Nordkorea US-Experten vermuten Atombomben-Bluff

Seit Jahren droht Nordkorea mit dem Bau von Atombomben. Doch bei einer Visite haben amerikanische Waffenexperten keine Hinweise auf die Existenz von Atomwaffen entdeckt. Allerdings ist Pjöngjang im Besitz von waffenfähigem Plutonium.


Atomanlage Yongbyon: Forschung mit verbrauchten Brennstäben
AP

Atomanlage Yongbyon: Forschung mit verbrauchten Brennstäben

Hamburg - Immer wieder drohte Nordkorea in den vergangenen Monaten im Streit mit den USA mit dem Aufbau eines Atomwaffenarsenals. Doch nach den Erkenntnissen amerikanischer Nuklearexperten hat die Regierung in Pjöngjang bisher anscheinend nicht gehandelt.

Die nordkoreanische Regierung hatte einer US-Delegation den inoffiziellen Besuch seiner Nuklearanlage Yongbyon gestattet. Anfang Januar reiste die Truppe unter Leitung des früheren Direktors des US-Atomwaffenlabors Los Alamos, Sig Hecker, in das kommunistische Land. Es war das erste Mal seit dem Rauswurf der Uno-Inspektoren Ende 2002, dass Nordkorea seine Atomanlagen für ausländische Besucher geöffnet hat.

Hecker sagte dem amerikanischen Kongress, auch wenn keine Beweise für die Existenz einer Atombombe gefunden wurden, könne man daraus nicht ableiten, dass Nordkorea nicht in der Lage sei, eine solche Waffe zu bauen. Der Waffenspezialist durfte sich nach einem BBC-Bericht die hoch geheime Yongbyon-Atomanlage ansehen. Er erklärte, dass dort verbrauchte Brennstäbe gelagert würden, die vor einem Jahr aus dem Kühlbecken der Anlagen geholt worden seien.

Die Nordkoreaner seien eifrig bemüht gewesen, ihm zu beweisen, wie weit sie bereits in der Wiederaufarbeitung vorangekommen seien. Sie hätten ihm erklärt, die Brennstäbe seien in waffenfähiges Plutonium umgewandelt worden.

"Wie waren in einem Konferenzraum, und sie brachten eine rote Metallbox herein", erklärte er vor dem Kongress. "In der Kiste war eine Holzbox mit zwei Glasgefäßen." In einem der beiden Gefäße habe sich nach nordkoreanischen Angaben Plutonium befunden. Hecker erklärte, er sei sich ziemlich sicher, dass die Angaben gestimmt haben. Jedoch hätten ihn die Nordkoreaner nicht davon überzeugt, dass sie die technischen Fähigkeiten besitzen, daraus eine Bombe zu bauen. "Wegen eines Stücks Metall zu sagen, 'ich kann eine Atombombe bauen', ist ungefähr so, als würde jemand mit einem Stück Stahl in der Hand sagen, er wisse, wie man daraus ein Auto baut."

Die Einladung der Koreaner an die US-Delegation diente offenbar einem ganz bestimmten Zweck. Vor einer neuen Gesprächsrunde über das Atomprogramm des Landes will die Regierung Nordkoreas vermutlich ihre Verhandlungsposition stärken, indem sie beweist, dass das Land in der Lage ist, Atomwaffen zu bauen.



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