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Nordkoreanischer Diktator: Kims Raketen-Protz

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Nordkorea-Konflikt Warum Kims Kalkül aufgehen könnte

Nordkorea hat die Wasserstoffbombe und Interkontinentalraketen - aber wird das Regime sie jemals einsetzen? Mit seinem jüngsten Raketentest hat Diktator Kim Jong Un gezeigt, wie ein Atomkrieg beginnen könnte.

Auf den ersten Blick war Nordkoreas neuester Raketentest wenig spektakulär: Die Mittelstreckenrakete vom Typ Hwasong-12 wurde zuvor bereits mehrfach getestet. Diesmal aber flog sie auf einer Flugbahn, wie sie bei einem echten Angriff typisch wäre: flacher und weiter. Nach Angaben des südkoreanischen Militärs klatschte sie erst nach 3700 Kilometern in den Pazifik. Damit ist klar: Nordkoreas Mittelstreckenraketen können die 3400 Kilometer entfernte US-Militärbasis auf Guam erreichen.

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Zwar bezweifeln Experten, dass Nordkorea in der Lage wäre, eine kleine Insel mitten im Pazifik zuverlässig zu treffen. Der Münchner Raketenexperte Markus Schiller schätzt, dass die Hwasong-12 eine Treffgenauigkeit von 10 bis 20 Kilometern hat, der US-Fachmann David Wright kommt auf 5 bis 10 Kilometer . Das könnte bedeuten, dass Guam selbst bei einem starken Atomsprengsatz gute Chancen hätte, von größeren Schäden verschont zu bleiben.

Doch das ist ein vergleichsweise schwacher Trost. Denn Nordkoreas Regime hat eine Botschaft von hoher Symbolkraft gesendet: Sie deutet an, wie Diktator Kim Jong Un als Erster Atomwaffen einsetzen und trotzdem an der Macht bleiben könnte.

Karte Raketentest 15.9.2017 Nordkorea Japan

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Die bisher am weitesten verbreitete Ansicht lautet, dass Kim seine Atomwaffen als eine Art Lebensversicherung betrachtet: Sie sollen die USA von einem Angriff abhalten und vielleicht auch Erpressungspotenzial in internationalen Verhandlungen bieten. Niemals aber würde Kim die Bombe als erster einsetzen, heißt es - schließlich würden die USA ihn und sein Regime dann umgehend mit einem Gegenschlag auslöschen.

Das aber könnte ein gefährlicher Irrtum sein. Denn neben dieser klassischen Doktrin des garantierten Gegenschlags gibt es auch die der sogenannten asymmetrischen Eskalation: Ein Land, das seinem Gegner militärisch weit unterlegen ist, führt einen begrenzten nuklearen Erstschlag - um einen Krieg schon in der Anfangsphase zu stoppen. Frankreichs Atomdoktrin im Kalten Krieg etwa fußte auf dieser Denkweise, die von Pakistan gegenüber Indien tut es noch immer.

Nuklearschlag wäre aus Kims Sicht rational

Kim Jong Un weiß, dass er einen konventionellen Krieg gegen Südkorea und die USA nicht gewinnen kann. Sollte er zu der Überzeugung kommen, dass ein Angriff der USA unmittelbar bevorsteht, könnte er sich dem "Use it or lose it"-Dilemma gegenübersehen: Entweder er setzt die Bombe ein, oder er verliert sie - womöglich zusammen mit der Macht und seinem Leben.

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Ein begrenzter Erstschlag gegen Guam wäre in einem solchen Szenario kein Akt des Irrsinns, sondern das Ergebnis kühler Kalkulation. "Auf der Grundlage von Angst und Verzweiflung ist der Einsatz von Atomwaffen völlig rational", bemerkte Van Jackson vom US-Korea-Institut der US-Eliteuniversität Johns Hopkins bereits 2015 in einer Analyse . Auch der Atomwaffenexperte Vipin Narang vom Massachusetts Institute of Technology hält Kim für "brutal rational". "Und eben deshalb könnte er sich zum Einsatz von Atomwaffen gezwungen sehen", schrieb  Narang kürzlich in der "Washington Post".

Sein Erstschlag wäre nach dieser Logik nicht gegen eine US-Großstadt gerichtet, sondern gegen kleinere militärische Ziele - wie etwa Guam. Dass die USA in einem solchen Fall mit einem massiven nuklearen Gegenschlag reagieren, ist keinesfalls sicher. Denn Kim hätte nach wie vor seine nuklearen Interkontinentalraketen in der Hinterhand. US-Präsident Donald Trump stünde dann womöglich vor dem Dilemma, nach Guam auch Städte wie San Francisco einem Angriff auszusetzen.

San Francisco für Pjöngjang?

Zwar haben die USA ein Raketenabwehrsystem. Bei bisherigen Tests kam es jedoch immer wieder zu Fehlschüssen, und Fachleute bezweifeln, dass das System jemals hundertprozentige Sicherheit bieten wird - erst recht nicht, wenn die Nordkoreaner mehrere Raketen zugleich abfeuern sollten. Die USA müssten in jedem Fall mit einem Risiko leben, dass Kims Bombe eine amerikanische Metropole verwüstet. Würde die US-Regierung riskieren, San Francisco gegen Pjöngjang zu tauschen?

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Nordkoreanischer Diktator: Kims Raketen-Protz

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In noch größerer Gefahr schweben Kims unmittelbare Nachbarn. Denn neben dem neuesten Raketentest fand eine weitere alarmierende Nachricht wenig Beachtung: Die US-Regierung hat am Donnerstag bestätigt, dass die Nordkoreaner bei ihrem Test am 3. September eine Wasserstoffbombe gezündet haben. Die Größe der Explosion - Experten schätzen sie auf 250 bis 350 Kilotonnen TNT, dem 19- bis 27-Fachen der Hiroshima-Bombe - "weist darauf hin, dass es eine Wasserstoffbombe war", sagte John Hyten, Oberbefehlshaber der US-Atomstreitkräfte.

Damit verfügt Kim über eine Waffe, die ganze Städte auf einen Schlag in Schutt und Asche legen kann. Mit dem "Nukemap"-Tool, das auf Daten der Angriffe auf Hiroshima basiert, lässt sich berechnen, welche ungefähren Folgen ein Angriff auf Südkoreas Hauptstadt Seoul hätte. Ein 300-Kilotonnen-Sprengsatz würde demnach rund eine Million Menschen sofort töten  und 2,7 Millionen weitere verletzen. Die Zahl der Menschen, die den nachfolgenden Bränden oder Jahre später den Folgen der radioaktiven Strahlung zum Opfer fielen, ist darin noch nicht berücksichtigt.

"Das Zeitfenster hat sich geschlossen"

Das Problem: Wann und wodurch Kim zu dem Schluss kommt, dass ein US-Angriff bevorsteht, ist von außen nur schwer einzuschätzen. Eines aber scheint sicher: Trumps "Feuer und Zorn"-Rhetorik trägt nicht zur Beruhigung bei. Auch Vizepräsident Mike Pence, Außenminister Rex Tillerson und Uno-Botschafterin Nikki Haley haben wiederholt betont, dass gegenüber Pjöngjang "alle Optionen auf dem Tisch liegen". Kritiker halten das für einen Fehler. Die USA müssten die Drohung mit einem Präventivkrieg zurücknehmen, schrieb  kürzlich John Delury von der Yonsei University in Seoul in "Foreign Affairs", dem Zentralorgan des amerikanischen Außenpolitik-Establishments.

Denn in einem scheinen sich alle einig zu sein, von liberalen Thinktanks bis hin zu Trumps rechtsnationalem Ex-Berater Steve Bannon: Eine militärische Lösung für das Nordkorea-Problem gibt es nicht - zumindest keine, die Nordkorea entwaffnen und zugleich einen Konflikt mit Hunderttausenden Todesopfern verhindern könnte.

"Das Zeitfenster für einen erfolgreichen US-Angriff auf das nordkoreanische Atomprogramm hat sich geschlossen", bemerkte Scott Sagan von der Stanford University kürzlich in "Foreign Affairs". Es gehe nun nicht mehr um die Verbreitung von Atomwaffen, sondern um Abschreckung. Die USA müssten Nordkorea abschrecken und eindämmen wie einst die Sowjetunion - und "geduldig und wachsam darauf warten, dass das Kim-Regime unter dem Gewicht seiner eigenen wirtschaftlichen und politischen Schwäche kollabiert".

Die Frage ist, ob Donald Trump in der Lage ist, diese Geduld aufzubringen.


Zusammengefasst: Ein Atomkrieg zwischen Nordkorea und den USA könnte wahrscheinlicher sein als allgemein angenommen wird. Experten warnen: Sollte Diktator Kim Jong Un zu der Überzeugung kommen, dass ein Angriff der USA bevorsteht, könnte es aus seiner Sicht sogar rational sein, als Erster einen begrenzten Nuklearschlag zu führen.