Diskriminierung in North Carolina Klo-Gesetz spaltet Amerika

Ein Gesetz in North Carolina schreibt Transsexuellen vor, welches Klo sie benutzen müssen. Studenten protestieren, Künstler sagen Konzerte ab, Unternehmen stoppen Investitionen. Was ist da los?

Toilettentür in North Carolina
DPA

Toilettentür in North Carolina

Von , Chapel Hill


Am Ende des Gangs wartet eine Entscheidung auf Terri Phoenix. Zwei Türen aus hellem Holz, dahinter zwei Toiletten, links für Männer, rechts für Frauen. Bleibt er dem Gesetz treu? Oder macht er sich strafbar? Zwischen diesen beiden Möglichkeiten muss er nun wählen - jeden Tag aufs Neue.

Phoenix wurde als Mädchen geboren, heute ist er ein Mann und seit acht Jahren mit seiner Frau Kendra verheiratet. Er hat eine Tochter, einen Job, ein Haus im Grünen. Doch ganz so, wie er bisher gelebt hat, geht es nicht weiter: Will er sich ans Gesetz halten, muss Phoenix künftig das Damen-WC benutzen. Das schreibt ihm der US-Bundesstaat North Carolina seit ein paar Wochen vor.

Amerika streitet über das "Toilettengesetz", das Transsexuelle wie Terri Phoenix dazu zwingt, nur jene öffentlichen Toiletten, Duschen und Umkleiden zu benutzen, die dem Geschlecht entsprechen, das in ihrer Geburtsurkunde festgehalten ist. Das republikanisch dominierte Parlament hat einen entsprechenden Entwurf verabschiedet - angeblich zum "Schutz der Privatsphäre". Nur wenige Monate, nachdem der Oberste Gerichtshof in Washington die gleichgeschlechtliche Ehe im ganzen Land möglich gemacht hat, drehen die Republikaner im Süden der USA nun die Uhren zurück .

Liberale US-Bürger kritisieren das Gesetz

Doch längst hat das Gesetz eine nationale Gegenbewegung ausgelöst, die täglich mehr Zulauf bekommt: Aus Protest sagte die Rockband Pearl Jam ein geplantes Konzert in North Carolina ab , die Deutsche Bank hält seit Wochen Millioneninvestitionen zurück, und auch Produktionsfirmen aus Hollywood haben Filmprojekte in dem Bundesstaat auf Eis gelegt. Sie alle werfen dem Repräsentantenhaus von North Carolina vor, Transsexuelle gezielt zu diskriminieren, manche sprechen von einer Missachtung der Menschenrechte - und fordern, dass der Staat das Gesetz zurücknimmt.

Das Städtchen Chapel Hill, eine liberale Universitätsstadt im Norden von North Carolina, wehrt sich seit Langem gegen die konservative Regierung in der Hauptstadt Raleigh. Vor Bars und Restaurants wehen Regenbogenfahnen, an den Toiletten der Fakultäten lesen Studenten Schilder mit der Aufschrift: Welcome all.

Hier arbeitet auch Terri Phoenix. An der Universität von Chapel Hill gibt er Seminare und Workshops zum respektvollen Umgang mit homo-, trans- und intersexuellen Menschen. In seinem Büro im dritten Stock berät er Studenten und Kollegen, die mit ihrer Sexualität hadern. An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängen neben einem Bild seiner Frau Kendra Karten von Menschen, denen er geholfen hat: "Danke für alles, Terri", steht da. Phoenix, kurze Haare, weißes Hemd und Schlips, sagt: "Das neue Gesetz hilft niemandem, es ist einfach absurd."

Der Gouverneur liefert krude Argumente

Ende Februar hatte das Stadtparlament von North Carolinas größter Stadt Charlotte verfügt, dass Transsexuelle künftig frei wählen dürfen, welche Toiletten sie benutzen. Doch das republikanisch dominierte Landesparlament schrieb innerhalb von kurzer Zeit einen Gegenentwurf, der im Parlament innerhalb von 24 Stunden und ohne echten Widerstand verabschiedet wurde.

Zentrale Figur des Streits um das "Toilettengesetz" ist Pat McCrory, republikanischer Gouverneur von North Carolina. Im Herbst stellt er sich zur Wiederwahl - und kämpft deshalb seit Monaten um jede Stimme der ultrakonservativen Republikaner. Seine Unterstützer bedienen sich einer kruden Argumentation: Man wolle Frauen und Kinder davor schützen, dass Männer, die sich als Frauen ausgeben, ihnen unter der Dusche oder in Umkleidekabinen auflauern, um sie zu missbrauchen. Dabei ist bislang kein einziger solcher Fall bekannt.

Phoenix wirft den Republikanern vor, dass sie sich nicht genug mit dem Thema Transsexualität beschäftigen: "Eher werden Mitglieder der transsexuellen Community Opfer von Gewalt und Anfeindungen, wenn sie in die falsche Toilette laufen, als dass sie Frauen und Kinder gefährden." Er spricht ohne Wut über die Politiker in Raleigh, man merkt ihm an, dass er diesen Kampf schon seit vielen Jahren kämpft. Das Gesetz führe dazu, sagt er mit ruhiger Stimme, dass nun Männer mit durch Hormontherapie dicht gewachsenem Bart und maskulinem Körperbau Damen-WCs aufsuchen müssten.

Google und Facebook wollen Investitionen zurückziehen

Die Studenten in Chapel Hill protestieren seit Wochen gegen die Entscheidung des Parlaments. Auf dem Quad, dem zentralen Platz in der Mitte des Campus sitzen sie auf dem Rasen unter riesigen Eichen und diskutieren über das neue Gesetz.

Auch Matt Wotus, 20 Jahre alt und Journalismus-Student im dritten Uni-Jahr, ärgert sich über die Abgeordneten in der Hauptstadt Raleigh: "Das Gesetz diskriminiert nicht nur Transsexuelle, es verbietet auch, dass Schwule und Lesben künftig explizit vom Gesetz geschützt werden", sagt er. Wotus ist schwul, vor zwei Jahren erzählte er seinen Eltern davon. "Bisher habe ich mit meiner sexuellen Orientierung gute Erfahrungen gemacht. Doch durch das neue Gesetz werden wir zu Bürgern zweiter Klasse."

Der wirtschaftliche Schaden, den das Gesetz in North Carolina angerichtet hat, geht bereits in die Millionen. Denn nicht nur die Deutsche Bank hat angekündigt, einen geplanten Ausbau ihres Standorts in Charlotte aus Protest zu unterbrechen. Auch der Finanzdienstleister PayPal legte die Planung für eine neue Niederlassung auf Eis - dem Bundesstaat entgeht damit eine Investition in Höhe von 3,6 Millionen Dollar und die Aussicht auf 400 gut bezahlte Arbeitsplätze. Finanzexperten gehen derzeit davon aus, dass dem Staat North Carolina so Hunderte Millionen US-Dollar entgehen könnten.

Denn auch die Vorstände anderer großer US-Unternehmen wie Google, Facebook und American Airlines drohen damit, geplante Investitionen in North Carolina zurückzuziehen. In einem Brief an Gouverneur McCroy, argumentieren sie, dass Gesetz mache es "viel schwieriger für Firmen, die schlauesten und besten Arbeitnehmer im Staat zu finden."

Derzeit denkt sogar die Bundesregierung in Washington darüber nach, North Carolina zu sanktionieren. So prüfen Mitarbeiter des Bildungsministeriums, ob dem Staat Fördergelder gekürzt werden können. Der Bürgermeister der Stadt Boston und der Gouverneur von Connecticut haben ihren Beamten kurzerhand untersagt, nach North Carolina zu reisen.

Im Video: Die USA und der Streit ums Klo

REUTERS


insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
flosse66 24.04.2016
1.
Für North Carolina wäre es sinnvoll, die wohl auch kaum zu überprüfende Verordnung zurückzunehmen.
larry_lustig 24.04.2016
2. Obelix: Die spinnenn....
Wenn ich mir das anschaue wie locker und einfach das in hier vor sich geht.... - Frauen-Klo voll (z.B. Karnveal): => Frauen gehen auch bei den Herren - Papa mit kleiner Tocher: Immer freie Wahl (Drag Queens wohl auch) Da würde man in den USA wohl in einigen Staaten in der Sexstraftäter-Kartei landen....
MatthiasPetersbach 24.04.2016
3.
…das ist ein Problem, was wohl nur durch idiotische Gesetze entstanden ist. In Wirklichkeit gibts das Problem garnicht. Es scheint, die Gesetzgeber haben da nicht kapiert, daß sie Dinge bestimmen sollten, die die Dinge ENTkomplizieren statt zu VERkomplizieren. Ist aber bei uns - bei anderen Themen - genauso: Die Politik als großer Verhinderer, Verkomplizierer und Lebenserschwerer.
m.w.r. 24.04.2016
4. Warum?
Warum überhaupt geschlechtspezifische Toiletten . Gibt es doch im Fluzeug auch nicht oder bei der Bahn?
jujo 24.04.2016
5. ...
Ich frage mich aber doch ob ein geborener Mann, laut Urkunde, der aussieht und gekleidet ist wie eine Frau, sich mittels Geburtsurkunde legitimieren muss bevor er eine Frauentoilette aufsucht. Das kann ich mir nicht vorstellen. Eine Frau, jetzt Mann mit Bart, muß ja nicht zwangsläufig das Urinal benutzen. Das ändert nichts an der Absurdität. Abhilfe schaffen wohl nur Unisex Toiletten, Oftmals würde wohl ein auswechseln der Beschilderung reichen.
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