Nordsyrien US-Soldaten geraten unter türkischen Artilleriebeschuss

Das US-türkische Verhältnis ist massiv angespannt. Nun gab es einen heiklen Zwischenfall: In direkter Nähe amerikanischer Truppen in Syrien schlugen türkische Geschosse ein. Das Pentagon glaubt offenbar nicht an Zufall.

US-Truppen in Nordsyrien (Archivbild): "Die Türken wissen, dass dort US-Streitkräfte präsent sind"
DELIL SOULEIMAN/ AFP

US-Truppen in Nordsyrien (Archivbild): "Die Türken wissen, dass dort US-Streitkräfte präsent sind"


Gerade erst drohte Finanzminister Steven Mnuchin wegen des türkischen Einmarsches in Syrien mit harten Sanktionen. Die jüngsten Meldungen aus dem syrisch-türkischen Grenzgebiet dürften wenig zur Entspannung der Lage beitragen. Dort sind amerikanische Truppen nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums unter Beschuss durch türkische Artillerie gekommen.

"Wenige Hundert Meter" entfernt sei es zu einer Explosion gekommen, teilte das Pentagon mit. Demnach wurden zwar keine US-Soldaten verletzt. An Zufall oder ein Versehen will man in den USA aber offenbar nicht so recht glauben.

Der Vorfall am Freitagabend (Ortszeit) nahe des Grenzorts Kobane habe sich in einer Gegend ereignet, "von der die Türken wissen, dass dort US-Streitkräfte präsent sind", so das Pentagon.

"Recht auf Selbstverteidigung": klare Ansage von Seiten der USA

"Die US-Streitkräfte haben sich nicht aus Kobane zurückgezogen", stellte ein Pentagon-Sprecher klar. Die Vereinigten Staaten seien weiterhin entschieden gegen die türkische Militäroffensive in Syrien - und ganz besonders gegen türkische Operationen "in solchen Gebieten, wo sich mit Wissen der Türken US-Soldaten aufhalten". Der Sprecher fügte hinzu: "Die USA verlangen, dass die Türkei Handlungen vermeidet, die eine sofortige Verteidigungsreaktion nach sich ziehen könnten." Der US-Sender ABC News meldete, die Spezialeinheiten seien nach dem Vorfall von ihrem Posten abgezogen worden.

Stunden zuvor hatte bereits US-Armeechef Mark Milley gesagt, dem türkischen Militär seien die Positionen der amerikanischen Truppen in der Region mitgeteilt worden. "Und jeder ist sich voll bewusst, dass wir uns als US-Militär das Recht auf Selbstverteidigung vorbehalten."

Das türkische Verteidigungsministerium erklärte in einer Stellungnahme, türkische Grenzposten seien südlich der Stadt Suruc von Hügeln aus unter Beschuss genommen worden, die etwa einen Kilometer von einem US-Beobachtungsposten entfernt seien. "Als Akt der Selbstverteidigung" sei das Gegenfeuer eröffnet worden auf die Stellungen der "Terroristen" - womit die türkische Regierung in der Regel kurdische Milizen meint.

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Türkei spricht von "Vorsichtsmaßnahmen"

Dabei sei aber mitnichten in irgendeiner Form auf den US-Beobachtungsposten geschossen worden, hieß es in der Stellungnahme. "Es wurden alle Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, bevor das Gegenfeuer eröffnet wurde, um Schaden für den US-Stützpunkt zu vermeiden." Nach Rückmeldungen seitens der USA sei der Beschuss schließlich "vorsichtshalber" eingestellt worden.

Die türkische Militäroffensive in Nordsyrien hatte am Mittwochnachmittag begonnen. Kurz zuvor hatten die USA erklärt, dass sie ihre verbliebenen Einheiten aus dem Krisengebiet abziehen werden. Die türkische Aktion richtet sich gegen die kurdische YPG-Miliz, die auf syrischer Seite der Grenze ein großes Gebiet kontrolliert. Die Türkei sieht in ihr einen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und damit eine Terrororganisation. Entlang der Grenze will die Türkei eine sogenannte Sicherheitszone einrichten und dort auch syrische Flüchtlinge ansiedeln, die derzeit in der Türkei leben.

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US-Verteidigungsminister Mark T. Esper verurteilte den "einseitigen" Einmarsch, der der Beziehung zwischen den beiden Ländern "dramatischen Schaden" zufüge. Die Offensive würde die Region weiter destabilisieren.

Tatsächlich verschärft sich die ohnehin angespannte humanitäre Lage nun noch weiter. In einer Stellungnahme des Uno-Nothilfebüros Ocha und des Humanitären Koordinators der Uno für Syrien in Damaskus war am Freitagabend von 100.000 Vertriebenen die Rede. Das Uno-Welternährungsprogramm hatte zuvor berichtet, die meisten Menschen seien aus den Regionen Ras al-Ain und Tall Abjad geflüchtet.

jok/dpa/AFP



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