Obama und der NSA-Spähskandal Der unheimliche Zuhörer

Die Amerikaner stehen "Big Data" aufgeschlossener gegenüber als die Deutschen - noch. Denn US-Präsident Obama, der umfangreichen Datensammlungen wohl seine Wiederwahl verdankt, dürfte auch den eigenen Landsleuten langsam unheimlich werden.
US-Präsident Obama: Wiederwahl dank "Big Data"

US-Präsident Obama: Wiederwahl dank "Big Data"

Foto: Evan Vucci/ AP/dpa

Mick Jagger, 69, siebenfacher Vater, vierfacher Großvater, ist ein Rocksänger im Vorruhestand - und manchmal ein junggebliebener Rebell. Gerade stand Jagger auf einer Bühne mitten in Washington, seine "Rolling Stones" gaben ein Konzert wenige Kilometer entfernt vom Weißen Haus. Der Brite grinste in die Menge, dann sagte er: "Präsident Barack Obama hat keine Eintrittskarte gekauft. Aber ich bin mir sicher, er hört ja eh zu."

Die Zuschauer lachten laut, weil Obama, der Hoffnungsträger, der vermeintlich so europäische US-Präsident, zu einer Witzfigur geworden ist. Zum Abziehbild jenes "Big Brother", den Schriftsteller George Orwell einst als Prototyp eines allmächtigen Diktators skizzierte, der ohne Skrupel jeden Bürger ausspäht, überwacht, kontrolliert.

Was ist davon noch Klischee, was ist Wahrheit? Die jüngsten SPIEGEL-Enthüllungen über geheime US-Spähprogramme gegen Einrichtungen der Europäischen Union, die schier unfassbare Zahl von rund 500 Millionen überwachten Kommunikationsvorgängen pro Monat allein in Deutschland, lassen das Schlimmste vermuten. Wenn Obama ausdrücklich versichert, Amerikaner müssten keinen "Big Brother" fürchten, müssen sich "Partner dritter Klasse" - zu denen die Amerikaner laut den eingesehenen Geheimdokumenten  Deutschland zählen - zwangsläufig die Frage stellen: Wir aber schon?

Amerikaner sehen in "Big Data" die Chancen, nicht die Tücken

Nirgendwo wird diese Frage lauter gestellt als in Deutschland, das wie wenige andere Nationen - in der Nazi-Zeit und später in der DDR - erfahren musste, wohin staatliche Überneugierde und Bevormundung führen kann. Die Deutschen schätzen ihre Privatsphäre, sie fürchten die totale Kontrolle. Deswegen ist vielen von uns Facebook-Gesichtserkennung unheimlich, daher reagieren zahlreiche Bundesbürger allergisch auf die Kameras von Google Street View, daher sind Deutsche in den USA irritiert, wenn der Friseur für die Terminabsprache außer der Telefonnummer auch die E-Mail-Adresse und die Kreditkarte wünscht.

Amerikaner sind in dieser Hinsicht sorgloser. Das Land, Ideenschmiede der modernen Kommunikation, blickt eher auf die Magie und die Chancen von "Big Data" als auf ihre Tücken - allen voran ihr Präsident, der einer geschickten Datennutzung wohl seine Wiederwahl verdankt.

Obama rekrutierte die klügsten Köpfe von Google oder Facebook, um Amerikas Wähler nach bis zu 500 Persönlichkeitsmerkmalen einzuteilen. Seine IT-Fußtruppen kannten ihr Alter, ihr Geschlecht, ihren Bildungsabschluss, ihre Biermarke, ihre Lieblingszeitschrift, sie spähten ihr Surfverhalten durch "Spione" auf ihren Bildschirmen aus. Durch Algorithmen gejagt, entstanden so komplexe Profile, und diese erlaubten zielgenaue Ansprache. Obamas Wahlhelfer wussten ganz genau, an welche Haustür sie klopfen mussten und wo das Unterfangen sinnlos war. Klar, dass ein Präsident nach so einer Art von (erfolgreichem) Wahlkampf kaum daran zweifelt, dass "Big Data" "nichts Böses tut", wie das offizielle Google-Firmenmotto lautet.

Obama muss öffentlich über Spähprogramme reden

Kann Obama also unsere Datenschutz-Bedenken schlicht als typisch europäisch abtun? Sollen wir uns nicht so anstellen, wie manche Stimmen in den USA suggerieren, schließlich sei ein wenig Spionage unter Freunden doch seit Menschengedenken üblich? Wird es genügen, auf diplomatischem Wege hinter den Kulissen Bedenken auszuräumen, wie erste Stellungnahmen der Obama-Regierung vermuten lassen?

Das wäre fatal. Gewiss, wir Europäer werden nicht schlagartig aufhören, bei Amazon zu shoppen, uns auf Facebook zu verbinden, mit Google zu suchen. Und doch drohen tiefe Risse im transatlantischen Verhältnis: Bürger, denen bereits vor amerikanischem Genmais graust, könnten noch lauter gegen ein geplantes Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA rebellieren, wenn sie auch noch um ihre Privatsphäre fürchten müssen. Frankreichs Präsident François Hollande, ohnehin kein Freund des Abkommens, schürte mit seiner scharfen Amerika-Kritik bereits gezielt solche Bedenken.

Das sollte aber nicht Obamas einzige Sorge sein: Er muss auch an seine Bürger "erster Klasse" denken, Amerikaner also. Wir haben in den Debatten über geheime Drohnenflüge erlebt, wie eine kuriose Allianz stramm linker und stramm rechter Amerikaner vom Weißen Haus mehr Transparenz einforderte. Sie fürchteten, dass über kurz oder lang ein ausufernder Überwachungsapparat auch daheim zuschlagen werde. Ähnliche Stimmen sind bereits zu vernehmen - und die Kritiker fühlen sich durch Europas geballten Zorn nur bestärkt. Der einflussreiche "Time"-Kolumnist Fareed Zakaria fühlt sich durch Auswüchse der "Big Data"-Sammlungen an einen "schockierenden Science-Fiction-Thriller" erinnert und fragt: "Ist das noch mit dem Leben in einer freien Gesellschaft vereinbar?"

Deswegen wird Obama über diese Programme öffentlich reden müssen. Je früher er dies tut, desto besser. Für Europa. Und für Amerika.