Putsch-Spekulationen über Nordkorea Kims gefährliche Genossen

Kim Jong Un ist verschwunden. Offiziell ist von einer Beinverletzung die Rede. Doch in Nordkoreas Machtzirkel gibt es Personen, die sich Hoffnung auf eine Nachfolge machen dürften.

Kim Jong Un mit hohen Millitärs (Archivbild): Nordkoreas Machthaber ist seit Wochen nicht mehr öffentlich aufgetreten
AFP

Kim Jong Un mit hohen Millitärs (Archivbild): Nordkoreas Machthaber ist seit Wochen nicht mehr öffentlich aufgetreten

Von Christoph Asche


Hamburg - Wo steckt Kim Jong Un? Seit Wochen ist Nordkoreas Machthaber nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten. Die letzten Bilder des eigentlich wenig kamerascheuen Diktators stammen vom 3. September. Seitdem fanden wichtige Termine ohne Kim statt - und auch beim 69. Jahrestag der Arbeiterpartei, nach Staatsverständnis ein Pflichttermin für Nordkoreas Herrscher, stand Kim nicht auf der Teilnehmerliste.

Nordkorea hatte über das Staatsfernsehen bislang lediglich ein "Unwohlsein" Kims eingeräumt. Ein Insider mit Zugang zur nordkoreanischen Führung berichtete zuletzt, Kim leide an einer sich verschlechternden Beinverletzung. Wie es wirklich um ihn bestellt ist, bleibt offen.

Kims Abwesenheit liefert aber Anlass zu Spekulationen um die Machtstellung des jungen Diktators. Denn in den vergangenen Wochen ist ein Mann in den Vordergrund getreten, den bislang höchstens Experten kannten: Hwang Pyong So, Leiter des Politbüros der Armee, der als Nummer zwei des Landes nach dem Staatschef gilt.

Hwang Pyong So (l.): Plötzlich Verhandlungsführer
REUTERS

Hwang Pyong So (l.): Plötzlich Verhandlungsführer

Zuletzt hatte eine Delegation um Hwang den Machthaber bei offiziellen Anlässen vertreten. Erst vor wenigen Tagen reiste dieser nach Südkorea, um dort mit hochrangigen Politikern Gespräche zu führen. Das ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Zum einen, weil Hwang vor der Reise nach Südkorea keinerlei außenpolitische Erfahrung hatte - und plötzlich politisch hochbrisante Verhandlungen führte.

Stutzen lässt aber auch die Bildsprache: Fotos zeigen Hwang in Begleitung mehrerer Bodyguards - ein Privileg, das in Nordkorea sonst nur dem "Obersten Führer" vorbehalten ist. Zuvor war er mit Kims Präsidentenmaschine von Pjöngjang nach Seoul geflogen, berichtet "New Focus International", eine Nachrichtenseite von Exil-Nordkoreanern. Hwangs Auftritt sei ein "fundamentaler Verstoß gegen Nordkoreas Machtprinzip" gewesen, heißt es auf der Website.

Mit anderen Worten: Hwang, der seit 2011 zu Kims engsten Beratern gehört, trat wie ein Staatschef auf. Sollte Kim Jong Un tatsächlich nur erkrankt sein, hätte er die Gespräche in Südkorea auch verschieben oder absagen können - stattdessen trat Hwang in offizieller Funktion auf.

Kims Herrschaft verläuft angeblich "normal"

Schickt sich Kims politischer Weggefährte an, den Diktator zu beerben? Dagegen spricht, dass Hwang nicht aus der einflussreichen Kim-Dynastie stammt und somit zumindest auf dem Papier keine politische Legitimation für eine Nachfolge hätte. Südkoreanische Experten gehen zudem davon aus, dass Kims Herrschaft "normal verläuft". Die jüngsten Ereignisse lassen diese Einschätzung aber zumindest zweifelhaft erscheinen - zumal Hwang nicht der Einzige ist, der Kim Jong Un gefährlich werden könnte.

Zuletzt berichtete der US-Sender NBC unter Berufung auf eine Aktivistengruppe in Südkorea, Kims Schwester Kim Yo Jong könnte vorübergehend die Regierungsgeschäfte von ihrem Bruder übernommen haben. Laut Nordkorea-Experten hat die 27-Jährige, mit der Kim um die Jahrtausendwende gemeinsam eine Schweizer Schule besucht haben soll, einen führenden Posten bei der regierenden Arbeiterpartei inne.

Kim Yo Jong, Schwester des Diktators: Ambitionen auf die Herrschaft?
DDP/ Yonhap

Kim Yo Jong, Schwester des Diktators: Ambitionen auf die Herrschaft?

"Sie gehört zu den wenigen Menschen in Nordkorea, die einen direkten Draht zu Kim Jong Un haben", sagte Michael Madden, Gründer des Blogs "North Korea Leadership Watch", vor wenigen Tagen der NBC. Es würde ihn nicht überraschen, wenn Kims Schwester vorerst die Geschicke in Pjöngjang leite, so Madden weiter.

Zwei weitere ambitionierte Mitglieder des Staatsapparats spielen in der Debatte um eine mögliche Entmachtung Kim Jong Uns ebenfalls eine wichtige Rolle. Choe Ryong Hae und Kim Yang Gon gehörten der Delegation an, die kürzlich in Südkorea Gespräche mit hochrangigen Spitzenpolitikern führte. Die zwei Sekretäre der kommunistischen Partei könnten jetzt ihre Chance auf einen politischen Aufstieg wittern.

Choe Ryong Hae: Auf Mission in Südkorea
AP

Choe Ryong Hae: Auf Mission in Südkorea

Besonders Choe dürfte hochmotiviert sein: Erst vor wenigen Wochen hatte ihn Kim Jong Un entmachtet, bis dahin war er Stellvertreter des Diktators in der einflussreichen Nationalen Verteidigungskommission. Sowohl Choe als auch Kim Yang Gon galten lange als enge Vertraute Kim Jong Uns. Sie besitzen also wertvolles staatspolitisches Hintergrundwissen.

Die innenpolitischen Querelen treffen Nordkorea zu einer kritischen Zeit. Während sich beide Koreas zuletzt angenähert hatten, kam es in dieser Woche an der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea zu mehreren Feuergefechten. Kein idealer Zeitpunkt für ein Machtvakuum an der Spitze des isolierten Staates.



insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lpino 10.10.2014
1. Wenn es nur Gicht...
Wenn es nur die Gicht ist, an der Kim leiden soll, dann hätte er zum Jahrestag der Arbeiterpartei doch zumindest eine schön inszenierte Video-Grußbotschaft an die Massen gerichtet...
mwroer 10.10.2014
2. Hat der Kleine ...
doch zuviele 'Reformen' zu schnell gewagt und wurde abgesägt. Bevor jetzt jemand meint 'mit Reformen hat das nichts zu tun ...'. Doch hat es. In diesem Umfeld nach Jahrzehnten Stagnation ist jeder kleine Schritt ein Risiko. Zuviel auf einmal und es ist vorbei. Man kann das durchaus mit der Reha nach 4 Jahren Bettlägrigkeit vergleichen. Natürlich sind 5 Meter kein Spaziergang - für den Patienten allerdings sehr wohl. Sollte sich bewahrheiten dass er abgesägt ist wäre das sehr schade und wir können uns auf weitere Jahre Eiszeit einrichten.
zitzewitz 10.10.2014
3. Führungswechsel
Na, da können wir uns ja schon mal auf ein pompöses Staatsbegräbnis freuen, wenn der geliebte Führer demnächst an einer unvorhersehbaren Komplikation seiner Erkrankung erliegt oder auf dem Weg ins Krankenhaus einen bedauerlichen Unfall erleidet. Danach dann die unvermeidlichen Säuberungen und Schauprozesse bis eine neue Führung fest im Sattel sitzt. Im Hintergrung werden bestimmt schon die langen Messer gewetzt.
eckawol 10.10.2014
4. Wenn der Machtzirkel um Kim Un sich Hoffnungen macht,
dann könnten diese Machtzirkel-Mitglieder versuchen, sich das Land aufzuteilen mit entsprechende Auseinandersetzungen untereinander. Folge : China greift ein oder gibt an Südkorea(SK) ab; SK ist aber noch nicht vorbereitet auf diese Aufgabe der Wiedervereinigung. Was machen USA , Rußland und als Betrachter auf der Seitenlinie Japan?
McMacaber 10.10.2014
5.
.. ist ja bald weihnachten - daher ist spekulatius wohl wieder erlaubt. und da über nordkoreas innere zustände eh nur spekuliert wird, passt das ja ganz gut. um nicht gänzlich unspekulierend zu sein: vermutlich wird die generalität eher einer nord-süd verständigung zuträglich sein als der "sohnemann des sohnemann" - indoktrinierter als die blutsbande geht es doch kaum.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.