Ob Bush oder Gore Parteien fürchten Pyrrhus-Sieg


Washington - Der neue US-Präsident steht noch nicht fest, aber Republikaner und Demokraten blicken schon weiter nach vorn. Und sie zittern vor der Zukunft. In beiden Parteien geht gleichermaßen die Furcht um, dass sich ein Wahlsieg "ihres Mannes" bitter rächen könnte: Mit einer möglicherweise verheerenden Schlappe bei der Kongresswahl in zwei Jahren und einer Niederlage beim nächsten Rennen ums Weiße Haus 2004. Auch viele politische Analytiker sind überzeugt: Wer immer aus dem derzeitigen Hickhack in Florida als Sieger hervorgeht, könnte politisch so geschwächt sein, dass die Gegenpartei möglicherweise langfristig davon profitiert.

"Das werden sehr schwierige Jahre für den nächsten Präsidenten, ganz gleich, ob er nun George Bush heißt oder Al Gore", räumt denn auch der demokratische Senator Robert Torricelli ein. "Keiner wird sich sicher fühlen, dass er ein wirklich klares Mandat besitzt", zitierte ihn die "Washington Post". Hinzu komme voraussichtlich eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums, und das zusammen schaffe unweigerlich Probleme für die Partei am Hebel der Macht.

Der Zeitung zufolge wächst in beiden Lagern inzwischen die Zahl derjenigen, die insgeheim sogar wünschen, ihr Kandidat werde am Ende verlieren - mit der Perspektive einer süßen Belohnung 2002 und dann zwei Jahre später. "Der Preis, den jeder Kandidat und seine Partei für den Sieg zu zahlen haben, wird mit jedem Tag des Gerangels in Florida größer. Es ist eine immense Hypothek, die der Gewinner ins Weiße Haus mitschleppt", zitiert die "New York Times" einen namentlich nicht genannten Wahlkampf-Manager aus Bushs enger Umgebung. "Lohnt sich ein solcher Sieg? Ich persönlich würde ihn mir nicht wünschen."

Zurzeit halten es die meisten politischen Analytiker für sehr fraglich, dass der nächste Präsident nach vier Jahren wieder gewählt wird - egal, ob Bush oder Gore. "Die Frage der Legitimation wird lange Zeit über ihm hängen wie ein Damoklesschwert. Das auszugleichen, wird unglaublich überzeugende Arbeit erfordern", sagt Steve Elmendorf, Stabschef des Führers der demokratischen Minderheit im Abgeordnetenhaus, Richard Gephardt.

Die Republikaner blicken vor allem bangend auf den Senat, in dem sie am 7. November nach dem derzeitigen Stand bestenfalls eine dünne Mehrheit sichern konnten. 20 republikanische und 14 demokratische Sitze stehen hier 2002 zur Wahl.

Auch die Möglichkeit, in den nächsten zwei Jahren sowohl im Weißen Haus als auch im Kongress zu herrschen, sorgt bei so manchen Republikanern nicht nur für eitel Sonnenschein. Das wecke eine enorme Erwartungshaltung bei den Stamm-Gefolgsleuten, gibt zum Beispiel Whit Ayres, ein Berater der Partei, zu bedenken. Angesichts der extrem knappen Mehrheitsverhältnisse in beiden Kongress-Kammern und des unschönen Gerangels um das Präsidentenamt sei aber eine überparteiliche Zusammenarbeit unverzichtbar. Und solche Kompromisse kämen oft nicht gut an: "Viele werden sich fragen, warum nicht mehr auftrumpfen, wenn wir doch überall am Drücker sind?"

Ein kleines Trostpflaster: Bisher scheint das Wahlchaos den Amerikanern nicht allzu sehr auf die Nerven gegangen zu sein. Umfragen zeigten jedenfalls, dass die Mehrheit sich lieber noch etwas gedulden würde, als ein zweifelhaftes Ergebnis zu akzeptieren. Und: Bei der Frage, wer sich in dem Gerangel besser verhalten habe, entschieden sich die Bürger zu gleichen Teilen für Bush und Gore.

Gabriele Chwallek, dpa



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