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07. September 2012, 03:15 Uhr

Minutenprotokoll der Rede

"Wir können es schaffen"

Er will neue Jobs schaffen, die Mittelschicht stärken, Militärausgaben reduzieren: In einer kämpferischen Rede umreißt US-Präsident Obama beim Parteitag der Demokraten sein Programm für die nächsten vier Jahre. Er appelliert an Amerika, ihm mehr Zeit für den Wandel zu geben.

Charlotte - In einer mit Spannung erwarteten Rede hat Barack Obama beim Parteitag der US-Demokraten in Charlotte für Vertrauen in seine Arbeit geworben. Die Krise sei noch nicht überwunden, aber seine Regierung sei auf dem richtigen Weg. Er wolle neue Jobs schaffen, Amerikas Mittelschicht nach dem Absturz in der Krise stabilisieren, die Ausgaben für das Militär reduzieren, den Umweltschutz ausbauen, die Gesellschaft für Migranten öffnen, die Rechte von Frauen schützen, Minderheiten integrieren.

Der Präsident appellierte an seine Wähler, ihm mehr Zeit für die Lösung der Probleme des Landes zu geben. Was sich in Jahrzehnten angehäuft habe, sei nicht in wenigen Jahren zu lösen. Immer wieder betonte Obama, dass die USA vor einer Schicksalswahl stünden: einer Richtungsentscheidung für das Land, einer "Wahl zwischen zwei fundamental verschiedenen Visionen für die Zukunft".

Beide Kandidaten stünden für zwei völlig verschiedene Wege, in die die Nation gehen könne, sagte Obama mit Blick auf seinen republikanischen Kontrahenten Mitt Romney. "Der Weg, den wir anbieten, ist vielleicht schwieriger, aber er führt zum Erfolg."

In seiner Rede knüpfte der Präsident auch an seinen Wahlkampf vor vier Jahren an - Obama versuchte Zuversicht zu verbreiten. Er sprach immer wieder von der Hoffnung, die es gebe. "Wir können unsere Probleme lösen, wir können unsere Herausforderungen meistern", rief der Präsident unter dem Jubel seiner Anhänger.

Lesen Sie die Geschehnisse in Charlotte im Minutenprotokoll nach:

+++ Romney reagiert+++

[5.15 Uhr] Wenige Minuten nach Schluss der Obama-Rede reagiert sein Herausforderer Mitt Romney. Sein Sprecher gibt folgendes Statement des republikanischen Präsidentschaftskandidaten heraus: "Präsident Obama hat ein Programm vorgestellt, das dieselben Maßnahmen umfasst wie das der vergangenen vier Jahre. Er hat weitere Versprechen gemacht, dabei hat er die von vor vier Jahren nicht gehalten. Amerikaner werden ihn für diese Bilanz verantwortlich machen - sie wissen, dass es ihnen heute nicht besser geht und dass es Zeit für einen Wechsel ist."

+++ "Wir lassen niemanden allein"+++

[5.05 Uhr] Obama bittet seine Anhänger um ihre Stimme: "Eure Stimme muss in dieser Wahl gehört werden. Ihr müsst aufstehen in dieser Wahl - wenn Ihr wollt, dass sich etwas in diesem Land ändert." Er sei nicht gewählt worden, um das zu sagen, was die Menschen hören wollten. "Sie haben mich gewählt, damit ich die Wahrheit sage." Der Präsident ruft: "Amerika, ich habe nie gesagt, dass es einfach wird." Er werde nicht so tun, als ob der Weg, den er anbiete, einfach oder schnell sein wird. Obama verspricht: "Wir lassen niemanden allein." Jubel und Applaus brandet auf. Es ertönt Bruce Springsteen mit "We Take Care Of Our Own" - Obama winkt in die Menge, seine Frau und Kinder und die Bidens kommen auf die Bühne.

+++ Hoffnung ist in Amerika immer noch lebendig+++

[5.03 Uhr] Ja, Obama nimmt das zwischenzeitlich verpönte H-Wort immer wieder in den Mund. Die Schlusspassage seiner Rede ist der Hoffnung gewidmet. Die Hoffnung in Amerika sei noch lebendig - der Weg zum Erfolg sei nicht leicht, aber gemeinsam sei er zu schaffen. Die Menge ist begeistert.

+++ Nur der Weg nach vorne +++

[5.02 Uhr] Nächster Verweis auf einen berühmten US-Präsidenten - Abraham Lincoln: Wie Lincoln habe auch er oft in seinem Amt die Erfahrung gemacht, dass die Aufgaben so groß sind, dass sie einen in die Knie zwingen - doch es gebe nur den Weg nach vorne.

+++ Obama lobt seine Anhänger +++

[5.00 Uhr] Der Demokrat preist seine Anhänger - die letzte Wahl sei nicht seine gewesen, sondern vielmehr die Wahl seiner Anhänger: "Das habt Ihr getan, Ihr habt den Wechsel möglich gemacht. Nur Ihr habt die Macht, dass es vorwärts geht." Die Bürger der USA gäben ihm Hoffnung. "Wenn Sie diese Hoffnung mit mir teilen, dann bitte ich Sie heute Abend um Ihre Stimme."

+++ "Was können wir in diesem Land tun" +++

[4.57 Uhr] Obama macht Anleihen bei John F. Kennedy und wandelt einen von dessen berühmtesten Leitsätzen leicht um: "Amerika - das bedeutet nicht, was kann das Land für uns tun, sondern: Was können wir in diesem Land tun!"

+++ Schulen und Straßen statt Waffen +++

[4.48 Uhr] Der Präsident kündigt deutlich reduzierte Ausgaben für Rüstung an - zu viele Milliarden Dollar seien in Kriege geflossen, jetzt wolle er Schulen und Straßen bauen.

+++ "Ihr habt die Wahl" +++

[4.43 Uhr] Immer wieder ruft Obama: "Ihr habt die Wahl." In der Schulpolitik zum Beispiel: Jeder müsse das Recht auf eine gut Schulbildung haben. Keine Firma solle ihre Arbeiter im Ausland suchen müssen. Er verspricht, 100.000 neue Mathematik- und Wissenschaftslehrer im kommenden Jahrzehnt einzustellen. Außerdem will er eine Million Industriearbeitsplätze schaffen, die US-Exporte bis 2014 verdoppeln, Ölimporte bis 2020 halbieren und das US-Defizit im gleichen Zeitrahmen um vier Billionen Dollar kürzen.

+++ Zwei verschiedene Wege für Amerika +++

[4.32 Uhr] Der Präsident schlägt ernste Töne an: Die Wahl werde nicht nur eine Abstimmung zwischen zwei Kandidaten und zwei Parteien sein, sondern zwischen zwei "verschiedenen Wegen für Amerika". "Wir bewegen uns vorwärts", ruft Obama. "Ihr habt mich gewählt, Euch die Wahrheit zu sagen." Er verspricht: "Die Probleme können gelöst werden. Wir können es schaffen." Deshalb bewerbe er sich für die zweite Amtszeit.

+++ Der Präsident gibt sich gut gelaunt +++

[4.26 Uhr] Obama witzelt über die Dauerberieselung mit Wahlwerbevideos im Fernsehen. "Sie haben es wahrscheinlich satt, mich ständig in Werbevideo sagen zu hören, "I approve this message" - glauben Sie mir, ich habe es auch satt."

+++ Obama betritt die Bühne +++

[4.23 Uhr] Michelle Obama kündigt ihren Mann an: die "Liebe ihres Lebens, den Vater ihrer beiden Töchter, den Präsidenten der Vereinigten Staaten". Barack Obama kommt, sie umarmen und küssen sich. Die Delegierten stimmen Sprechchöre an: "Four more years" ("Vier weitere Jahre"). Der Präsident lächelt in die Kameras und ruft immer wieder "danke". Er akzeptiere seine Nominierung - die Halle jubelt.

Vizepräsident Biden greift Romney an

+++ Warten auf den Präsidenten +++

[4.18 Uhr] Jetzt muss Barack Obama beweisen, dass er die Amerikaner noch einmal überzeugen kann. Ein Film zeigt die Erfolge seiner Präsidentschaft: Wie er verkündet, dass der Qaida-Chef Osama Bin Laden getötet wurde. Obamas Ziel sei es, Jobs zu schaffen, sagt eine Stimme aus dem Off.

+++ Biden attackiert Romney +++

[4.11 Uhr] "Amerika ist nicht in einem Niedergang - ich habe eine Nachricht für Mitt Romney: Es hat keinen Sinn, gegen die Amerikaner zu wetten", ruft Biden den Delegierten am Ende seiner Rede zu. "Wir sind auf dem richtigen Weg." Der Vizepräsident hat den republikanischen Konkurrenten Romney zweimal in seiner Rede angegriffen. "Die beiden Männer, die dieses Land in den nächsten vier Jahren führen wollen, haben zwei grundsätzlich verschiedene Visionen, und eine vollkommen unterschiedliche Werteordnung", sagt der Vizepräsident. "Gouverneur Romney glaubt, dass es in der globalisierten Wirtschaft nicht viel ausmacht, wo amerikanische Firmen ihr Geld lassen und Jobs schaffen." Obama wisse dagegen, dass die Schaffung von Jobs das ist, "was die Präsidentschaft ausmacht".

+++ "Er hat ein Kreuz aus Stahl" +++

[3.55 Uhr] Dieser Mann habe nicht nur ein großes Herz, nein - er habe auch ein Kreuz aus Stahl, lobt Biden seinen Präsidenten. Er erwähnt die milliardenschweren Finanzhilfen für die US-Autokonzerne General Motors und Chrysler im Jahr 2009 und die von Obama angeordnete Tötung des Qaida-Chefs in seinem Versteck in Pakistan im Mai 2011. Und dann sagt Biden den Satz, mit dem er die bisherige Amtszeit von Obama zusammengefasst hat und den er nun bei jeder Gelegenheit anbringt: "Osama Bin Laden ist tot - und General Motors lebt." Applaus brandet auf. "Wir wissen, dass noch mehr Arbeit zu tun ist", sagt Biden - und nennt Obama einen Mann, der den Mut hat, harte Entscheidungen zu treffen.

+++ Automobilindustrie gerettet +++

[3.48 Uhr] "Haltung, Entschlossenheit, Barack Obama - damit haben wir unsere Automobilindustrie vor dem Untergang bewahrt", ruft Biden den jubelnden Demokraten zu.

+++ "Wir werden diese Mission erfüllen" +++

[3.38 Uhr] Biden wird kämpferisch: Amerika sei auf einer Mission, die Nation müsse angesichts der Wirtschaftskrise vorwärts gebracht werden. "Ich garantiere, dass wir diese Mission erfüllen werden", ruft er den Delegierten zu. Biden lobt das "enorme Herz" des Präsidenten: "In seinem Herzen sitzt die Tapferkeit." Michelle Obama, die in einem brombeerfarbenen Kleid in der ersten Reihe sitzt, nickt zustimmend, sie hat Tränen in den Augen. Barack Obama komme niemals ins Wanken, sagt Biden: Der Präsident frage sich immer, was seine Entscheidungen für die Familien der Mittelschicht, die "Durchschnittsamerikaner, bedeuten. Lauter Beifall.

+++ Biden macht seiner Frau eine Liebeserklärung +++

[3.29 Uhr] Vizepräsident Joe Biden tritt unter Jubel auf die Bühne. Vorher hat seine Frau Jill überschwänglich seinen Sinn für Optimismus und für Gerechtigkeit gelobt. In einem Film wurden zuvor Fotos von ihm als Kind, später mit Präsident Obama gezeigt - immer wieder umarmen sich die beiden. Biden versichert seiner Frau seine Liebe: Jill sei die Liebe seines Lebens, ruft er. Seine Frau schaut gerührt in die Kameras.

Johansson und Longoria bringen Glamour auf Parteitag

+++ Präsident auf dem Weg zum Parteitag +++

[3.17 Uhr] Der US-Sender CNN zeigt Bilder von der Limousine des US-Präsidenten, die auf den Weg zur Time Warner Cable Arena in Charlotte ist.

+++ Obama wird seine Wähler um Geduld bitten +++

[3.10 Uhr] Die Nachrichtenagenturen berichten, dass der Präsident die Amerikaner um mehr Zeit bitten wird, um seine Pläne umzusetzen. Er habe klare Ziele für die Stärkung der Wirtschaft, ein besseres Bildungssystem und mehr Unabhängigkeit von Energielieferungen aus dem Ausland, heißt es in vorab veröffentlichten Redeauszügen. Die Präsidentenwahlen finden am 6. November statt. Umfragen sehen Amtsinhaber Obama und Romney in einem Kopf-an-Kopf-Rennen.

+++ US-Senator Kerry warnt vor Romneys Außenpolitik +++

[2.58 Uhr] Der demokratische US-Senator und Außenexperte John Kerry bezeichnet Romney als Gefahr für die amerikanische Außenpolitik. Der Republikaner sei "extrem" und ihm mangele es an Urteilsvermögen und einer Vision. Kerry lobt Obama vor allem als Präsidenten, der Amerika die moralische Autorität im Ausland wieder erarbeitet habe. "Obama hat seine Versprechen gehalten." Als Beispiel nennt er die verbesserte Beziehung zu Russland oder die nukleare Bedrohung, die der Präsident verringert habe. In Washington wird Kerry gerüchteweise als Nachfolger von Außenministerin Hillary Clinton gehandelt, die sich laut eigener Aussage nach dem Ende dieser Amtszeit zurückziehen möchte.

+++ Longoria attackiert Romneys Steuerpläne +++

[2.50 Uhr] Auch Eva Longoria, Schauspielerin bei den "Desperate Housewives", erinnert sich an ihre Jugend in bescheidenen Verhältnissen - und attackiert die Steuerpläne von Obamas republikanischem Herausforderer Mitt Romney, sie spricht von einer "herzlosen Reichenpolitik". Romney "würde die Steuern für Mittelschichtsfamilien erhöhen, um seine eigenen - und meine - zu verringern." Das sei falsch. Als sie früher in einem Fast-Food-Restaurant arbeitete, habe sie diese Steuererleichterungen benötigt. "Aber die Eva Longoria, die auf Filmbühnen arbeitet, tut das nicht."

+++ Prominente Unterstützung für den Präsidenten +++

[2.45 Uhr] Die Hollywood-Schauspielerin Scarlett Johansson lobt Barack Obamas Einsatz für Sozialprogramme: "Ich spreche hier nicht als Repräsentantin des jungen Hollywood, sondern als Repräsentantin der vielen Millionen jungen Amerikaner, vor allem jungen Frauen, die zum Überleben von öffentlichen Leistungen abhängig sind."

+++ Demokraten feiern Giffords +++

[2.35 Uhr] "Gabby, Gabby", ruft die Menge, als die im vergangenen Jahr bei einem Attentat schwer verletzte US-Politikerin Gabrielle Giffords auf die Bühne auf dem Parteitag der Demokraten in Charlotte kommt. Die 42 Jahre alte frühere Abgeordnete hat Mühe zu laufen und die Worte zu artikulieren. Die demokratische Parteichefin Debbie Wasserman Schultz stützt sie. Giffords spricht den US-Fahneneid "Pledge of Allegiance". Sie war im Januar 2011 von einem Mann auf dem Parkplatz eines Supermarkts in Tucson im Bundesstaat Arizona aus nächster Nähe angeschossen und am Kopf verletzt worden. Sie überlebte nur knapp.

heb/pad/dpa/AFP/AP/Reuters

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