Obama-Herausforderer Republikaner buhlen um Mr. No

Perry? Romney? Nicht wirklich. Nach enttäuschenden TV-Debatten halten milliardenschwere Spender nach anderen Republikaner-Kandidaten Ausschau, die US-Präsident Obama schlagen könnten. Ihr neuer Liebling ist ein Gouverneur - doch der sagt bisher nein. Wie lange noch?

Chris Christie: Die US-Version von Sigmar Gabriel - in Statur und Stil
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Chris Christie: Die US-Version von Sigmar Gabriel - in Statur und Stil

Von , Washington


Barack Obama leidet. Die Wirtschaft des Landes dümpelt, die Beliebtheitswerte des US-Präsidenten trudeln, das Parlament ist blockiert. Einziger Hoffnungsschimmer für den Mann im Weißen Haus, 14 Monate vor der Wahl: ausgerechnet die republikanischen Gegner. Kein Präsidentschaftsbewerber erscheint bisher als ernstzunehmender Konkurrent für Obama. Zu radikal, zu viel Tea-Party-Klamauk - und gleichzeitig zu blass.

Die Zweifel an den eigenen Kandidaten reichen bei den Republikanern von der Basis bis ins Establishment. Vor allem aber zeigen sich die Spender besorgt. Viele von ihnen halten bisher das Geld zusammen, denn eine Großspende ist wie ein Investment: Man will nicht auf den falschen Kandidaten setzen.

Kandidatenkür im Rückwärtslauf

Was tun? Hinter den Kulissen haben milliardenschwere Geldgeber längst die Suche nach einer Alternative zu Rick Perry, Mitt Romney und Co. gestartet. "Ihr wollt echt noch einen Bewerber?", spottete Comedy-Star Jon Stewart jüngst in seiner Satiresendung "The Daily Show". Der republikanische Kampf um die Kandidatur entwickele sich zu einer Staffel "Amerika sucht den Superstar" - im Rückwärtslauf: "Jede Woche holt ihr einen anderen Schwachkopf dazu."

Der aktuelle Wunschkandidat besorgter Republikaner ist Chris Christie, 49 Jahre alt, seit eineinhalb Jahren Regierungschef des Ostküstenstaates New Jersey. Christie darf man sich durchaus als US-Version von Sigmar Gabriel vorstellen: in Statur und Stil zumindest. Der Auftritt gelegentlich prahlerisch, die Ansprachen sehr direkt. Als Hurrikan "Irene" Ende August auf New Jersey zuraste, richtete sich Christie per TV an jene, die noch immer an den Stränden ausharren: "Zum Teufel nochmal, haut ab, ihr habt euch jetzt genug gebräunt."

Christie gilt als zielstrebig, durchsetzungsstark. Er hat den Haushalt seines Landes zusammengestrichen, sich mit dem öffentlichen Dienst angelegt. Und doch steigen die Zustimmungsraten für seine Politik, seit Mai etwa sind sie in New Jersey um zehn Punkte auf 54 Prozent geklettert, wie am Dienstag eine Umfrage ergab. Christie habe, anders als die bisherigen republikanischen Bewerber, "Superstar-Talent" und sei einer der begnadetsten Kommunikatoren seit Bill Clinton, kommentiert die "New York Times".

Hat dieser Mann das Potential, Barack Obama zu schlagen? Republikanische Geldgeber zumindest scheinen elektrisiert.

Spender im Christie-Fieber

Die "Times" zählt bereits den milliardenschweren Christie-Fanclub auf, darunter einige der solventesten Männer des Landes: Da ist der Investment-Banker Kenneth Langone, der sein Geld unter anderem mit einer Baumarktkette gemacht hat; der Hedgefonds-Gründer Paul E. Singer; oder der Industrielle David H. Koch, reichster New Yorker. Sie alle wollen Christie unterstützen. Die "Los Angeles Times" schreibt schon vom "Christie-Fieber".

Das Problem ist nur: Chris Christie will nicht. Sagt er jedenfalls dauernd. Aber kaum einer will ihm die Rolle des Mr. No abnehmen.

Das US-Blog Politico hat einen Zwei-Minuten-Videozusammenschnitt ins Netz gestellt, in dem Christies sämtliche Absagen aneinandergereiht sind: Insgesamt 18-mal bemüht der Gouverneur das No. Offenbar müsse er Selbstmord begehen, um die Leute zu überzeugen, dass er nicht antrete, scherzt Christie. Auch sein Bruder Todd beharrt vehement, er sei sich sicher, dass Chris nicht kandidiere: "Wenn er mich in dieser Sache belügen würde, wäre ich überrascht wie noch nie zuvor in meinem Leben."

Aber was soll's? Die Spekulationen gehen trotzdem weiter. Daran ist übrigens Mr. No selbst nicht ganz unschuldig.

Am Dienstagabend tritt er in der Ronald-Reagan-Bibliothek im kalifornischen Simi Valley auf, einem Ort für republikanische Pilger. Hier fand Anfang September noch eine große TV-Debatte der republikanischen Präsidentschaftsbewerber statt. Und nun ist Chris Christie da, um einen kleinen Vortrag zu halten über die "amerikanische Einzigartigkeit". Es ist dann viel von Einheit der Nation die Rede und vom spaltenden Obama. Sehr staatsmännisch klingt das alles. Die Leute vor Ort nehmen die Vorlage nur zu gern auf: Ob er denn nun antrete, fragen sie Christie - und bitten ihn zugleich inständig, genau das zu tun. Der Gouverneur grinst, verweist auf das Politico-Video: "Klickt das an, da bekommt ihr die Antworten." Ist das ein definitives Nein? Keineswegs.

Spielt er das Palin-Spiel?

Christie-Vertraute streuen, er habe sich noch nicht entschieden. Andere behaupten das Gegenteil. Spielt der Mann jetzt das Spiel der Sarah Palin? Will er seinen Marktwert steigern, Aufmerksamkeit generieren?

Denn seit Monaten hält auch die Vizepräsidentschaftskandidatin von 2008 ihre Anhänger hin, tourt aber gleichzeitig mit einer Art Wahlkampfbus durchs Land und tritt vornehmlich vor der Tea Party auf. Sie hält sich im Gespräch, ohne ins ermüdende Tagesgeschäft eines Kandidaten einsteigen zu müssen. Klar aber ist auch: Der richtige Augenblick ist schnell verpasst, schon im Januar starten die Vorwahlen. Die Zeit bis dahin ist reichlich knapp, um noch eine funktionierende Wahlkampforganisation aufzubauen.

Doch solange die offiziellen Bewerber in all ihren TV-Debatten und Wahlkampfauftritten blass bleiben und Fehler machen, können Palin und Christie ihre Rolle von der Seitenlinie aus spielen. So war es insbesondere das rhetorische Debakel des Texas-Gouverneurs Rick Perry bei der letzten Fernsehkonfrontation in Florida, das wie eine Initialzündung für den virtuellen Kandidaten Christie wirkte.

Perry verhaspelte sich selbst bei seinen vorbereiteten Attacken auf Mitbewerber Mitt Romney - und rutschte nach der jüngsten Fox-Umfrage nun erstmals hinter Romney auf Platz zwei (Romney 23 Prozent, Perry 19 Prozent, Herman Cain 17 Prozent).

Auf die hypothetische Frage, was er als Präsident tun würde, wenn Pakistan die Kontrolle über seine Atomwaffen an die Taliban verlöre, wies Perry darauf hin, dass man eben den Indern verbesserte F-16-Kampfjets hätte verkaufen sollen.

"Kompletter Blödsinn", lästerte nachher ein Romney-Vertrauter. Und Jon Stewart, der Komiker, empfahl Romney, seine Redezeit einfach an Perry abzutreten. Weil der sich so schön selbst demontiert.

Sollte Mr. No doch noch antreten, führt diese Taktik womöglich nicht mehr zum Ziel.



insgesamt 72 Beiträge
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Pepito_Sbazzagutti 30.09.2011
1. Ein paar Kilo zuviel
Wer ein paar Kilo zuviel auf den Rippen hat und/oder kahlköpfig ist, wird niemals US-Präsident - behauptete schon in den 80ern Neil Postman. Der Kandidat soll optisch etwas "hermachen". Seine Qualifikation ist absolut zweitrangig.
Walter Sobchak 30.09.2011
2. Hier steht ein *Titel*
Der einzig waehlbare unter Demokraten und Reps ist und bleibt Dr. Ron Paul. Das war vor und vor allem nach Obama schon so. Schade, dass sein Sohn so ein Dummbeutel ist. Und bezeichnend, dass saemtliche Medien Ron Paul konsequent ignorieren. Aber wer sich selber mal ein Bild von den Rep-TV-Debatten machen will kann das ja auf youtube tun. Selten hoert man dies- und jenseits des Atlantiks einen Politiker so klar und deutlich, und vor allem logisch, seine Meinung darlegen. Paul hat ausserdem als einziger ueberhaupt gegen die ganzen Kriegseinsaetze gestimmt.
green_mind 30.09.2011
3. SPON, Sie haben vergessen,
Zitat von sysopPerry? Romney? Nicht wirklich. Nach enttäuschenden TV-Debatten halten milliardenschwere Spender nach anderen Republikaner-Kandidaten Ausschau, die US-Präsident Obama schlagen könnten. Ihr neuer Liebling ist ein Gouverneur - doch der sagt bisher nein. Wie lange noch? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,789024,00.html
einen republikanischen Kandidaten zu erwähnen, der große Chancen hat, zu gewinnen, weil er bei der Bevölkerung parteiübergreifend sehr beliebt ist (nicht beim Finanzkapital und der Industie), nämlich Ron Paul. Seine Beliebtheit ist es, die die bisherigen Kandidaten so schlecht aussehen lässt.
juerv1, 30.09.2011
4. .
Von den Tea-Party-Sektierern okkupiert, sind die Republikaner offensichtlich dabei, sich selbst zu zerstören. Nachdem man dachte, noch schlimmer als mit George W. könne es nicht kommen, sind die Reps jetzt nur noch in der Lage, absolute Trottel ins Rennen zu schicken, die Waldbrände wegbeten und die die Evolution leugnen.
indyreporter 30.09.2011
5. Ron Paul
Ooh Spiegel-Redaktion, Ihre seit wirklich desinformiert: Der entscheidende Kandidat ist Ron Paul, er ist gegen Krieg und gegen die Einmischung in andere Laender und er will das CIA beschneiden, das IRS und das FED abschaffen und er will alle Drogen legalisieren und er ist Republikaner und er ist in den Polls direkt hinter Obama und sogar einige Demokraten haben empfohlen ihn zu waehlen und er wird verehrt wie ein Rockstar. Unglaublich dass sich der Spiegel Nachrichtenmagazin nennt.
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