Nach SPIEGEL-Bericht Türkei bestellt US-Diplomat wegen Spionageverdacht ein

Die NSA und der britische Geheimdienst GCHQ überwachten nach SPIEGEL-Informationen massiv die Türkei. Das Außenministerium in Ankara hat jetzt den Vertreter der USA einbestellt.
NSA-Zentrale: Das Nato-Partnerland Türkei ist für die US-Dienste offenbar eins der wichtigsten Ziele

NSA-Zentrale: Das Nato-Partnerland Türkei ist für die US-Dienste offenbar eins der wichtigsten Ziele

Foto: Jim Lo Scalzo/ dpa

Ankara - Die türkische Regierung hat den Geschäftsträger der US-Botschaft in Ankara ins Außenamt gebeten. Dort sollte er sich zu dem SPIEGEL-Bericht über einen Lauschangriff amerikanischer Geheimdienste äußern. Der Diplomat habe bei dem Termin eine Erklärung abgegeben, sagte Regierungssprecher Bülent Arinc am Montag laut der Nachrichtenagentur Anadolu. Zum Inhalt dieser Erklärung sagte er nichts. Mitte August hatte Ankara bereits den deutschen Botschafter in der türkischen Hauptstadt, Eberhard Pohl, aus ähnlichen Gründen ins Außenministerium gebeten.

Den Informationen des SPIEGEL zufolge wird die Türkei nicht nur vom deutschen Bundesnachrichtendienst ausspioniert, sondern auch von britischen und US-Geheimdiensten. Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte am Montag, er werde dieses Thema "sehr offen und klar" bei Treffen mit westlichen Spitzenpolitikern ansprechen. Erdogan nimmt am Donnerstag und Freitag am Nato-Gipfel in Wales teil.

Laut Geheimdokumenten aus dem Archiv des Whistleblowers Edward Snowden, die der SPIEGEL einsehen konnte, rangiert das Nato-Partnerland Türkei für die amerikanischen Dienste sogar in der Spitzengruppe der Aufklärungsziele. Ein Mitarbeiter des US-Dienstes NSA meldete 2006: "Wir haben den allerersten Erfolg in der Ausbeutung von Rechnern der türkischen Führung erzielt." Erfolgreich waren die US-Dienste auch bei der Ausforschung der türkischen Botschaften in Washington und bei der Uno in New York – unter anderem haben sie dort die IT-Systeme mit Spähprogrammen infiltriert.

Lokalisierungsdaten und Telefonmitschnitte

Der britische Nachrichtendienst GCHQ hat neben der türkischen Politik insbesondere den Energiesektor des Landes im Visier: Die britischen Spione erhielten bereits im Oktober 2008 den Auftrag, die Zugänge zum türkischen Energieministerium sowie zu drei Unternehmen zu verbessern. Der Auftrag enthielt auch den damaligen Energieminister Hilmi Güler als Zielperson.

Gleichzeitig haben die NSA und türkische Behörden im Kampf gegen die kurdische Separatistenorganisation PKK äußerst eng kooperiert, wie die Unterlagen belegen. Man habe Lokalisierungsdaten und Telefonmitschnitte von PKK-Mitgliedern an die Türkei übergeben: "Das hat zum Tod oder der Gefangennahme von Dutzenden PKK-Anführern geführt." Zeitweise gab die NSA die Handy-Positionsdaten von PKK-Führern alle sechs Stunden an die Türken weiter, während militärischer Offensiven sogar im Stundentakt.

ler/fab/AFP