Harte Töne gegen die USA Deshalb poltert Kim plötzlich wieder

Schluss mit Kuschelkurs - Kim Jong Un droht mit Absage des Gipfels mit Trump. Was steckt hinter dieser neuen, alten Härte? Die Lösung könnte in China liegen. Dort mehren sich Hinweise auf einen Strategiewechsel.
Kim Jong Un

Kim Jong Un

Foto: AFP/ KNS/ KCNA

Im diplomatischen Hin und Her zwischen den Hauptstädten geht das Offensichtliche manchmal unter. Noch während sich die Protagonisten in Pjöngjang, Seoul und Washington um das Wenn und Aber des für den 12. Juni in Singapur angesetzten Gipfeltreffens zwischen US-Präsident Donald Trump und dem nordkoreanischen Staatsführer Kim Jong Un streiten, hat sich die Wirklichkeit vor Ort verändert: An der chinesischen Grenze zu Nordkorea wird wieder gehandelt!

"Mit doppelt so hohen Schmiergeldern wie früher gehen kleinere Sachen schon wieder durch den Zoll", sagte kürzlich ein chinesischer Geschäftsmann in der nordchinesischen Hafen- und Grenzstadt Dandong einer Reporterin der "New York Times". Seither berichteten viele chinesische Medien von einer neuen Aufbruchsstimmung in Dandong, der einzigen Großstadt an Chinas Grenze zu Nordkorea. Auf großen Videowänden in der Stadt laufen Bilder vom jüngsten Treffen der Staatschefs Chinas und Nordkoreas in Peking. Schon steigen die Immobilienpreise wieder.

Dabei war die Stadt bisher eine der großen Leidtragenden der internationalen Sanktionen gegen Nordkorea, denen sich China erst im vergangenen Jahr angeschlossen hatte. Noch gelten die Sanktionen, und auch China will offiziell nicht von ihnen abrücken. Doch nachdem Kim in diesem Jahr bereits zwei Mal auf Besuch in Peking war, hat sich vor Ort ein unübersehbarer Stimmungswechsel vollzogen.

Wird Peking die Sanktionen vernachlässigen?

"China hat keinen Grund mehr, Nordkorea zu bestrafen", sagt der Außenpolitik-Experte Cheng Xiaohe von der Volksuniversität in Peking. "Einerseits haben sich Nordkoreas Beziehungen zu Südkorea stark verbessert. Andererseits hatte China vor ein paar Monaten noch eine gute Beziehung zu Präsident Trump. Heute aber haben wir einen Handelskrieg mit den USA." Cheng spielt damit darauf an, dass China den Sanktionen gegen Nordkorea nur auf Druck von Trump hin folgte. Wird Peking sie also jetzt, wo man mit Washington über Kreuz liegt, vernachlässigen?

Im Video: USA und Südkorea proben Szenarien gegen Nordkorea

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Auch Trump selbst sieht in China den Verantwortlichen für die selbstbewussten Töne aus Pjöngjang. Chinas Präsident Xi Jinping "könnte Kim beeinflussen", sagte er am Donnerstag laut "South China Morning Post" . "Erinnern wir uns: Vor zwei Wochen ist Kim ganz überraschend nach China geflogen und hat Xi gesprochen - zum zweiten Mal", sagte Trump demnach. "Es könnte sehr gut sein, dass er Kim beeinflusst hat."

Kims Verhalten der jüngsten Zeit deutet ebenfalls darauf, dass ihm Peking neue, alte Freiheiten einräumt. Tatsächlich waren sowohl Taten wie Worte des nordkoreanischen Führers seit der Jahreswende überraschend kohärent: Kim Jong Un plädierte für Entspannung und unternahm eindeutige Schritte, wie zuletzt die Befreiung dreier US-amerikanischer Gefangener.

Zwar hatte derselbe Mann mit dem nordkoreanischen Atombombenprogramm die Welt zuvor jahrelang in Atem gehalten. Er galt deshalb im Westen als unberechenbar. Doch spätestens nachdem China den Sanktionen gegen Nordkorea beigetreten war, schien er sich zu bessern.

Als Grund für seine veränderte Haltung gab er zur Jahreswende selbst den erfolgreichen Abschluss des eigenen Atomprogramms vor. Doch seine wahren Beweggründe bleiben unbekannt: Quetschten die chinesischen Sanktionen vielleicht wirklich an den Lebensadern seines Regimes? Dann nämlich könnte ihre Lockerung in diesen Wochen auch Kims wiedergewonnene Umtriebigkeit erklären. Wozu noch mit Trump verhandeln, wenn China schon wieder auf seiner Seite ist?

Kims jüngste Kehrtwende

Denn der Ton hat sich tatsächlich radikal verändert. Erst in dieser Woche ließ er androhen, den Gipfel mit Trump im Juni platzen zu lassen, falls sich die USA und Südkorea für seine vermeintlichen Friedensgesten nicht erkenntlich zeigten. Wer dabei genau hinhörte, dem fiel schnell auf, dass der chinesischen Premierminister Li Keqiang nur eine Woche zuvor auf Besuch in Tokio ganz ähnliche Formulierungen wählte. Li lobte, dass Nordkorea einseitig ein atomares Testmoratorium verkündet hätte und ausländischen Journalisten erlauben wolle, dem Abbau seines Atomtestgeländes beizuwohnen.

Doch Li warnte auch: "Nordkorea wartet auf ein entsprechendes Feedback aus den USA." Das aber kam bis heute nicht, stattdessen eher raue Töne von Trumps neuem Sicherheitsberater John Bolton, der Kims Nordkorea wie einst Gaddafis Libyen behandeln will. Doch Druck aus Washington ist man in Pjöngjang inzwischen gewöhnt. Woran man zwar früher gewöhnt war, aber zuletzt schon lange nicht mehr, ist dagegen die Unterstützung aus Peking.

Fragt sich also, ob die alten Verbündeten China und Nordkorea dabei sind, eine neue gemeinsame Strategie zu entwickeln, um Trump in die Falle gehen zu lassen? Für Chinas Weltgeltung wäre das freilich ein dramatischer Rückschritt: Es sähe aus, als würde Peking mit einem Diktator kungeln, um dem US-Präsidenten die Aussicht auf einen historischen Friedensvertrag zu verderben.

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