US-Korrespondenten-Dinner Die große Obama-Show

DPA

Von , Washington


Politik trifft Popkultur: Beim White House Correspondents Dinner scherzt US-Präsident Barack Obama über sich, lästert über andere - und gibt eine Art versteckter Wahlempfehlung ab.

Amerikas Hauptstadt ist ja eigentlich ein Dorf. Jeder kennt jeden. Gemütliches Treibhaus Washington. Hin und wieder rauscht der Präsident mit seiner SUV-Kavallerie durch die Nachbarschaft, dann knipst die europäisch-asiatische Touristen-Internationale Selfies mit verwischter Limousine im Hintergrund, während die Einheimischen professionell im Stau stehen. Business as usual.

Einmal im Jahr aber ist tatsächlich Halligalli in D.C. Dann sind es die Dorfbewohner selbst, die sich die Handy-Kameras vors Gesicht halten. Denn stets im Frühjahr kommt anlässlich des White House Correspondents Dinner Hollywood nach Washington. Politik trifft Popkultur auf dem roten Teppich des Hilton-Hotels, nebst der Obama-Kolonne verstopfen dann Hunderte schwarzer Limousinen die Stadt.

An diesem Samstagabend sind unter anderem der "Breaking Bad"-Star Dean Norris ("Hank Schrader") und "Veep"-Darstellerin Julia Louis-Dreyfus dabei. Ach ja, und natürlich eine Menge Journalisten. Denn sie hatten vor exakt 100 Jahren diesen Club gegründet, der allen Kollegen gleichberechtigten Zugang zum US-Präsidenten garantieren soll; ein paar Jahre später kamen sie auf die Idee mit dem Dinner. Und irgendwann kam Hollywood dazu.

Die heutigen Spielregeln sind simpel: Ein Schauspieler oder Comedian oder sonstiger Komiker von der Westküste hält eine belustigende Rede auf die US-Politik, den Präsidenten und auf alles, was sonst noch so anliegt. Der jeweilige Präsident wiederum darf eine Rede halten, bei der er sich im besten Falle auch mal selbst auf die Schippe nimmt. Dann lachen alle herzlich und es gibt Sympathiepunkte. Späßchen über sich selbst - das macht Barack Obama allerdings nicht gar so gern.

So klingt es an diesem Abend anfangs auch alles noch ein bisschen harmlos: Die technischen Schwierigkeiten bei der Einführung der neuen Krankenversicherung Obamacare? "Im Jahr 2008 war mein Slogan: 'Yes we can!' - 2013 dagegen ging er so: 'Control - Alt - Delete'." Oder diese Anspielung auf die einst von Republikanern inszenierte Debatte um seinen Geburtsort: "Gerade hat seit 30 Jahren erstmals ein Amerikaner den Marathon von Boston gewonnen. Das war nur gerecht, wo doch seit sechs Jahren ein Kenianer Präsident ist."

Wirklich besser ist Obama, wenn es um andere geht. Etwa gegen Rand Paul, den radikalliberalen US-Senator, der außenpolitisch irrlichtert und innenpolitisch jüngst Nevada-Rancher und Tea-Party-Darling Cliven Bundy unterstützte, der kurz darauf mit rassistischen Bemerkungen aufhorchen ließ - worauf sich Paul distanzierte. Obama gibt einen Tipp: "Generell gilt, dass die Dinge nicht gut enden, wenn einer einen Satz beginnt mit den Worten: 'Lasst mich mal was in Sachen Neger sagen.' Da müsst ihr euch den Rest gar nicht mehr anhören."

Weiter geht's mit John Boehner, dem stets solariumsgebräunten republikanischen Sprecher des Repräsentantenhauses, der zuletzt die Rechtsaußen-Fraktion in den eigenen Reihen kaum mehr in den Griff bekam. O-Ton-Obama unter Anspielung auf die TV-Serie "Orange is the new Black" und Boehners Gesichtsfarbe: "Seine Republikaner machen ihm zurzeit das Leben schwerer als mir, Orange ist also wirklich das neue Schwarz."

Zum Höhepunkt des Abends aber wird Obamas Erwähnung Hillary Clintons. Längst läuft ja ein Schattenwahlkampf um die Präsidentschaftskandidatur 2016, ohne dass sich die Ex-Außenministerin öffentlich schon erklärt hätte. Der US-Präsident gibt nun gewissermaßen eine Wahlempfehlung für sie ab - als Vorwand dient ihm ein rechtskonservativer Kabelkanal: "Foxnews, ihr werdet mich vermissen, wenn ich aus dem Amt geschieden bin. Es wird härter sein, das amerikanische Volk davon zu überzeugen, dass Hillary in Kenia geboren worden ist." Applaus und Gejohle im Publikum für die Barack-Obama-Show.

Reichlich schwach dagegen der Konter aus Hollywood: Schauspieler und Comedian Joel McHale ("Community") sollte sich Präsident und Politik vorknöpfen. Das aber tat er nur bedingt und ohne roten Faden. So wurde Obama nahezu verschont, dafür erwischte es anwesende Republikaner wie New Jerseys Gouverneur Chris Christie ("Der Abend wird amüsant sein und schnell vergehen, genau wie Christies Präsidentschaftsbewerbung.") oder den in Kanada geborenen Republikaner-Senator Ted Cruz: "Die Tea Party ist gegen Sozialismus und gegen Einwanderung, deshalb macht es ja auch Sinn, dass ihr Held ein Kubaner aus Kanada ist."

Washington und Hollywood finden an diesem Abend nur einmal wirklich zueinander: In einem Fünf-Minuten-Einspielfilm, der Vizepräsident Joe Biden und Vizepräsidenten-Darstellerin Julia Louis-Dreyfus zeigt, wie sie gemeinsam von ihrem Aufstieg träumen: Sie verschaffen sich Zugang zu Obamas Büro, naschen in der Küche des Weißen Hauses, wo sie von Michelle Obama erwischt werden, brausen mit Bidens gelber Corvette durch die Stadt zu einem Tattoo-Studio, wo sie sich die Zahl 45 tätowieren lassen (Obama ist Präsident Nr. 44) und telefonieren mit John Boehner, der sagt, er habe keine Zeit: weil er gerade ein Panda-Video guckt.

Da gilt: Washington ist doch immer wieder aufs Neue ein Dorf.



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36 Leserkommentare
Growling Mad Scientist 04.05.2014
Blaumilchvor 04.05.2014
woodeye 04.05.2014
harald_haraldson 04.05.2014
spibufobi 04.05.2014
madtv 04.05.2014
dherr 04.05.2014
j.breitinger 04.05.2014
pk-2 04.05.2014
schreiberausthür.89 04.05.2014
Softship 04.05.2014
Atheist_Crusader 04.05.2014
schreiberausthür.89 04.05.2014
berti1947 04.05.2014
spon-facebook-1810274577 04.05.2014
killi 04.05.2014
kilroy-was-here 04.05.2014
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hotgorn 04.05.2014
paula_f 04.05.2014
harald_haraldson 04.05.2014
dochnichtentmündigt 04.05.2014
deutscheridiot 04.05.2014
deutscheridiot 04.05.2014
karl-der-gaul 04.05.2014
mcvitus 04.05.2014
zaqsam 04.05.2014
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Das Auge des Betrachters 04.05.2014
BettyB. 04.05.2014
n01 04.05.2014
vebssub 04.05.2014
Korf 04.05.2014

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