Rätselhafter Entwicklungssprung Starthilfe für Kims Raketen

Sieben neue Raketenmodelle in wenigen Jahren - wie macht Nordkorea das? Wohl kaum ohne Hilfe, meinen Experten. Antriebe könnten aus der Ukraine stammen. Moskau nutzt diesen Verdacht für seine Zwecke aus.

Hwasong 14
AP/ Korea News Service

Hwasong 14

Von , Moskau


Bedroht Kim Jong Un die USA tatsächlich mit Raketen, die von ukrainischen Antrieben befeuert werden? Das fragt die Moderatorin im russischen Staatsfernsehen, um dann auch gleich von einem Skandal zu sprechen.

Ausführlich griff "Rossija 24" am Mittwoch Meldungen auf, wonach Motoren für die nordkoreanischen Mittelstrecken- und Interkontinentalraketen aus Beständen der ukrainischen Firma Juschmasch stammen könnten.

Die ukrainische Regierung hat das, wie das Unternehmen auch, zurückgewiesen. In Kiew spricht man von einer "russischen Provokation". Allerdings hält selbst der Chef des ukrainischen Konstruktionsbüros Juschnoje Alexander Degtjarjow es für möglich, dass Triebwerke aus der ehemals sowjetischen Raketenfabrik kopiert worden sein könnten. Russlands Vizeregierungschef Dmitrij Rogosin kommentierte das am Mittwoch mit den Worten, ohne die Hilfe ukrainischer Experten seien solche Kopien ja wohl kaum möglich. Die nächste Provokation.

Der Nordkorea-Konflikt ist damit zum Gegenstand des russisch-ukrainischen Propagandakriegs geworden. Fakten werden großzügig ausgeblendet.

So vermieden es russische Medien auf den Ursprung der Meldungen einzugehen: der Studie von Michael Elleman, Experte beim in London ansässigen International Institute for Strategic Studies, kurz IISS.

Elleman untersucht darin die Frage, wie Nordkorea so schnell Fortschritte bei seinen Interkontinentalraketen erzielen konnte. Wofür andere Länder wie die USA und Sowjetunion viele Jahre und unzählige Tests benötigten, braucht das Regime, so scheint es, nur einen Bruchteil der Zeit. Im Juli ließ Machthaber Kim Jong Un zwei Langstreckenraketen vom Typ Hwasong-14 erfolgreich abschießen. Die erste, so berechneten Experten, hätte bis nach Alaska fliegen können. Die zweite, wenn sie flacher abgeschossen worden wäre, bis in die kontinentalen USA.

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Für das Regime ein Erfolg, der nach Meinung von Fachleuten ohne Hilfe aus dem Ausland kaum möglich ist. Kein anderes Land habe so schnelle Fortschritte gemacht wie Nordkorea, sagt Elleman. Er glaubt, dass Nordkorea die Hochleistungs-Flüssigstofftriebwerke trotz strikter Sanktionen im Ausland gekauft hat. Elleman vermutet illegale Netzwerke in der Ukraine und/oder Russland, über die Pjönjang die Technik erworben haben könne.

Konkret nennt der Experte die Firma Juschmasch als eine der Quellen, ein ukrainisches Rüstungsunternehmen in Dnipro. Für diesen Vorwurf wird IISS-Experte Elleman in ukrainischen sozialen Medien nun angefeindet.

Elleman erwähnt in seinem Bericht aber nicht nur diese ukrainische Firma, sondern auch den russischen Konzern Energomasch. Dies aber fand in der Berichterstattung bisher kaum Raum: in Russland ohnehin nicht, zumal die für das Unternehmen zuständige Behörde Roskosmos schweigt. Auf Anfrage des SPIEGEL lehnte sie es ab, den Bericht zu kommentieren. Aber auch international nicht, da die "New York Times", die als erste über die Studie berichtete, in ihrer Überschrift nur die Ukraine nannte.

In beiden Unternehmen, Juschmasch und Energomasch, wurde der sowjetische Raketenantrieb des Typs RD-250 hergestellt; bei Juschmasch bis 2001. Welche Lagerbestände es noch gibt, ist nicht bekannt.

Elleman glaubt nach Analysen, dass Nordkorea genau diesen sowjetischen Raketenantrieb nutzt. Wie alle Experten muss auch er sich bei seinen Untersuchungen auf die Fotos und Videos der Raketen stützen, die Nordkorea über staatliche Kanäle verbreitet.

Juschmasch
REUTERS/ Ukrainian Presidential Press Service

Juschmasch

Sieben neue Modelle - "mal eben so"

Robert Schmucker, Raketenbauingenieur, der mit 73 Jahren noch als Professor an der Technischen Universität München lehrt, stützt Ellemans Analysen: "Es ist ziemlich klar: Das Triebwerk der Hwasong-14 stammt aus der Baureihe RD-250, die wurde in den Sechzigerjahren für russische Langstreckenraketen entwickelt."

Nordkorea könne gar nicht ohne fremde Technik arbeiten, in den vergangenen Jahren hätte Pjöngjang sieben neue Raketenmodelle "mal eben so" präsentiert. "Es ist sieht so aus, als würde Nordkorea alles nehmen, was es bekommen kann."

Unter Experten gilt es als unbestritten, dass ein großer Teil der nordkoreanischen Raketen, vor allem die mit flüssigem Treibstoff, aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion stammt. Die Feststoffraketen wiesen dagegen große Ähnlichkeiten mit chinesischen Modellen auf, sagt Schmucker.

Er spricht von einer Abschuss-Show der Nordkoreaner und glaubt, dass das Regime dabei auch auf Experten aus dem postsowjetischen Raum zurückgreift. "Der Antrieb allein ist es nicht, es braucht Personal mit Erfahrung, das die Raketen zusammenbaut."

Wann und wie die Raketen sowjetischer Bauart nach Nordkorea gelangt sein könnten, ist unklar. Seit 1991 habe Russland keine Waffen und Militärtechnik nach Nordkorea geliefert, sagt Igor Korotschenko, Herausgeber der Zeitschrift "Nationale Verteidigung". Das sind allerdings die offiziellen Angaben. Was im Chaos nach dem Zerfall der Sowjetunion an Konstruktionsplänen und Raketentechnik alles seinen Weg nach Nordkorea fand, ist unklar.

Die Neunzigerjahre sind lange vorbei, die Sicherheitsapparate seien heute stark, sagt Alexander Gabuev vom Moskauer Carnegie Zentrum. Er bezweifelt, dass aktuell noch Raketentechnik aus Russland mit Wissen des Staates nach Nordkorea gelange. Dass sei nicht im Interesse des Kreml. "Putin macht nicht alles, was den USA Probleme bereitet. Er ist sehr viel rationaler, als viele behaupten."

Der Präsident habe weder ein Interesse daran, die Situation im Osten seines Landes weiter zu destabilisieren, noch daran, dass die USA immer mehr Soldaten in Südkorea stationieren.



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