Obama-Rede in Denver Der Showpolitiker macht Ernst

In Denver gab es den neuen Obama: Mit seiner Rede vor dem demokratischen Parteitag hat sich der Prediger zum Politiker gewandelt – Gott sei dank. Es war der überzeugendste Barack Obama, den die Amerikaner je erleben durften.
Von Gabor Steingart

Denver - Viele der rund 80.000 Menschen im Stadion von Denver sehnten sich in dieser Nacht nach dem alten Barack Obama. Mehrfach versuchten sie ihn zu jenen Sprechchören zu verführen, mit denen er sie zuvor begeistert hatte. Da rief er immer "Are you fired up?" - seid ihr Feuer und Flamme? Sie antworteten: "Wir sind bereit!" Sprach er von Problemen, schmetterten sie ihm ein "Yes, we can" entgegen. Was im deutschen Schlager das Schunkeln, war bei Obama der Sprechchor.

Der Obama von heute Nacht war ein anderer. Im Stadium konnte man die Menschwerdung eines politischen Messias besichtigen. Die freiwillige Selbstentzauberung eines Mannes hat begonnen, der sich nun jenen Menschen zuwendet, die mit seinem hohen Ton nichts anzufangen wissen. In Denver ging es nicht mehr nur um "Change", sondern auch um Cash. Der rote Faden seiner Nominierungsrede war diesmal nicht Wunsch, sondern Wirklichkeit.

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Es war der überzeugendste Obama, den die Amerikaner und speziell die Demokraten je erlebt hatten. Waren seine bisherigen Reden eher etwas fürs Kaminzimmer, ist er jetzt in der Küche angekommen, da wo die wirklichen Dinge des Lebens besprochen werden: die wirtschaftliche Lage, die Zukunft von Job, Rente und Kindererziehung.

Er versprach Steuersenkungen für 95 Prozent aller Arbeiterfamilien. Er kündigte ein staatliches Förderprogramm für alternative Energiegewinnung an, das 150 Milliarden Dollar kosten darf und fünf Millionen Arbeitsplätze schaffen soll. Er gelobte, die Schulbildung zu verbessern.

Obama legte damit reichlich Wahlkampfspeck aus. Aber: Wenn man mit Arbeitern und kleinen Angestellten ins Geschäft kommen will, gibt es dazu keine Alternative. Er ist eben nicht der 44. Präsident der USA. Er ist ein Bewerber.

Erstmals erfuhr man auf der Abschlusskundgebung auch, das es zum "ich" des Kandidaten noch ein Gegenstück gibt, sein Name: John McCain. Er erwähnte den republikanischen Präsidentschaftskandidat nicht nur und ehrte ihn für seine Verdienste im Vietnam-Krieg, sondern griff ihn auch an. Der kann es nicht, sagte Obama. Acht Jahre Bush und seine Republikaner an der Macht seien genug.

McCains Wirtschaftspolitik, die weitere Steuersenkungen für Reiche vorsieht, wurde als das gebrandmarkt, was sie ist: wirtschaftlich unnötig und sozial gefährlich. Der Anteil der Reichen am Wohlstand in Amerika ist so groß wie seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr.

Es war der aggressivste Obama aller Zeiten, der da vor die Massen trat. Unter dem Druck sinkender Umfragewerte hat der Demokrat die weißen Handschuhe ausgezogen - und kämpft nun mit den Fäusten weiter. Das ist weniger elegant, aber politisch effektiver.

Wahlkampf ohne Kalter-Krieg-Rhetorik

Er sprach von der Schutzfunktion des Staates in Zeiten der Globalisierung. Das Land brauche jetzt einen Staat, der hilfsbereit sei und nicht kaltherzig, der nicht fett, aber stark sein müsse. Das ist eine unpopuläre, aber gleichwohl überfällige Debatte in Amerika.

Die Zahl der Menschen ohne Krankenversicherung ist in den Jahren des Aufschwungs um rund sieben Millionen auf 47 Millionen gestiegen. Das Wohlergehen der Unternehmen und der Abstieg der Mittelklasse schienen einander zu bedingen. Ohne eine grundlegende Neudefinition des Verhältnisses von Staat und Bürger in den USA wird es keine Lösung geben.

Am verdienstvollsten aber waren die Leerstellen seiner Rede.

Obama verzichtete darauf, Wladimir Putin frontal anzugreifen, wie es sein Gegenkandidat jetzt allabendlich tut. Obama widerstand fürs erste auch der Versuchung, die Auseinandersetzung mit Russland zum Showdown des Westens mit dem Osten zu stilisieren.

Die Weltlage wird von Obama und seinen Beratern als zu ernst eingeschätzt, als das sie für Wahlkampfspiele tauge. Man will dem Gegner nicht das Geschäft mit der Angst erleichtern, und zugleich geht es darum, Spielräume für später zu eröffnen. Amerika hat in Sachen Showpolitik wahrlich keinen Nachholbedarf.

Barack Obama ist dabei, sich vom Erlöser zum Politiker zu entwickeln. Das ist für viele seine Anhänger eine arge Enttäuschung, aber es ist notwendig. Im Weißen Haus wird nun mal ein Politiker gebraucht. Kein Poet und kein Prediger.

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