Neujahrsansprache in Nordkorea Lässig im Ledersessel

Ein gediegenes Ambiente, klare Ansagen an die USA - und eine merkwürdig schnelle Uhr: Kim Jong Uns Neujahrsansprache ist große Propaganda. Die wahre Botschaft lässt sich zwischen den Zeilen heraushören.

Kim Jong Un bei seiner Neujahrsansprache (Propagandafoto)
AP/ KCNA

Kim Jong Un bei seiner Neujahrsansprache (Propagandafoto)

Von , Seoul


Um den Jahreswechsel gibt es in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang viel Neues zu bestaunen. Neben dem traditionellen Silvester-Feuerwerk fand dort erstmals ein großes Konzert unter freiem Himmel mit Lasershow statt. Doch vor allem die Neujahrsansprache von Machthaber Kim Jong Un wirkte dieses Mal ungewohnt.

Anstatt wie sonst von einem Podium zu sprechen - eine Reihe Mikrofone vor, eine Flagge der nordkoreanischen Arbeiterpartei hinter sich - saß Kim nun auf einem breiten Ledersessel. Hinter ihm erstreckte sich eine Bücherwand, auf einem Kaminsims tickte eine Uhr. Den sonst bevorzugten Mao-Anzug hatte Kim gegen einen dunklen Anzug mit heller Krawatte getauscht. Es wirkte eher wie ein Kamingespräch denn wie die Rede eines kommunistischen Führers.

In einem Land, in dem die Propaganda nichts dem Zufall überlässt, sind solche Äußerlichkeiten wichtig. Die Botschaft, die von diesen Bildern ausging, lautet wohl: Hier sitzt ein seriöser Gesprächspartner, ein Staatsmann.

"Kim möchte sich und Nordkorea als modern und normal präsentieren. Er versucht zu zeigen, dass Nordkorea kein rückständiges, hermetisch abgeriegeltes Königreich mehr ist", meint Duyeon Kim, Expertin am Center for a New American Security in Washington D.C.

Zwar richtet Kim sich in seiner traditionellen Neujahrsansprache - die einst sein Großvater Kim Il Sung begann, sein Vater Kim Jong Il vermied und der Sohn wiederbelebte - vor allem an sein eigenes Volk. Einen großen Teil seiner Rede widmete er auch in diesem Jahr wirtschaftlichen Themen. Die Porträts von Vater und Großvater im Hintergrund sollten wohl auch den Herrschaftsanspruch seiner Familie unterstreichen.

Aber er formulierte auch klare Botschaften in Richtung Südkorea und USA. Kim sprach sich insbesondere für weitere Verhandlungen über das Atomprogramm seines Landes aus.

Er sei bereit, US-Präsident Donald Trump "jederzeit" zu treffen und die Beziehungen zu den USA zu verbessern, sagte Kim. Sein Angebot verband er jedoch mit einer klaren Ansage bis hin zu einer Drohung: Sollte die US-Regierung an Sanktionen festhalten und weiter Druck ausüben, werde man die Annäherungspolitik beenden.

Wörtlich sagte er: "Falls die USA ihre vor der ganzen Welt gemachten Versprechen nicht erfüllen, unsere Geduld falsch einschätzen und an Sanktionen und Druckmitteln festhalten, um Dinge einseitig zu erzwingen, werden wir wahrscheinlich keine andere Wahl haben, als einen neuen Weg auszuloten."

Kim bekräftigte damit, was Pjöngjang in den vergangenen Monaten immer wieder betont hat: Er fordert ein Ende der Sanktionen für sein Land. Derzeit betreffen die Strafmaßnahmen rund 90 Prozent der Exporte Nordkoreas. Und er wirft Washington vor, Zusagen nicht einzuhalten und Pjöngjang einseitig zum Abrüsten zu bringen.

Zwar unterzeichneten Trump und Kim bei ihrem Gipfel in Singapur im vergangenen Juni eine Vereinbarung über atomare Abrüstung, jedoch ohne viele Details zu klären. Kim wiederholte nun die Formulierung von Singapur, dass man die "komplette Denuklearisierung" der koreanischen Halbinsel anstrebe. Pjöngjang werde keine Atomwaffen produzieren. Zugleich forderte er aber von Washington ebenfalls "entsprechende Schritte", ohne konkreter zu werden.

Die US-Regierung will der Lockerung von Strafmaßnahmen aber erst dann zustimmen, wenn Pjöngjang weitere Maßnahmen vorweist, etwa eine Auflistung des Atomarsenals oder eine Kontrolle durch internationale Beobachter. Die US-Regierung verhängte Mitte Dezember sogar weitere Sanktionen gegen drei Mitglieder der nordkoreanischen Führung, darunter ein enger Berater Kims. Sie hätten die brutale, staatlich verordnete Zensur vollstreckt und Menschenrechtsverstöße begangen, begründete das US-Finanzministerium die Entscheidung.

Trotz der verfahrenen Gespräche über das nordkoreanische Atomprogramm hatte auch Trump Anfang Dezember bekräftigt, Kim erneut treffen zu wollen - und zwar Anfang 2019.

Wahrscheinlich ist, dass Kim noch vorher die südkoreanische Hauptstadt Seoul besucht, eine Visite von großer symbolischer Bedeutung.

Formell befinden sich beide koreanische Staaten seit dem Koreakrieg von 1950 bis 1953 noch immer im Kriegszustand. Im vergangenen Jahr hat aber vor allem auf Initiative des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-In eine bemerkenswerte Annäherung stattgefunden, auch das betonte Kim in seiner Neujahrsansprache mehrmals. Die Staatsoberhäupter beider Länder trafen sich 2018 zu drei Gipfeln und bekräftigten ihren Willen zur Versöhnung.

Auch militärische Deeskalation wurde verabredet: So wurden Wachposten zerstört und Minen geräumt. Am 26. Dezember leiteten beide Staaten symbolisch die Wiederherstellung ihrer Eisenbahn- und Straßenverbindungen über die Grenze ein. Allerdings dürfte es vorerst bei dieser Zeremonie bleiben, denn wegen der Uno-Sanktionen gegen Nordkorea dürfen keine weiteren Arbeiten vorangehen.

So reflektiert die Neujahrsansprache Kim Jong Uns die politische Lage: Aussöhnung mit Südkorea, ein weiter schwieriges Verhältnis zu den USA - wenngleich nicht annähernd so konfliktreich wie noch vor einem Jahr. Daher ist neben dem Format der diesjährigen Ansprache auch der Ton deutlich gemäßigter. Denn Anfang 2018 drohte Kim noch: "Die gesamten Vereinigten Staaten liegen in Reichweite unserer Kernwaffen und auf meinem Schreibtisch steht immer ein Atomknopf."

Selbst wenn die nordkoreanische Propaganda also nun sehr geschickt gearbeitet hat - perfekt ist sie nicht, wie der deutsche Nordkorea-Kenner und Professor an der Universität Wien, Rüdiger Frank, bemerkt. "Die Neujahrsansprache dauerte 31 Minuten", schrieb er bei Twitter. "Aber jemand hatte hinter Kim eine Uhr aufgestellt. Sie zeigte 12:03 an, als die Rede begann, und 12:55, als sie endete. Das macht 21 fehlende Minuten."

VIDEO: Silvester in Nordkorea und Kims Drohungen

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insgesamt 32 Beiträge
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Darwins Affe 01.01.2019
1. Angst vor dem Drachen
1) Der chinesische Drache macht (nicht nur) den Anliegerstaaten Chinas seit dessen wirtschaftlichem und militärischem Aufstieg Angst. 2) Kim bettelt fast um Anerkennung durch die Amis. Wäre Mad Donald ein genialer Politiker --- wie er von sich behauptet --- könnte er Nordkorea (vielleicht!) dem chinesischen Einflussbereich entziehen.
mwroer 01.01.2019
2.
Wo ist da nun die Drohung? Ehrlich gesagt interpretiere ich das eher als Ansage 'Wenn es nicht mit den USA geht, dann geht es ohne und wir reden nur noch direkt mit Süd-Korea'. Auch das setzt die USA unter Druck weil wenige Länder eine Blockadehaltung der USA akzeptieren werden. Die weitergehende Normalisierung der Beziehungen zu Süd-Korea ist der beste Weg für Nord-Korea, denn Süd-Korea ist durchaus in der Lage die UN selber anzurufen und Ausnahmen von den Sanktionen für solcherlei Projekte zu fordern. Das Nord-Korea us-amerikanischen Militärs, den genannten Inspektoren, ungehinderten Zugang zu jeder (und darum geht es) militärischen Installation gibt, jederzeit, kann man getrost in's Reich der Phantasie verbannen. Welcher Staat würde das tun der nicht komplett abhängig von den USA ist? Also ich sehe ehrlich keine Drohung Nord-Koreas. Lediglich die klare Ansage 'Wenn nicht mit Euch, dann ohne Euch' - mit einem Präsidenten Trump ist das meiner Meinung nach sowieso der bessere Weg.
krautrockfreak 01.01.2019
3. Mit diesem Typ und dem anderen auf der Gegenseite wird es immer
Probleme geben. Heute Freunde, morgen Feinde, dann wieder Freunde usw. Totale Psychopaten - und die Welt muss dem schlechten Spiel zusehen...
k70-ingo 01.01.2019
4. Wann kriegt SPON endlich die Kurve?
Wenn die Autorin schon Prof. Frank, den profiliertesten deutschen Nordkorea-Experten, zu Rate zieht, dann bitte auch zu Sachfragen und nicht zu Kinkerlitzchen wie der defekten Uhr. Etwa der, daß Kim Jong Un kein kommunistischer Führer ist - in Nordkorea wurde der Kommunismus 1977 abgeschafft. Ebenso wurden in Nordkorea zu keinem Zeitpunkt Mao-Jacken getragen.
claus7447 01.01.2019
5. Wenn Donny der Ansicht ist....
.... einen schnellen Deal mit NK zu machen, wird er eine grosse Enttäuschung erleben. Vermutlich hat er noch nie wirkliche "Deals" direkt mit Asien über die Bühne gebracht. Zudem er vergass wer wirklich das Sagen in NK hat: neben der Kim-Dynasti geht ohne China nichts. Auch Russland redet mit. Beide Länder sind für Kim lebenswichtig. NK wäre schön längst am Boden wenn nicht über die landverbindung die Grundversorgung liefe. China hat kein Interesse eines wirtschaftlichen Kollaps. Das würde mit Sicherheit den Westen direkt an die Landesgrenzen bringen, ebenso wird Putin alles tun, dass dies nicht passiert. Das Süd- und Nordkorea die Grenzen "Ein bisschen entschärfen" ist derzeit Symbolik aber könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein, auch wenn eine Wiedervereinigung defacto nicht möglich ist, zu gross die Differenzen. SK könnte es nicht stemmen, die Nomenklatura in NK würde eliminiert. Donald du wirst auch im Alter noch viel lernen müssen. Da Du aber weder bereit bist zu lesen noch zuzuhören, vergiss es und kümmere dich um deine MAUER, nur die kommt auch nicht.
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