Skandale bei der NRA High Noon für Amerikas Waffenfans

Die mächtige US-Waffenlobby NRA ist unter Donald Trump noch weiter nach rechts gerückt. Doch nun versinkt sie in Finanz- und Führungsskandalen, ihre Existenz ist bedroht.

Plakate beim NRA-Kongress in Indianapolis: Zur politischen Aktivistengruppe mutiert
Bryan Woolston/ REUTERS

Plakate beim NRA-Kongress in Indianapolis: Zur politischen Aktivistengruppe mutiert

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Oliver Norths großes Comeback währte nicht lange. Der Marineinfanterist a.D. errang in den Achtzigerjahren durch die Iran-Contra-Affäre dubiosen Weltruhm: Als Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats half er, Gelder aus illegalen US-Waffengeschäften mit Iran an rechtsgerichtete Guerillas in Nicaragua umzuleiten.

North wurde verurteilt, das Urteil später aber aufgehoben. Er kandidierte vergeblich für den Senat, tauchte dann als Fox-News-Kommentator wieder auf. Vor einem Jahr ernannte ihn die kontroverse US-Waffenlobby National Rifle Association (NRA) schließlich zu ihrem neuen Präsidenten. Die Rolle katapultierte North zurück ins internationale Rampenlicht.

Doch jetzt ist er diesen Job schon wieder los: Der 84-Jährige schmiss nach einem kurzen, internen Machtkampf hin. Der wuchernde Skandal dahinter bedroht nun sogar die Existenz der NRA, die eine Waffenkontrolle in den USA bisher erfolgreich blockiert hat - trotz immer neuer, tödlicher Amokläufe und Attentate.

NRA-Kongressbesucherin am Stand einer Waffenfirma
Lucas Jackson/ REUTERS

NRA-Kongressbesucherin am Stand einer Waffenfirma

Betrugs- und Erpressungsvorwürfe

Das Drama drang am Wochenende an die Öffentlichkeit, beim NRA-Kongress in Indianapolis. Zwei duellierende Brandbriefe zirkulierten dort, einer von North, einer von NRA-Vorstandschef Wayne LaPierre. Beide bezichtigten sich gegenseitig unlauterer Machenschaften wie Betrug und Erpressung. Am Ende blieb North auf der Strecke.

Die in Medienberichten detaillierten Vorwürfe verschwanden freilich nicht. Sie sind vielmehr so sensationell, dass die New Yorker Justiz nun Ermittlungen gegen die NRA eingeleitet hat. Infrage steht dabei ihr Status als gemeinnützige Einrichtung - ein Status, ohne den die hoch verschuldete Lobbygruppe sofort pleitegehen würde.

Die 1871 gegründete NRA engagierte sich früher für die Kontrolle und Sicherheit von Schusswaffen. Längst aber ist sie zur politischen Aktivistengruppe mutiert, für die der zweite US-Verfassungszusatz - der einen eingeschränkten Waffenbesitz garantiert - nur noch als Vorwand dient für ihre eigenen, erzkonservativen Ziele.

Dieser Rechtsdrall verstärkte sich unter US-Präsident Donald Trump. Die NRA unterstützte Trumps Wahlkampf mit Spenden von mehr als 31 Millionen Dollar, weitere 23 Millionen Dollar gingen an andere Republikaner - flankiert von einer PR-Kampagne, die das Waffenrecht zum Kampf um Amerikas Seele stilisiert. Höhepunkt der NRA-Tagung war denn auch ein umjubelter Auftritt Trumps.

US-Präsident Trump bei seinem Auftritt vor den Waffenlobbyisten der NRA am 26. April 2019
REUTERS/Bryan Woolston

US-Präsident Trump bei seinem Auftritt vor den Waffenlobbyisten der NRA am 26. April 2019

Hinter den Kulissen herrschte allerdings alles andere als Freude. Auslöser war ein Bericht des "New Yorker", der seit Mitte April für Wirbel sorgt. Demnach macht die NRA nicht nur "40 Millionen Dollar Verlust im Jahr", sondern steuert "Hunderte Millionen Dollar" ihres aus Beiträgen und Fundraising erzielten Umsatzes an eine PR-Firma sowie ein paar Topmanager und "zweifelhafte" Vertragspartner - ein Verstoß gegen Gesetze, wonach die NRA steuerbefreit ist.

Allein Oliver North habe über die PR-Firma Ackerman McQueen - die für das aggressive NRA-Marketing verantwortlich ist - eine Million Dollar Jahresgehalt bezogen. LaPierre habe mehr als 200.000 Dollar "für Garderobe" abgerechnet. Sollte das stimmen, könnte das den steuerfreien Status der NRA gefährden - ein Todesurteil.

Neue Präsidentin mit rechten Verbindungen

Nun kämpft jeder gegen jeden. North schrieb nach Informationen des "Wall Street Journal" einen Brief an den NRA-Vorstand, in dem er LaPierre für den Skandal haftbar machte. LaPierre warf North daraufhin öffentlich vor, ihn zu erpressen. Der NRA-Kongress begann dann ohne North, der sich nicht mehr zur Wiederwahl stellte.

Eine Mitgliedsrevolte gegen LaPierre - der seit 1991 amtiert - scheiterte, er wurde per NRA-Erklärung "einstimmig und widerstandslos" wiedergewählt. LaPierres Stellvertreterin Carolyn Meadows wurde neue NRA-Präsidentin. Meadows ist eine republikanische Südstaaten-Funktionärin, die mit rechten Aktivisten verbunden ist.

Selbst Trump mischte sich ein, indem er die Situation politisch verzerrte, wie so oft. Die NRA, twitterte er, müsse sich "zusammenreißen", denn sie befinde sich "im Belagerungszustand" - und zwar durch die Demokraten, namentlich New Yorks Justizministerin Tish James, die diese "sehr wichtige Organisation zerstören" wolle.

James hat in der Tat ein lange angekündigtes Ermittlungsverfahren gegen die NRA eingeleitet. Zuvor hatte die vom New Yorker Ex-Bürgermeister Mike Bloomberg gegründete Aktivistengruppe Everytown for Gun Safety Beschwerde gegen die NRA eingereicht, weil sie gegen Steuergesetze verstoße und nur sich selbst bereichere.

Der Ausgang dieses Verfahrens dürfte bestimmen, ob die NRA weiter bestehen wird. Unterdessen geht der Waffenhorror weiter. Drei Tage nach dem tödlichen Anschlag auf eine kalifornische Synagoge eröffnete am Dienstagabend an der University of North Carolina ein Schütze das Feuer. Zwei Menschen starben bei dem Anschlag.

Im Video: Kill Zone USA - Spurensuche in einer waffenverrückten Nation

Studio Hamburg/NDR


insgesamt 36 Beiträge
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Björn L 01.05.2019
1. Schön wenn die NRA sich selbst erledigt
Das sind doch gute Nachrichten. Aber Totgesagte leben länger.
claus7447 01.05.2019
2. Das wäre ja mal ein Fortschritt!
Wenn die NRA Pleite geht, wird es vermutlich einen Nachfolger geben, nur, einen kastrieren, ohne Kohle. es seih den, ein paar Milliardäre wie die Kochs,lassen Kohle springen. Aber für die nächsten Monate wird die verruchte spendenmaschine gestoppt.
anja-boettcher1 01.05.2019
3. Und ewig grüßt das Murmeltier...
Gerade eine hoch besorgte Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung gelesen, die sich hoch besorgt darüber zeigt, dass die Bevölkerung afrikanischer Länder, diesmal am Beispiel des Senegals, immer desillusionierter über Europa denken und immer mehr Intersse an China und anderen asiatischen Ländern in der Zusammenarbeit haben. Um uns rum ändert sich die Welt rapide, das Gewicht schiebt sich nach Asien. In den USA dagegen, die nur Hegemonialpolitik können, wird wohl nichts die Erosion aufhalten, wenn das hinterwäldlerische Land mit seinen nur noch als Satire tauglichen Politikern einmal in Zahlungsschwierigkeiten kommt und seine Konzerne hinter die asiatischen zurückfallen. Werte Spiegelredaktion: Wenn Ihr nicht einmal langsam Leute einstellt, die mehr draufhaben, als uns die hundertste Trivialität über ein abgehalftertes Cowboyland täglich zu präsentieren, hilft Eurem Niedergang auch keiner mehr. Habt Ihr denn nur noch Journalisten, die nicht mehr Horizont erworben haben, als das Aupair-Jahr in "den Staaten" ihnen eröffnet hat und ansonsten nur bei transatlantische Veranstaltungen gehorsam alles aufschreiben, was ihnen jemand jovial ins Ohr wispert? Könnt ihr nur gängige NATO-Propaganda und den Klatsch einer abgehalfterten Ex-Supermacht wiederkäuen, bis es den Leuten zu den Ohren rauskommt? Das lockt doch keinen Hund hitnerm Ofen mehr vor. Kein Wunder, dass der Spiegel schon wieder ein neu herausgebrachtes Heft (eine stolz vor kurzem erst eingeführte History-Reihe) dichtmachen musste. Euer Standardboulevardjournalismus der langweiligsten Sorte ist als Label inzwischen wirklich abstoßend. Wer will denn ständig Lakaien den Tratsch aus der Gerontokratie in -Washington hören? Ob US-Waffenlobby, das Trump-Pompeo-Bolton-Pence-Gruselkabinett, die hysterische Hillary oder oder die gebotoxte Nancy Pelosis? Das Land ist uncool geworden. Wie wäre mal ein wenig nicht-eingebettete Afrika-, Asien- oder Nahost-Berichterstattung? Kann das überhaupt noch jemand von Euch? Ihr langweilt.
räbbi 01.05.2019
4.
Kurz: der normale Alltag, wie wir ihn hierzulande etwa von ADAC oder DFB kennen. So schnell geht so ein Verein nicht unter. Es gibt Dinge, die schwimmen immer oben. Ich wäre mir auch nicht so sicher, dass da im Zweifelsfall besseres nachkommt. Ein guter Teil der Basis - wenn ich meinen "alternativen" Quellen glauben will - murrt eher über den zu laxen und nachgiebigen Kurs der letzten Jahre.
larsmach 01.05.2019
5. Amerika... verharrt im Jahr 1791
1791 ...Volta erzeugte in Italien Strom mit einer Batterie... S. Morse, der Erfinder der Telegrafie wurde geboren... ein Brief von der West- an die Ostküste war monatelang per Schiff unterwegs... es gab kaum Straßen und noch lange keine Eisenbahn... - in diesem Zeitalter verharrt Amerika noch heute, denn auch der 2. Zusatzartikel zur US Verfassung trat 1791 in Kraft... derweil selbst der Vatikan auf seinem 2. Konzil 1962 erkannte, die Bibel "in ihrem historischen Kontext" lesen zu müssen. Heute gibt es in den USA 911-calls, Polizeihubschrauber - und den Historienverein NRA.
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