Protokolle aus Nordkorea "Im Winter ist es eiskalt in den Krankenhäusern"

Wie ticken die Nordkoreaner? Heidi Linton und Kim Jin-Hyang kennen das isolierte Land aus langjähriger Erfahrung. Hier sprechen sie über die extremen Nöte im Volk - und feucht-fröhliche Feierabende.
Von Susanne Koelbl, Christoph Scheuermann und Corina Zellweger
Babys in einem Krankenhaus in Pjöngjang

Babys in einem Krankenhaus in Pjöngjang

Foto: Damir Sagolj/ REUTERS

Nur wenige Menschen aus dem Westen schaffen es überhaupt jemals, nach Nordkorea einzureisen. Zwar gibt es Reiseunternehmen, die Trips in das verarmte, isolierte Land anbieten. Doch diese Trips folgen einem streng reglementierten Ablaufplan und stehen unter engster Überwachung.

Zudem halten sich die Reisenden meist nur für kurze Zeit in Nordkorea auf. Es gibt jedoch Ausnahmen. Dem SPIEGEL ist es gelungen, Gespräche mit Menschen zu führen, die über längere Zeiträume im Land unterwegs waren. Hier schildern zwei von ihnen ihre Beobachtung aus Kim Jong Uns geheimnisvollem Reich.


Heidi Linton

Heidi Linton

Foto: Thomas Peter/ REUTERS

Die Amerikanerin Heidi Linton, 52, arbeitet für die Hilfsorganisation "Christliche Freunde von Korea" in Nordkorea.

"Ich bin vor wenigen Tagen aus Nordkorea zurückgekommen. Wir helfen bei der Versorgung mit sauberem Wasser, bei der Verbesserung von Tuberkulose-Zentren und der Behandlung von Hepatitis B, insgesamt an 31 Orten im ganzen Land. Natürlich sprechen wir mit den Nordkoreanern über die Krise, einige haben Fragen.

Wir arbeiten seit 22 Jahren dort und haben enge Beziehungen aufgebaut. Die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, wissen: Wir sind da, um zu helfen, wir sind aufrichtig. Wir werden sehr herzlich empfangen. Wenn wir im Land herumreisen, machen wir das mit unseren Fahrzeugen und werden dabei von Aufpassern begleitet, die aber auch vielfach unserer Arbeit erleichtern.

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Foto: AFP/ KCNA VIA KNS

Unter anderem haben wir dabei geholfen, 17 Krankenhäuser, Sanatorien und Pflegezentren mit sauberem, fließendem Wasser zu versorgen. Das ändert den Alltag für die Patienten und Mitarbeiter dramatisch. Man kann diese Einrichtungen nicht mit westlichen Krankenhäusern vergleichen. Die meisten haben keine zuverlässige Stromversorgung; wenn es eine Heizung gibt, läuft sie nur sehr beschränkt. Im Winter ist es eiskalt, Fenster haben oft Risse oder sind aus Scherben zusammengeflickt.

Viele Menschen, die wir kennenlernen, machen sich Sorgen um ihr Land. Sie sind sehr dankbar für unsere Hilfe und sehnen sich nach besseren Beziehungen zur Außenwelt. Ich habe oft den Satz gehört: "Wir haben kein Problem mit den Amerikanern. Es ist die amerikanische Regierung, mit der unsere Regierung Ärger hat." Als Amerikaner verkörpern wir für sie das Feindbild, natürlich sind sie da sehr vorsichtig. Aber sie arbeiten mit uns zusammen, unterstützen und akzeptieren uns."


Foto: Future Consensus Institute

Der Professor für Nordkorea-Studien, Kim Jin-Hyang, 48, forscht in Seoul am Future Consensus Institute zur Zukunft der zwei Koreas. Bis zur Schließung der gemeinsam von Südkorea und Nordkorea genutzten Industriezone Kaesong im Februar 2016 lebte er dort gemeinsam mit den Nordkoreanern.

"In meinen vier Jahren in Kaesong habe ich über Nordkorea mehr gelernt als bei all den vielen hochrangigen Verhandlungen, an denen ich beteiligt war und aus all den Büchern, die ich dazu las.

Diese gemeinsam genutzte Industriezone war wie ein Versuchslabor für die Wiedervereinigung. Fünf Millionen Nordkoreaner arbeiteten dort zuletzt mit uns zusammen, und wir erlebten, welche stereotypen Vorstellungen voneinander nach 60 Jahren Teilung aufeinanderprallen.

Anfangs verdienten die Nordkoreaner jeweils 80 Dollar im Monat, später 150 Dollar. Hergestellt wurden vor allem Produkte für Südkorea, Plastikartikel, Kleidung.

Südkorea hatte für die Technologie und die Arbeiter, Nordkorea wiederum stellte das Territorium, 66 Millionen Quadratmeter, und die Angestellten. Südkoreanische Unternehmer kamen, verhandelten und lernten die Nordkoreaner an. Aber schon nach zwei Jahren lief das alles weitgehend von allein, bis das Projekt im Februar 2016 aus politischen Gründen aufgegeben wurde. Ein Riesenfehler.

Nordkoreaner sind inzwischen tatsächlich anders als wir. Sie sagen ganz unverstellt, was sie denken, drücken sich frappierend direkt aus. Sie sind authentisch und haben untereinander einen sehr starken Zusammenhalt. Nach Feierabend trinken sie gerne, singen und tanzen zusammen. Jeder von ihnen spielt ein Instrument.

Wenn man so will, gibt es in dieser sozialistischen Kollektivgesellschaft gar kein Ich. Nordkoreaner arbeiten nicht dafür, Geld zu machen. Es gibt auch keine Boss-Arbeiter-Beziehung. Arbeit wird als eine Art Sozialarbeit am Staat betrachtet.

Südkoreaner fürchten die Nordkoreaner. Sie betrachten sie als lärmendes Volk, das ständig Ärger macht und sehen im Regime in Pjöngjang einen Schurkenstaat. Die Nordkoreaner dagegen sehen die Südkoreaner wie einen Teil ihrer Familie, als eine Ethnie, die nur durch äußere politische Widrigkeiten nicht zueinanderkommt. Diese Betrachtung hat mich berührt und ich empfand das beinahe beschämend. Insofern war Kaesong auch ein Friedensprojekt. Kaesong hatte dazu beigetragen, den Militärkonflikt zwischen Süd- und Nordkorea zu verhindern.

Wir sprachen viel miteinander. Meist ging es um Alltägliches, die Familie, die Arbeit, wie sie und wir die Welt sehen. Nach unserer gemeinsamen Zeit, kann ich sogar ihre Logik verstehen, warum sie 60 Jahre lang diese Militarisierung aufrechterhalten haben.

Aus Sicht Pjöngjangs befinden sich die USA und Nordkorea noch immer im Krieg. Den politischen und wirtschaftlichen Druck betrachten sie als fortgesetzte Kriegführung und die Nuklearraketen sind ihre letzte strategische Waffe für ihre nationale Sicherheit.

Nordkorea wird jetzt auf keinen Fall zurückstecken. Wie seit 2015 angekündigt, werden sie dieses provokative Szenario mit ihren Raketenversuchen immer wieder wiederholen. Ziel ist es, von den USA und der internationalen Gemeinschaft Nichtangriffsgarantien zu erhalten. Nordkorea will nicht mehr um Friedensverhandlungen betteln müssen, sondern sie durch die Demonstration von militärischer Stärke erzwingen. Am Ende geht es darum, kein zweites Irak oder kein zweites Libyen zu werden.

Die militärischen Fähigkeiten der Nordkoreaner sind ja tatsächlich nicht einzuschätzen, wie der jüngste Test der Wasserstoffbombe zeigt. Pjöngjang ist hier sehr selbstbewusst und weiß, dass es gegenüber den USA durchaus eine intensive militärische Krise auslösen kann.

Ich denke, wir unterschätzen auch die Stärke der sogenannten Juchhe-Ideologie, der eigenständigen, unabhängigen Wirtschaftsführung, die Parteistruktur ist durchaus solide und stabil. Sanktionen werden das Problem also nicht lösen und keinen Frieden bringen, sondern die Krise noch verstärken. Es ist jetzt die Zeit, Verhandlungen zu beginnen."