Nordkoreas Machthaber Kim Clan des Grauens

Drei ungleiche Brüder, eine geheimnisvolle Gattin und das schwere Erbe des "Großen Führers" - die Familienbande von Nordkoreas Diktator Kim Jong Il sind kaum zu durchdringen. Während der Despot die Welt mit Kriegsdrohungen schockiert, führt sein Clan ein bizarres Eigenleben.


Hamburg - Der Irre mit der Bombe. Doktor Seltsam. Altstalinist im Panzerzug. Der kleinwüchsige Diktator. Der Pygmäe von der Achse des Bösen. Der Despot auf Plateausohlen.

Namen für Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il gibt es viele, und sie alle sollen illustrieren, wie grotesk, wie exzentrisch, wie unfassbar lächerlich sich der Herrscher in Pjöngjang präsentiert.

Bei all den Geschichten über Kim Jong Ils Hackenstiefel, seine zentimeterhoch toupierte Betonfrisur und Befehle an seine Hoffotografen, ihn nur aus der Froschperspektive zu knipsen, könnte man fast vergessen, wie unberechenbar Kim regiert. Bis er plötzlich ernst macht, Raketen abschießt und Südkorea mit Krieg droht - wie nun wieder geschehen.

Wahnwitz gepaart mit Gefährlichkeit liegt bei Kim Jong Il in der Familie. Auch sein Vater Kim Il Sung, Nordkoreas "Großer Führer" von 1948 bis zu seinem Tode 1994, ließ sich von der staatlichen Propaganda als wohlwollender Patriarch weichzeichnen, während er ideologische Abweichler unterdrücken und einsperren ließ.

Informationen über den Kim-Clan stützen sich vor allem auf Berichte von Überläufern und Flüchtlingen. Dazu kommen unzählige Biografien, Anekdoten und Gerüchte. In Wahrheit, so spiegeln es die vielen Porträtversuche internationaler Medien wider, scheinen auch die versiertesten Beobachter und Experten an ihre Grenzen zu stoßen. Zu mächtig ist der Propaganda-Apparat in Pjöngjang, zu undurchsichtig das Eigenleben der Familie. "Im Vergleich dazu wirkte der Kreml vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion wie ein offenes Buch", schrieb der SPIEGEL im November 2008.

Die Söhne - Erben eines Diktators

Insgesamt soll Kim drei Söhne aus zwei Ehen haben, dazu eine Tochter und mehrere uneheliche Kinder. Das politische Erbe des Diktators ist noch immer nicht geregelt. Dabei gilt der 67-Jährige als schwer krank. Im Sommer 2008 verschwand Kim Jong Il monatelang von der Bildfläche. Beobachter sind sich darin einig, dass er einen Schlaganfall erlitt. Neuere Bilder zeigen den Diktator mit unsicherem Gang und sichtlich erschlankt.

Sein ältester Sohn, der 37-jährige Kim Jong Nam, entstammt einer Verbindung des Diktators mit der Schauspielerin Sung Hae Rim, die 2003 in Moskau starb. Als potentieller Nachfolger scheint Jong Nam jedenfalls weniger geeignet: Er ließ sich 2001 dabei erwischen, wie er mit einem gefälschten Pass nach Japan einreiste - angeblich um mit seiner Familie das Disneyland in Tokio zu besuchen. In Berichten wird er als "Lebemann", "Halunke" und "Playboy" verspottet, der jahrelang in einem Luxushotel im südchinesischen Spielerparadies Macau lebte und in Drogenschmuggel- und Geldwäscheskandale verwickelt sein soll.

Der mittlere Sohn, der 27-jährige Kim Jong Chol, hat einen hohen Posten in der Arbeiterpartei inne und soll von Kim als "schwächlich" und "des Regierens untauglich" eingeschätzt worden sein. Das schreibt zumindest Kims früherer Sushi-Koch, der 2003 ein Buch über das Leben im Palast des Diktators veröffentlichte.

Anfang Mai berichteten südkoreanische Medien, Kim habe seinen jüngsten Sohn Kim Jong Un als Nachfolger nominiert. Der mögliche Favorit soll gerade einmal 25 Jahre alt und Basketball-Fan sein. Unter dem Pseudonym Pak Chol studierte er laut "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" mehrere Jahre an der Internationalen Schule von Bern in der Schweiz. Er sei "ein ruhiger und angenehmer Mensch", erinnert sich sein einstiger Schulleiter im Interview. Um Erfahrungen zu sammeln, habe Jong Un vor wenigen Monaten einen Posten in der mächtigen Nationalen Verteidigungskommission erhalten, heißt es in Seoul. Viel mehr ist über ihn nicht bekannt.

Die Ehefrau - Strippenzieherin im Hintergrund

Die Brüder Jong Chol und Jong Un entstammen beide Kims Liaison mit der Tänzerin Ko Young Hee, die 2004 an Krebs starb. 2006 heiratete der Despot laut Personenarchiv "Munzinger" zum vierten Mal. An seiner Seite: seine langjährige Sekretärin Kim Ok, ausgebildete Pianistin und mehr als 20 Jahre jünger. Selbst Kim Ok wurde in Presseberichten als mögliche Nachfolgerin gehandelt.

Doch auch über sie weiß man wenig. Beobachter beschreiben ihre Rolle als die einer "Maklerin": Sie soll die schwarzen Kassen im Ausland verwalten und im Hintergrund die Fäden ziehen. Keiner, so heißt es, der in Pjöngjang auf Macht und Einfluss hoffe, komme an Kim Ok vorbei. Ob sie eigene Machtinteressen verfolgt, ist unklar.

Der Despot selbst wird bis zum Machtwechsel weiter in einem seiner zehn Paläste residieren und sich in Garagen voller Luxuslimousinen, eigenen Kinos, Parks, auf Golfanlagen und Jagdplätzen zerstreuen. Und er wird vermutlich weiter für schaurige Geschichten gut sein. Als der Palastfriseur in Pjöngjang Kims Haare einmal nicht zur gewünschten Bauschigkeit trimmen konnte, so schreibt es Kims ehemaliger Leibwächter Lee Young Guk in einem Buch, wurde der Mann exekutiert.

Allen grausam-absurden Berichten zum Trotz wird der Kim-Clan in Nordkorea weiter in einem bizarren Personenkult zwangsverehrt. Der tote Vater ist in der Propaganda der "Große Führer", der Sohn der "Geliebte Führer" von 23 Millionen Nordkoreanern. Die Museen sind vollgestellt mit Gemälden, Büsten und Skulpturen der Kims, im ganzen Land soll es mehr als 30.000 Statuen von Kim Il Sung geben - eine davon gänzlich mit Blattgold überzogen.

Doch dass selbst diese Huldigung ihre Grenzen hat, schildert eine "Geo"-Reportage von 2006 mit dem wunderbaren Titel "Kims Märchen": Briefmarken mit dem Abbild von Kim Jong Ils Vater, so die beiden Autoren, können im ganzen Land nicht benutzt werden. Kein Postbeamter würde es wagen, einen Stempel in das Gesicht des Großen Führers zu setzen.

Nord- und Südkorea
Nordkorea und Kim Jong Il
REUTERS
Am 9. September 1948 rief der kommunistische Politiker Kim Il Sung im Norden die Demokratische Volksrepublik Korea aus. Sie entwickelte sich, zunächst in enger Anlehnung an die Sowjetunion, zu einer kommunistischen Volksrepublik. 1998 wurde dessen Sohn Kim Jong Il Regierungschef. Der ehemalige US-Präsident George W. Bush bezeichnete Nordkorea zusammen mit Iran und dem Irak als "Achse des Bösen" , die aufrüstet, um den Frieden der Welt zu bedrohen.
Die Teilung Koreas
Seit 1910 war Korea eine japanische Kolonie. Nach der Niederlage Japans 1945 rückten sowjetische Truppen im Norden und US-amerikanische Truppen im Süden des Landes vor und trafen sich am 38. Breitengrad. Die Vereinbarungen der Alliierten über die Bildung einer provisorischen Regierung und die Abhaltung freier Wahlen in ganz Korea konnten nicht verwirklicht werden, da sich die UdSSR widersetzte. Im September 1948 wurde in Nordkorea die Volksdemokratische Republik Korea ausgerufen; Südkorea (Republik Korea) gab sich im Juli 1948 eine Verfassung.
Korea-Krieg
AP
Am 25. Juni 1950 begann die militärische Auseinandersetzung zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) mit Unterstützung der Volksrepublik China und der Republik Korea (Südkorea), die von Uno-Truppen unter Führung der USA unterstützt wurde. Der Krieg endete mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens von Panmunjom am 27. Juli 1953, das die Teilung am 38. Breitengrad zementierte.
Südkorea
Am 15. August 1948 wurde die Republik Korea gegründet. Staatspräsident ist Lee Myung Bak , der im Dezember 2007 die Präsidentschaftswahlen gewann und seit Februar 2008 im Amt ist. In den vergangenen Jahrzehnten erlebte Südkorea dank seiner exportorientierten Wirtschaftspolitik und der großzügigen Unterstützung Japans und der USA einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung.
Militärische Stärke

Militär in Nord- und Südkorea

Nordkorea Südkorea
Truppenstärke insgesamt 1.106.000 687.000
darunter Heer 950.000 560.000
Marine 46.000 68.000
Luftwaffe 110.000 64.000
Reservisten 4.700.000 4.500.000
Kampfpanzer 3.500 2.750
Artilleriegeschütze 17.900 10.774
Boden-Boden-Raketen 64 12
einsatzbereite Kampfflugzeuge 620 490
darunter Jagdflugzeuge 388 467
Bomber 80 -
Kriegsschiffe 8 47
darunter Zerstörer - 10
Fregatten 3 9
Korvetten 5 28
taktische U-Boote 63 13
kleinere Küstenwachboote 329 76

(Quelle: International Institute for Strategic Studies (IISS, London)

Nordkoreas Atomprogramm
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Nordkoreas Atomprogramm
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Nordkoreas Atomprogramm sorgt seit Jahren für Spannungen. Mit Hilfe von weitreichenden Langstreckenraketen ist das kommunistische Land unter dem "lieben Führer" Kim Jong Il offenbar fähig, zumindest seine Nachbarstaaten mit Nuklearwaffen zu erreichen. Das Land behauptet, genug Plutonium für sechs Atombomben zu besitzen.

Nordkorea hatte sich zwar bei Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags 1985 verpflichtet, nukleare Anlagen nur zivil zu nutzen, im Geheimen aber waffenfähiges Uran angereichert. Als das Ende der neunziger Jahre bekannt wurde, wurde Nordkorea scharf kritisiert. Die USA stoppten die Hilfs- und Energielieferungen an das verarmte Land. Daraufhin kündigte Pjöngjang um die Jahreswende 2002/03 seine Mitgliedschaft im Atomwaffensperrvertrag und seine Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) . Die Uno-Inspektoren mussten das Land verlassen, alle Überwachungskameras wurden abmontiert.

Anfänge
AP
Das Atomprogramm Nordkoreas hat seinen Anfang in den sechziger Jahren, als der "große Bruder" Sowjetunion dem kommunistischen Nordkorea ein Atomforschungszentrum mit dem Forschungsreaktor Yongbyon baute, der 1965 seinen Betrieb aufnahm. Auf Druck der UdSSR verpflichtete sich Nordkorea 1985 als Mitunterzeichner des Atomwaffensperrvertrags , die Kernkraft ausschließlich zivil zu nutzen. 1992 schloss es mit Südkorea ein Abkommen, die koreanische Halbinsel frei von Atomwaffen zu halten.

Doch schon Ende der achtziger Jahre, so sind sich westliche Geheimdienste heute sicher, kam es zu geheimen Deals zwischen Pakistan und Pjöngjang. Der pakistanische Ingenieur Abdul Qadir Khan lieferte demnach wesentliche Bestandteile für den Atombombenbau, während Pjöngjang Pakistan Prototypen ihrer Mittelstreckenraketen stellte, die mit atomaren Sprengköpfen bestückbar sind. Seit dieser Zeit verfügt Nordkorea über Nukleartechnologie.

Genfer Rahmenabkommen 1994
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Nach zähen Verhandlungen schloss der damalige US-Präsident Bill Clinton 1994 mit Pjöngjang das Genfer Rahmenabkommen , das den Atomkonflikt regulieren und die Gefahr einer nordkoreanischen Atombombe verhindern sollte. Darin garantierte Nordkorea die Stilllegung seines grafitmoderierten Reaktors in Yongbyon , aus dem wohl damals schon nuklearwaffenfähiges Material abgezweigt worden war. Im Gegenzug verpflichteten sich die USA zur Lieferung von Erdöl und zum Bau von zwei Leichtwasserreaktoren, womit die Energieversorgung des verarmten Nordkoreas sichergestellt werden sollte. Allerdings regelte die Vereinbarung nur die Plutoniumproduktion , jedoch nicht die Möglichkeit, aus hochangereichertem Uran Kernwaffen herzustellen.
Sechs-Parteien-Gespräche ab 2003
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2003 begannen Verhandlungen über ein Ende des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms . An den Gesprächsrunden aus sechs Nationen waren neben Nordkorea China, Russland, Japan, die USA und Südkorea beteiligt. Als Gegenleistung für die nukleare Abrüstung wurde dem vollkommen verarmten Nordkorea Wirtschafts- und Energiehilfe angeboten. Die Gespräche blieben jedoch zunächst ohne Ergebnis.

Im Februar 2005 gab Kim Jong Il offiziell den Besitz von Atomwaffen "zur Selbstverteidigung" bekannt.
Zum Abschluss der vierten Sechs-Länder-Gespräche im September 2005 verpflichtete sich Pjöngjang grundsätzlich zur Aufgabe aller Atomwaffen und Nuklearprogramme, das Atomprogramm lief aber im Geheimen weiter.

2007 zeichnete sich erneut eine Einigung im Atomstreit ab: Die nordkoreanische Seite sagte zu, seine Atomanlagen stillzulegen und die ausländischen Atominspekteure wieder zuzulassen. Im Gegenzug sollte das Land wirtschaftliche, humanitäre und Energiehilfe erhalten und von der US-Liste der den Terror unterstützenden Staaten gestrichen werden. Im Juni 2008 übergab Nordkorea eine seit Monaten überfällige Liste mit Einzelheiten seines Nuklearprogramms an China und sprengte den Kühlturm der abgeschalteten Atomanlage Yongbyon.

Atombomben- und Raketentests
dpa
1998 löste das nordkoreanische Regime mit dem Test einer ballistischen Rakete vom Typ Taepodong-1 weltweit Empörung aus. Im Oktober 2006 schockierte Nordkorea die Weltöffentlichkeit mit unterirdischen Atomwaffentests. Daraufhin beschloss der Uno-Sicherheitsrat einstimmig die Resolution 1718 , in der der Atomtest verurteilt und Handels- und Finanzsanktionen gegen Nordkorea verhängt wurden.

Im April 2009 startete Pjöngjang eine Langstreckenrakete vom Typ Taepodong-2 mit einer Reichweite von Tausenden Kilometern. Angeblich wurde auch ein Kommunikationssatellit ins All gebracht. Als der Weltsicherheitsrat den Raketenstart verurteilte, brach Pjöngjang die Sechs-Parteien-Gespräche erneut ab und kündigte die Wiederinbetriebnahme des stillgelegten Atomzentrums Yongbyon an. Am 25. Mai kam es zum zweiten unterirdischen Atombombentest. Die Sprengkraft der getesteten Atombombe wird seismologischen Messungen zufolge auf zehn bis 20 Kilotonnen geschätzt, das entspricht der Vernichtungskraft der Bombe, die 1945 Hiroshima zerstörte. Nur einen Tag später startete das Regime zwei Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von 130 Kilometern.

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