Obama in der Kritik Die Schattenseiten des Strahlemanns

In Umfragen läuft Barack Obama seinem Rivalen McCain davon - doch gerade seine Botschaft des Wandels macht ihn angreifbar. Aufregung über Lobby-Verbindungen und Wahlkampffinanzierung gefährden sein Image. Kritiker werfen ihm vor, doch nur ein normaler, berechnender Politiker zu sein.

Von , Washington


Washington - Diese Woche traf sich Karl Rove zum Frühstück mit republikanischen Parteifreunden und war schon beim Morgenbrötchen in Wahlkampfstimmung. Barack Obama sei kühl und arrogant, schimpfte Bushs Ex-Chefstratege über den demokratischen Hoffnungsträger. Halt so ein Typ, schäumte Rove, der in einem noblen "Country Club" an der Wand lehne, ein Martini-Glas in der Hand und eine tolle Frau an der Seite - und über jeden, der reinkomme, abfällige Bemerkungen mache.

Obama bei Wahlkampfauftritt: Unter Einfluss von Interessensgruppen?
AFP

Obama bei Wahlkampfauftritt: Unter Einfluss von Interessensgruppen?

Obamas Kommunikationsdirektor Robert Gibbs konterte umgehend: Ein Washington-Insider wie Rove habe ganz gewiss viel mehr Zeit in exklusiven "Country Clubs" verbracht als Obama. Der trinke außerdem gar keine Martinis.

Die Antwort aus Obamas Lager ist typisch. Der Kandidat der Demokraten will sich in diesen ersten Wochen des Hauptwahlkampfes partout weiter als Washington-Außenseiter präsentieren. Oft verweist Obama derzeit auf seinen erfolgreichen Kampf für strengere Lobbying-Vorschriften in der US-Hauptstadt - und nennt seinen republikanischen Rivalen John McCain abfällig ein "Geschöpf Washingtons". "Lobbyisten organisieren seinen Wahlkampf", behauptet Obama häufig.

Drei Probleme für den Kandidaten

Die Sache ist nur: Obamas Botschaft des Wandels, der neuen Art von Politik ist angreifbar, wenn es um Geld und den Einfluss von Lobbyisten geht. Der Kandidat musste das gerade drei Mal kurz hintereinander erfahren:

  • Wahlkampfspenden: Obamas Entscheidung in der vergangenen Woche, öffentliche Wahlkampffinanzierung abzulehnen und lieber auf private Spenden zu vertrauen, stieß auf heftige Kritik. Denn das neue System war erst vor kurzem eingeführt worden, um den Einfluss von Großspendern zu beschränken. Obama hatte im vergangenen Jahr noch versprochen, sich an die Vorschriften zu halten - und änderte erst seine Meinung, als seine Spendeneinnahmen alle Rekorde brachen. Die kommen aber auch von vielen sehr vermögenden Geldgebern, neben dem oft beschriebenen Heer von Kleinspendern.
  • Washington-Insider: Kurz vorher hatte der Rücktritt von Jim Johnson Schlagzeilen gemacht. Der Banker und Firmenchef sollte für Obama die Auswahl eines Vizepräsidentschaftskandidaten organisieren - doch der bestens vernetzte Washington-Insider Johnson trat den Rückzug an, nachdem er den Erhalt von Millionenkrediten zu Vorzugspreisen von der umstrittenen US-Hypothekenbank Countrywide zugeben musste.
  • Lobby-Einfluss: Am Montag schließlich enthüllte die "New York Times", dass auch Hoffnungsträger Obama nicht vor dem Einfluss von Interessengruppen gefeit ist. So vertraut er auf Berater, die offen für Bio-Ethanol als neuen Kraftstoff werben. Obama setzt sich regelmäßig für Milliardensubventionen ein, um Ethanolanbau aus Mais in den USA zu fördern - obwohl der Biokraftstoff wegen seiner Folgen für Klimawandel und Nahrungsmittelpreise keineswegs unumstritten ist, obwohl viele Experten eher den Import von effizienterem ausländischen Ethanol aus Zuckerrohr befürworten. Das wird bislang durch eine Einfuhrsteuer erschwert, die Obama ebenfalls beibehalten will.

Niemand erwartet in den USA ernsthaft, dass Präsidentschaftsbewerber, die Wandel versprechen, ganz auf den Rat von Lobbyisten oder Washington-Insidern verzichten werden. Jimmy Carter, einst Gouverneur im ländlichen Georgia, versuchte das als Präsident in den siebziger Jahren - und wurde schon bald als naiv verspottet. Alle Präsidentschaftskandidaten machen pragmatische Zugeständnisse.

Doch Obama setzt extrem auf die Anziehungskraft eines ganz neuen Politikansatzes - und ist damit in Umfragen seinem republikanischen Rivalen John McCain enteilt.

"Wähler schätzen seine Authentizität ganz besonders. Wenn er nun zum Beispiel mit seinen Lobby-Verbindungen zu Bio-Ethanol wie ein normaler berechnender Politiker erscheint, kann ihm das sehr schaden", sagt die Meinungsforscherin Kellyanne Conway SPIEGEL ONLINE. Obama hat sich in allen genannten Beispielen taktisch verhalten:

  • Lobby-Einfluss: Obamas Einsatz für Bio-Ethanol zielte explizit auf Werbung von Wählergruppen in seinem Heimatstaat Illlinois und vor allem in Iowa - wo Obama seinen Siegeszug begann und auf einen Sieg im November hofft. In beiden Bundesstaaten leben viele Bauern, die vom Ethanol-Boom profitieren.
  • Wahlkampfspenden: In der Auseinandersetzung mit Hillary Clinton verbreitete Obama in Fernsehspots ausführlich, er nehme im Gegensatz zu seinen Rivalen keine Spenden von Lobbyisten oder Ölfirmen (erwähnte allerdings nicht, dass kein Kandidat Geld von Ölfirmen annehmen darf und er durchaus Spenden von deren Mitarbeitern akzeptiert). Das Nein zu Geldern von Lobbyisten fällt leicht - weil sie ohnehin eher wenig spenden. Wichtiger sind Gelder von Firmen oder Anwaltskanzleien. Und deren volle Konten zapft Obama sehr effizient an.
  • Washington-Insider: Jim Johnsons Verbindungen in der US-Hauptstadt waren Obama anscheinend so wichtig, dass er klare Warnzeichen in dem Skandal übersah. Denn Johnson war schon länger etwa in Skandale um hohe Managerabfindungen verstrickt.

Er stehe nicht zu seinem Wort, wirft McCain seinem Rivalen nun vor und erinnert genüsslich an frühere Fehltritte Obamas. So machte der Demokrat im Duell mit Clinton Stimmung gegen das Freihandelsabkommen Nafta - während seine Berater zeitgleich kanadische Diplomaten beruhigten, das sei bloß Rhetorik.

Auch McCain hat Schwierigkeiten

McCain dagegen sprach im Vorwahlkampf in Iowa offen von seinen Vorbehalten gegen Ethanol-Subventionen. Ähnlich unerschrocken hat er für einen besseren Rahmen zur öffentlichen Wahlkampffinanzierung gekämpft und sich dabei sogar mit seiner eigenen Partei angelegt. Deshalb ist sein Ärger über Obamas Ablehnung dieser Vorschriften authentisch.

Doch auch McCain ist vor kurzem in die Kritik geraten - wegen der Nutzung des Privatjets seiner vermögenden Ehefrau. Außerdem musste der vermeintliche Saubermann dringend in seinem eigenen Umfeld aufräumen, in dem es vor Lobbyisten nur so wimmelt. Sein Top-Organisator für den Parteitag im September ist schon abgetreten, weil er für das Militärregime in Burma als Lobbyist gute Stimmung gemacht hatte. Seit McCain als Vorschrift erlassen hat, dass aktive Lobbyisten nicht mehr für sein Wahlkampfteam arbeiten dürfen, hagelt es weitere Rücktritte.

Beide Präsidentschaftsbewerber balancieren auf einem schmalen Grat. "Sowohl McCain als auch Obama präsentieren sich als Kandidaten mit besonders hohen moralischen Ansprüchen", sagt Meinungsforscher Jeffrey Pollock SPIEGEL ONLINE. "Das aber macht sie besonders verwundbar."



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