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01. November 2019, 19:57 Uhr

Pjöngjangs neuer Raketentest

Warnschüsse aus Nordkorea

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Millionen Nordkoreaner hungern und das Regime in Pjöngjang übt sich in Machtdemonstrationen. Erneut hat es Raketen getestet - und den USA ein Ultimatum gesetzt. Was über die Tests bekannt ist und was sie bedeuten.

Das nordkoreanische Regime hatte etwas zu feiern. Man habe einen "supergroßen" Mehrfachraketenwerfer getestet, hieß es aus Pjöngjang. Das "Feuersystem" funktioniere perfekt, Staatschef Kim Jong Un sei zufrieden.

Die Verlautbarungen bestätigten, was Nachbarländer schon vermutet hatten: Am Donnerstag hatte Nordkorea Raketen getestet. Südkorea sprach von zwei "unbekannten Projektilen", das japanische Verteidigungsministerium teilte mit, es könnte sich um zwei ballistische Kurzstreckenraketen gehandelt haben. Tests dieser Art sind Nordkorea durch Uno-Resolutionen untersagt. Derartige Raketen können konventionelle, chemische, biologische oder atomare Sprengköpfe befördern.

Es waren nicht die ersten Raketenstarts in diesem Jahr; Nordkorea hatte zudem auch gedroht, wieder Langstreckenraketen zu testen. Damit will das Regime im Streit über sein Atomprogramm Druck ausüben, vor allem auf die USA. Die Regierung von US-Präsident Donald Trump spielte die Drohungen bislang herunter - doch nun braucht er schnelle Erfolge, sonst könnte ihm das Thema im anstehenden Wahlkampf schaden.

Welche Informationen gibt es über die Tests? Und was bedeuten sie für die Region? Der Überblick.

Was ist über den Raketentest bekannt?

Die Projektile wurden nach Angaben der südkoreanischen Armee von der Provinz Süd-Pyongan in der Nähe der Hauptstadt Pjöngjang gestartet. Der erste Abschuss erfolgte demnach am Donnerstag um 16:35 Uhr Ortszeit, der zweite drei Minuten später.

Die Projektile flogen etwa 370 Kilometer weit und erreichten eine Höhe von 90 Kilometern, bevor sie ins Japanische Meer (koreanisch: Ostmeer) stürzten. Eine US-amerikanische Militärbasis im Norden Tokios schlug kurzzeitig Alarm.

Machthaber Kim gratulierte nach Angaben der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA den Wissenschaftlern. Der Test habe gezeigt, dass das System genug Feuerkraft habe, um feindliche Ziele bei einem Überraschungsangriff vollständig zerstören zu können, hieß es bei KCNA.

Wie ist das Verhältnis zwischen Nordkorea und den USA?

Am 5. Oktober hatten sich Vermittler der nordkoreanischen und der US-amerikanischen Regierung zu Gesprächen über das nordkoreanische Atomprogramm in Schweden getroffen. Diese waren aber ohne Ergebnis zu Ende gegangen. Vor wenigen Tagen ließ die Führung in Pjöngjang wissen, ihr gehe allmählich die Geduld aus. In einem Statement hieß es, es gebe keine nennenswerten Fortschritte. Die US-Regierung irre sich sehr, sollte sie Kims Ultimatum nicht ernst nehmen.

Damit ist eine Frist bis Ende des Jahres gemeint, die der Diktator der Führung in Washington gesetzt hatte. Bis dahin solle die US-Seite Vorschläge vorlegen, die für alle Beteiligten akzeptabel seien. Pjöngjang fordert unter anderem eine Lockerung der internationalen Sanktionen. US-Diplomaten sehen das allerdings skeptisch.

US-Präsident Trump zeigt unterdessen, dass das Thema atomare Abrüstung offenbar noch auf seiner politischen Agenda steht. Am Freitag nominierte er Stephen Biegun als stellvertretenden Außenminister. Biegun, eigentlich ein Russlandexperte, ist in Trumps Regierung für die Nordkorea-Angelegenheiten zuständig und führte auch die Gespräche in Stockholm. Von Republikanern und Demokraten kamen positive Reaktionen auf die Personalie.

Dennoch schlug Trump nach den Raketentests Kritik entgegen: "Diese Tests sind eine Erinnerung daran, dass Donald Trump - ein selbsternannter Friedensstifter - nichts erreicht hat außer einer Reihe spektakulärer diplomatischer Fehlleistungen, die US-amerikanische Bürger weniger sicher machen", hieß es von Joe Biden, einem möglichen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten. Nun sei offensichtlich, dass Trump mit seiner Nordkorea-Strategie gescheitert sei.

Wie ist das Verhältnis zwischen Nord- und Südkorea?

In Südkorea löste Mitte Oktober die Veröffentlichung neuer Propagandabilder aus Pjöngjang Nervosität aus. Sie zeigten Kim auf einem weißen Pferd im Schnee auf dem als heilig geltenden Berg Paektu. Normalerweise würden solche Bilder publiziert, wenn in Nordkorea größere Veränderungen anstünden, hieß es aus Seoul. Die blieben aus, vor wenigen Tagen sah es sogar noch nach Entspannung aus: Kim schickte ein Beileidsschreiben an den südkoreanischen Präsidenten Moon Jae. Dessen in Nordkorea geborene Mutter Kang Han Ok war im Alter von 92 Jahren gestorben. Am Tag ihres Begräbnisses startete Nordkorea den Raketentest.

Nord- und Südkorea hatten sich 2018 auf das Ende aller Feindseligkeiten geeinigt. Kim sieht allerdings in südkoreanischen Manövern ein Verstoß gegen die Vereinbarungen - in nordkoreanischen Medien ist von Kriegstreiberei die Rede.

Wie ist die Situation in Nordkorea?

Ein Grund für die Drohgebärden Kims könnte die schlechte Versorgungslage in seinem Land sein, die sich durch die internationalen Sanktionen weiter verschärft. Einem neuen Uno-Bericht zufolge ist fast die Hälfte aller Nordkoreaner unterernährt. 140.000 Kinder seien betroffen, 30.000 von ihnen hätten deswegen ein erhöhtes Todesrisiko. Für den Nahrungsmangel machen Experten die Misswirtschaft des Regimes verantwortlich.

Welche Rolle spielt China?

Seit vielen Jahren ist China der wichtigste Verbündete des nordkoreanischen Regimes. Vor allem wirtschaftlich ist Pjöngjang auf Pekings Wohlwollen angewiesen. Kim hat sich in diesem Jahr mehrfach mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping getroffen. Gleichzeitig kamen immer mehr chinesische Touristen nach Nordkorea, laut der Organisation Korea Risk Group in diesem Jahr bislang etwa 350.000. Die Besucher sollen mehr als 175 Millionen Dollar ins Land gebracht haben.

Mit Material von Reuters und AP

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