Nordkorea "Stapfe, stapfe, stapfe - in den Fußstapfen des Generals Kim"

Herrscher Kim Jong Il hat seinen Sohn zum General gemacht - aber was bedeutet das für Nordkorea? Das unterdrückte Volk hofft auf etwas Wohlstand, die Partei will noch mehr Atombomben bauen. Im Kim-Clan droht ein Streit über die Zukunft des abgeschotteten Landes.

DPA

Pjöngjang wandelt sich. Der Verkehr wird dichter, immer mehr Bewohner der nordkoreanischen Hauptstadt telefonieren mit dem Handy, und wer genug Geld hat, geht in der Pizzeria essen. Im Hotel "Hauptstadt der Weiden" mit seinen 105 Stockwerken glitzern - nach rund zwanzigjährigem Baustopp - neue Fenster in der Herbstsonne. An den Kreuzungen blinken Ampeln, die schneidigen Verkehrspolizistinnen mit ihren Tellermützen und weißen Söckchen müssen ihnen weichen.

Die kleine Perestroika ist allerdings nur äußerlich, wie sich diese Woche einmal zeigte: Da ließ sich der kränkelnde Generalsekretär Kim Jong Il, 68, in einer archaisch anmutenden Inszenierung als mächtigster Mann des Landes feiern - und katapultierte zugleich mehrere Familienmitglieder in hohe Positionen, um die Kontrolle der Kims über das abgeschottete Land auch für die nächsten Jahre abzusichern.

Kim selbst wurde erneut zum Chef der Arbeiterpartei "geweiht", wie es in der offiziellen Propaganda hieß. Seine 64-jährige Schwester Kim Kyung Hee, bislang für Leichtindustrie in der Partei zuständig, erhielt als erste Frau den Rang eines Vier-Sterne-Generals und sitzt nun auch im Politbüro.

Vor allem aber: Kims jüngster Sohn, Jong Un, 28, die Mutter eine in Japan geborene Tänzerin, ist ebenfalls plötzlich zum General aufgerückt. Zudem erhielt er zwei hohe Parteijobs. Damit dürfte klar sein: Der Filius soll einmal das politische Erbe seines Vaters übernehmen und die Geschäfte der Kim-Dynastie in der dritten Generation weiterführen.

"Unverbrüchliche Bewunderung"

Der junge Kim sieht besser genährt aus als seine Untertanen und trägt die Frisur seines Großvaters. Womöglich hat er eines Tages den Finger am Knopf einer Atomrakete. Allerdings ist er umgeben von einer Phalanx älterer Aufpasser. Nicht nur die Tante, sondern auch deren Gatte, hohes Mitglied der mächtigen Nationalen Verteidigungskommission, Chang Song Taek, 64, dürften ein Auge auf Kim III. werfen, wenn der Papa irgendwann das Zeitliche segnet. Auch wenn sie jetzt nicht befördert wurden: Im Hintergrund wirken zudem andere Familienmitglieder, wie Kims vierte Frau oder eine Tochter aus erster Ehe.

Für die Thronfolgeregelung wurde eine Konferenz der Arbeiterpartei einberufen, die erste seit 44 Jahren. Wie aus einem Dornröschenschlaf geweckt, eilten die Delegierten nach Pjöngjang. Nordkoreas Fernsehen zeigte, wie sie minutenlang ihrem Führer applaudierten, "überströmend von endloser und bewegender Begeisterung und unverbrüchlicher Bewunderung", wie die "Arbeiterzeitung" jubelte.

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Kim Jong Un: Nordkoreas Pokerface
Schon lange gilt Nordkorea als Ausnahmeerscheinung im ehemaligen Ostblock. Seine Herrscher schufen sich nicht nur die Planwirtschaft, sondern auch noch eine Ideologie, die wenig mit Marxismus, aber viel mit quasireligiösen Vorstellungen von einer Reinheit des koreanischen Volkes zu tun hat: Eine heilige Familie herrscht über ein kindliches Volk und schützt seine Unabhängigkeit vor gefährlichen äußeren Einflüssen.

Seine Legitimation schöpft der Clan aus der Geschichte: Großvater Kim Il Sung gründete mit Stalins Hilfe 1948 die "Demokratische Volksrepublik Korea". Seither verbrämen die Kims ihre Diktatur mit Legenden und Mysterien: Das Schicksal ist eng verbunden mit dem heiligen Berg Paektu. Wenn die Koreaner überleben wollen, muss die "Blutlinie" der revolutionären Urgeneration fortgeschrieben werden.

Am Paektu, so heißt es, liegt die Wiege Koreas, und hier hat Kim Jong Il 1942 angeblich während des Kampfes gegen die Japaner in einem Guerilla-Lager das Licht der Welt erblickt. Damals erschien, so die Legende, am Himmel ein doppelter Regenbogen. Sein 1994 verstorbener Vater wacht bis heute als "Ewiger Präsident" aus dem Jenseits über seine Untertanen. Sohn Jong Un soll die Familiendynastie fortsetzen, so wie es in alten Kaiserpalästen üblich war.

Aufenthalt in der Schweiz

Dass die Kims bizarre Inszenierungen lieben, war schon lange klar: Diesmal übertrafen sie sich allerdings selbst: Bis zum Donnerstag wusste kein normaler Nordkoreaner, wie der mögliche Thronfolger überhaupt aussah - obwohl Schulkinder den "Jugend-Hauptmann" seit einigen Wochen schon frühmorgens auf dem Schulhof besangen: "Stapfe, stapfe, stapfe, in die Fußstapfen unseres Generals Kim…".

Auch später wurde kein Porträtfoto veröffentlicht, und nach der inneren kruden Logik des Clans ist dies auch nicht nötig: Das Volk vertraut den Führern ohnehin, Äußeres ist unwichtig. Nur so viel ist außerhalb Nordkoreas über Kim Jong Un bekannt: Unter falschem Namen besuchte er angeblich von 1998 bis 2000 eine Schweizer Schule. Nach dem Unterricht verschwand er stets in die Obhut der nordkoreanischen Botschaft.

Nach Pjöngjang zurückgekehrt, schickte ihn der Papa von 2002 bis 2007 auf die Militärakademie, wo er unter anderem als Artillerist ausgebildet wurde. Später soll er in der "Führungsabteilung" der Partei gearbeitet haben, die alle Kaderakten verwaltet. Andere Nordkorea-Experten wollen von einer kurzen Karriere im Geheimdienst wissen.

Niemand weiß, was er und seine Entourage denken. Wird Kim der Dritte die Welt weiter mit Atombomben erpressen oder den Ausgleich mit Südkorea suchen? Wird er eine Öffnung à la Gorbatschow beginnen oder sich wie sein Vater mit einem grotesken Personenkult umhüllen?

Außenpolitisch werde sich in nächster Zukunft nichts ändern, vermutet Nordkorea-Experte Andrej Lankow von der Kookmin-Universität in Seoul: "Die beste Methode, Hilfe von außen zu erpressen, ist die Widersprüche der großen Mächte auszunutzen, dazu kommt ein bisschen nukleare Erpressung." Während die Parteikonferenz tagte, kündigte ein nordkoreanischer Diplomat vor der Uno in New York prompt an, sein Land werde mehr Atombomben bauen - um die "Aggression" Amerikas und Südkoreas abzuwehren.

Bald ein Vier-Sterne-General?

Lankows Kollege Yoo Ho Yeol dagegen sagt ruhigere Zeiten voraus: "Wichtiger als neue Abenteuer dürfte ihnen sein, den Nachfolgeprozess reibungslos abzuwickeln."

Die Bevölkerung in Nordkorea, die ohnehin nicht gefragt wird, wenn es um die Vergabe von Posten in der Regierung geht, interessierte sich deshalb auch weniger für Personalentscheidungen als dafür, ob bei der Parteikonferenz wirtschaftliche Reformen bekanntgegeben würden, die sie zum versprochenen "Wohlstand" führen. Dazu gehörte etwa die Erlaubnis, mehr private Felder zu bebauen und auf Märkten frei zu handeln.

Nach Jahrzehnten des Mangels ist das Vertrauen in die Fähigkeit der Behörden, das Volk durch ein "öffentliches Verteilungssystem" zu versorgen, geschwunden, Kim Jong Il ist bei vielen nicht beliebt. Selbst die privilegierten Soldaten wirken auf den Bildern der Paraden mager und verhärmt.

Von den erwarteten Reformen war allerdings nach dem Parteitreffen der vergangen Woche zunächst nichts zu hören.

Nicht ausgeschlossen ist, dass sich der Clan schon bald in die Haare kriegt. Zum 65. Jahrestag der Parteigründung am 10. Oktober werden die Kims mit einer Militärparade aber wieder ihre Macht demonstrieren. Vielleicht zeigt sich ja dann ein gewisser Kim Jong Un auf dem Rostrum neben seinem Vater, mit vier goldenen Sternen auf der Schulter.



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Seite 1
aat 23.10.2009
1.
Zitat von sysopScharfe Worte: Bei ihrem Antrittsbesuch in Südkorea hat US-Außenministerin Clinton die "Tyrannei und Armut" im Norden des geteilten Landes gegeißelt. Sie forderte das Regime auf, seine Provokationen zu beenden. Ist eine politische Verständigung mit Nordkorea noch möglich?
War eine sinnvolle Verständigung mit Nordkorea jemals möglich ?
maan, 23.10.2009
2. Nordkorea gegen den Rest der Welt?
Zitat von sysopScharfe Worte: Bei ihrem Antrittsbesuch in Südkorea hat US-Außenministerin Clinton die "Tyrannei und Armut" im Norden des geteilten Landes gegeißelt. Sie forderte das Regime auf, seine Provokationen zu beenden. Ist eine politische Verständigung mit Nordkorea noch möglich?
Erst dann, wenn sich China und Russland durch den Hasardeur selbst bedroht fühlen. Wichtig wäre es, China und Russland wegen der Unterstützung Nordkoreas in der Weltgemeinschaft zu ächten. Ohne Unterstützung hätte der Spuk schnell ein Ende.
Ghost12 23.10.2009
3. Tolle Ausgangsfrage
Zitat von sysopScharfe Worte: Bei ihrem Antrittsbesuch in Südkorea hat US-Außenministerin Clinton die "Tyrannei und Armut" im Norden des geteilten Landes gegeißelt. Sie forderte das Regime auf, seine Provokationen zu beenden. Ist eine politische Verständigung mit Nordkorea noch möglich?
Nein. Die provozieren schon wieder mit ihrer Passivität. Direkt Bomben abwerfen. Für Frieden und Demokratie.
tao chatai 23.10.2009
4.
Zitat von aatWar eine sinnvolle Verständigung mit Nordkorea jemals möglich ?
Na klar,vor dem ersten Ueberfall durch die USA,etwa 1864(ohne zu googeln)
Andreas Henn, 23.10.2009
5.
Zitat von sysopScharfe Worte: Bei ihrem Antrittsbesuch in Südkorea hat US-Außenministerin Clinton die "Tyrannei und Armut" im Norden des geteilten Landes gegeißelt. Sie forderte das Regime auf, seine Provokationen zu beenden. Ist eine politische Verständigung mit Nordkorea noch möglich?
Mit Nodkorea schon, warum auch nicht? Mit dem aktuellen Regime, nein, wie denn auch?
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