Nordkoreanische Atomanlage Satellit entdeckt verdächtige Aktivitäten

Die Befürchtung, dass Nordkorea an der Herstellung von Atomwaffen arbeitet, erhält neue Nahrung: Ein amerikanischer Spionage-Satellit soll aufgezeichnet haben, dass Nordkorea damit begonnen hat, seine rund 8000 Brennstäbe aus der Atomanlage Yongbyon per Lastwagen abzutransportieren.


Satelliten-Aufnahme der Atomanlage von Yongbyon (Archiv)
REUTERS/ DigitalGlobe

Satelliten-Aufnahme der Atomanlage von Yongbyon (Archiv)

Hamburg - Die "New York Times" berichtet heute unter Berufung auf US-Behörden, die Satelliten hätten den ganzen Januar über Lastwagen auf der Atomanlage beobachtet, die zu dem Gebäude gefahren seien, in dem der nordkoreanische Bestand an nuklearen Brennstäben lagerte. Die Vermutung der amerikanischen Geheimdienstler: Entweder wollte die kommunistische Regierung das waffenfähige Material "außer Sichtweite" bringen oder aber sie bastelt bereits an Atomwaffen.

Die US-Regierung geht davon aus, dass Nordkorea mit Hilfe der Brennstäbe von Yongbyon in relativ kurzer Zeit ein halbes Dutzend Atombomben herstellen könnte. Noch jedenfalls sei die Auswertung nicht abgeschlossen, werden die anonymen Regierungsquellen in der "New York Times" zitiert. Was diese vor allem irritiert: Warum unternimmt die nordkoreanische Regierung offenbar überhaupt keine Anstrengung, ihre Aktivitäten zu verbergen?

Als "unverhohlene Erklärung der Aggression" verurteilte Nordkorea indes die Rede von US-Präsident George W. Bush, in der dieser von dem kommunistischen Staat die sofortige Einstellung seines Atomprogramms gefordert hatte. Bush strebe in Nordkorea einen Umsturz an, hieß es in einer Erklärung des nordkoreanischen Außenministeriums, die die amtliche Nachrichtenagentur KCNA in der vergangenen Nacht veröffentlichte.

Ein Sprecher des Ministeriums bezeichnete Bush als "schamlosen Scharlatan" und die "Verkörperung der Menschenfeindlichkeit". Er bekräftigte den Vorwurf der Führung in Pjöngjang, wonach die USA wegen des Atomstreits einen Angriff planten. Die USA irrten, wenn sie glaubten, dass Nordkorea auf die Umsturzversuche passiv reagieren werde.

Erneut wies die nordkoreanische Regierung die Vermittlung der internationalen Gemeinschaft im Atomstreit mit den USA zurück. Pjöngjang werde sich keinesfalls an multilateralen Gesprächen beteiligen, sagte der nordkoreanische Botschafter in China, Choe Jin Su, vor Journalisten.

Wenn andere Regierungen einen Beitrag zur Lösung des Konflikts leisten wollten, sollten sie die Vereinigten Staaten zu direkten und bedingungslosen Gesprächen mit Nordkorea auffordern, sagte Choe. Die USA seien allein für die gegenwärtige Krise verantwortlich. Die Regierung in Washington setzt sich dafür ein, den Atomstreit vor den Uno-Sicherheitsrat zu bringen, und hat internationale Vermittlungsbemühungen ins Gespräch gebracht. Choe bekräftigte weiter die Forderung seiner Regierung nach einem rechtlich bindenden Nichtangriffspakt der USA.

Bush hatte in seiner Rede zur Lage der Nation am Dienstag Nordkorea vorgeworfen, seine Zusagen zur Einstellung seines Atomprogramms gebrochen zu haben. Mit seinen neuen Versuchen, Atomwaffen zu produzieren, wolle Nordkorea die Welt erpressen, sagte Bush. Vor einem Jahr hatte Bush Nordkorea zusammen mit Irak und Iran als "Achse des Bösen" bezeichnet. Er wirft den Staaten vor, nach Massenvernichtungswaffen zu streben und Terroristen zu unterstützen.

Nordkorea hatte nach US-Angaben im Oktober eingeräumt, entgegen einem 1994 geschlossenen Abkommen, sein Atomprogramm fortgesetzt zu haben. Die USA stellten daraufhin die im Abkommen zugesagten Öllieferungen an das Land ein, woraufhin Nordkorea aus dem Atomwaffensperrvertrag austrat. Gestern hatte Nordkorea die USA gewarnt, dass der Streit um das Atomprogramm jederzeit in einen Atomkrieg eskalieren könne. Nordkorea hat direkte Verhandlungen mit den USA gefordert, die dies jedoch abgelehnt haben.



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