Nuklearprogramm Iran plant Urananreicherung mit 54.000 Zentrifugen

Iran zeigt sich selbst von der einmütigen Kritik aus Moskau und Washington unbeeindruckt. Statt einzulenken kündigt Teheran jetzt an, in Zehntausenden Zentrifugen Uran anzureichern.


Teheran/Moskau/Tel Aviv - Es sollen zur Urananreicherung 54.000 Zentrifugen zum Einsatz gebracht werden, sagte heute der stellvertretende Leiter der Atombehörde, Mohammad Saidi. Er machte die Ankündigung im staatlichen Fernsehen einen Tag nach der Erklärung der Teheraner Regierung, wonach iranische Wissenschaftler erstmals Uran angereichert haben. Dabei wurden den Angaben zufolge lediglich 164 Zentrifugen eingesetzt.

"Wir werden die Urananreicherung in der Atomanlage Natans industriemäßig ausbauen", sagte Saidi. Die Regierung habe die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) von der Absicht in Kenntnis gesetzt, bis zum Jahresende 3000 Zentrifugen in Natans zu installieren. Am Ende sollen bis zu 54.000 Zentrifugen für die Urananreicherung zum Einsatz gebracht werden. Einen Zeitrahmen dafür nannte Saidi nicht.

Die 54.000 Zentrifugen sollen Said zufolge ausreichen, um genügend Uran für den Betrieb eines 1000-Megawatt-Atomreaktors anzureichern. Ein solcher Reaktor wird derzeit im Süden Irans mit russischer Hilfe fertig gestellt.

Blumig hatte zuvor ein hochrangiger Vertreter der Regierung in Teheran das Nuklearprogramm seines Landes mit einem Naturereignis verglichen: "Irans nukleare Aktivitäten sind wie ein Wasserfall, der zu fließen begonnen hat. Es kann nicht gestoppt werden", sagte der Regierungsvertreter unter Zusicherung seiner Anonymität der Nachrichtenagentur Reuters. Zuvor hatte nach den USA auch Russland den Beginn der Urananreicherung in Iran kritisiert.

Iran müsse "jegliche Aktivitäten zur Urananreicherung aussetzen, die wissenschaftliche Forschung inbegriffen", sagte Außenamtssprecher Michail Kaminin der Nachrichtenagentur Itar-Tass. Kaminins Stellvertreter Andrej Kriwzow bewertete die Ankündung von Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad, das iranische Atomprogramm zu beschleunigen, als "Schritt in die falsche Richtung". Dies laufe den Beschlüssen der IAEA und des Uno-Sicherheitsrats zuwider, sagte er der russischen Nachrichtenagentur Interfax. Russland erwarte, dass Iran die internationalen Appelle berücksichtige und die Urananreicherung einstelle.

Auch die Bundesregierung reagierte scharf: Man habe die Ankündigung aus Teheran "mit großer Sorge" zur Kenntnis genommen, sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg in Berlin. Dies sei ein "weiterer Schritt in die falsche Richtung". Offenbar sei Iran nicht bereit, "den Weg der Selbstisolation zu verlassen".

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes soll jetzt zunächst der IAEA-Bericht abgewartet werden. Erst danach werde man mehr Klarheit haben, was sich tatsächlich in der Atomanlage in Natans abgespielt habe, sagte Außenamts-Sprecher Martin Jäger.

Der israelische Generalstabschef Dan Haluz bezeichnete das iranische Atomprogramm als Bedrohung für eine freie und demokratische Welt. Allerdings schloss er einen Militärschlag gegen Iran zum gegenwärtigen Zeitpunkt aus. Trotz der aus Teheran gemeldeten Fortschritte beim iranischen Atomprogramm sollte Israel zunächst die Ergebnisse der diplomatischen Bemühungen der internationalen Gemeinschaft abwarten, sagte Halutz dem israelischen Militärrundfunk. "Wir sollten nicht nach israelischen Lösungen suchen und sie auch nicht empfehlen. Alles zu seiner Zeit", erklärte der Generalleutnant.

Halutz wies in dem Radiointerview zudem darauf hin, dass Iran trotz der gemeldeten Erfolge bei der Urananreicherung noch keine richtige Atommacht sei. Dazu werde das Land noch Zeit brauchen. Der Chef des Militärgeheimdiensts, Amos Jadlin, äußerte indes die Einschätzung, Teheran könnte binnen drei Jahren über die Atombombe verfügen. Bis zum Ende dieses Jahrzehnts könne die Entwicklung abgeschlossen sein, sagte Jadlin der Zeitung "Jediot Ahronot".

IAEA-Direktor Mohammed el Baradei fliegt am Abend nach Teheran. Er will nach IAEA-Angaben einige noch offene Fragen im Zusammenhang mit dem jahrzehntelang geheimen Atomprogramm Irans klären und versuchen, Teheran im Atomstreit mit den Vereinten Nationen vielleicht doch noch zum Einlenken zu bewegen. Baradei soll dem Uno-Sicherheitsrat bis zum 28. April darüber berichten, ob Iran sein Programm zur Urananreicherung gestoppt hat.

lan/Reuters/dpa/AP



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