung hatte - und plötzlich politisch hochbrisante Verhandlungen führte.

Stutzen lässt aber auch die Bildsprache: Fotos zeigen Hwang in Begleitung mehrerer Bodyguards - ein Privileg, das in Nordkorea sonst nur dem "Obersten Führer" vorbehalten ist. Zuvor war er mit Kims Präsidentenmaschine von Pjöngjang nach Seoul geflogen, berichtet "New Focus International", eine Nachrichtenseite von Exil-Nordkoreanern. Hwangs Auftritt sei ein "fundamentaler Verstoß gegen Nordkoreas Machtprinzip" gewesen, heißt es auf der Website.

Mit anderen Worten: Hwang, der seit 2011 zu Kims engsten Beratern gehört, trat wie ein Staatschef auf. Sollte Kim Jong Un tatsächlich nur erkrankt sein, hätte er die Gespräche in Südkorea auch verschieben oder absagen können - stattdessen trat Hwang in offizieller Funktion auf.

Kims Herrschaft verläuft angeblich "normal"

Schickt sich Kims politischer Weggefährte an, den Diktator zu beerben? Dagegen spricht, dass Hwang nicht aus der einflussreichen Kim-Dynastie stammt und somit zumindest auf dem Papier keine politische Legitimation für eine Nachfolge hätte. Südkoreanische Experten gehen zudem davon aus, dass Kims Herrschaft "normal verläuft". Die jüngsten Ereignisse lassen diese Einschätzung aber zumindest zweifelhaft erscheinen - zumal Hwang nicht der Einzige ist, der Kim Jong Un gefährlich werden könnte.

Zuletzt berichtete der US-Sender NBC unter Berufung auf eine Aktivistengruppe in Südkorea, Kims Schwester Kim Yo Jong könnte vorübergehend die Regierungsgeschäfte von ihrem Bruder übernommen haben. Laut Nordkorea-Experten hat die 27-Jährige, mit der Kim um die Jahrtausendwende gemeinsam eine Schweizer Schule besucht haben soll, einen führenden Posten bei der regierenden Arbeiterpartei inne.

"Sie gehört zu den wenigen Menschen in Nordkorea, die einen direkten Draht zu Kim Jong Un haben", sagte Michael Madden, Gründer des Blogs "North Korea Leadership Watch", vor wenigen Tagen der NBC. Es würde ihn nicht überraschen, wenn Kims Schwester vorerst die Geschicke in Pjöngjang leite, so Madden weiter.

Zwei weitere ambitionierte Mitglieder des Staatsapparats spielen in der Debatte um eine mögliche Entmachtung Kim Jong Uns ebenfalls eine wichtige Rolle. Choe Ryong Hae und Kim Yang Gon gehörten der Delegation an, die kürzlich in Südkorea Gespräche mit hochrangigen Spitzenpolitikern führte. Die zwei Sekretäre der kommunistischen Partei könnten jetzt ihre Chance auf einen politischen Aufstieg wittern.

Besonders Choe dürfte hochmotiviert sein: Erst vor wenigen Wochen hatte ihn Kim Jong Un entmachtet, bis dahin war er Stellvertreter des Diktators in der einflussreichen Nationalen Verteidigungskommission. Sowohl Choe als auch Kim Yang Gon galten lange als enge Vertraute Kim Jong Uns. Sie besitzen also wertvolles staatspolitisches Hintergrundwissen.

Die innenpolitischen Querelen treffen Nordkorea zu einer kritischen Zeit. Während sich beide Koreas zuletzt angenähert hatten, kam es in dieser Woche an der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea zu mehreren Feuergefechten. Kein idealer Zeitpunkt für ein Machtvakuum an der Spitze des isolierten Staates.

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