Obama und das Öl Der Krisen-Präsident

Das Öldesaster im Golf von Mexiko testet Barack Obama als Krisenmanager. Beim Besuch in der Region zeigt er Führungsstärke, nachdem seine Regierung das Problem tagelang vernachlässigt hat - doch der Präsident wird schon von der nächsten Herausforderung abgelenkt: dem Attentatsversuch in New York.

Obama beim Besuch in der Krisenregion: "Die ganze Regierung kümmert sich"
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Obama beim Besuch in der Krisenregion: "Die ganze Regierung kümmert sich"

Von , Washington


Ein Journalist fragte den britischen Premier Harold Macmillan einmal, was das Schwierigste sei am Regieren. Was ihn am ehesten aus dem Konzept bringe. Die Antwort fiel kurz aus.

"Events", sagte Macmillan. Ereignisse.

Auch für Barack Obama gilt dieser Satz, als er an diesem Sonntag in Venice, Louisiana, vor die Kameras tritt. Ganz in der Nähe schiebt sich ein gewaltiger Ölteppich immer näher an die Küste heran, neun Meilen ist er nur noch vom Ufer entfernt. Der Präsident hat sich eine dunkle Windjacke übergestreift, es windet und es regnet, die Tropfen sammeln sich dicht auf der Jacke.

Obama will unbedingt selber anschauen, was Fernsehkameras seit Tagen in alle Welt tragen - wie die Explosion der BP-Bohrinsel "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko die Küste und ihre Ökosysteme bedrohen. Mehr als 700.000 Liter Öl strömen derzeit pro Tag aus dem Bohrlochleck. Der Ölteppich ist inzwischen mindestens rund 200 Kilometer lang und 110 Kilometer breit.

"Wir müssen mit einer massiven und möglicherweise noch nie dagewesenen Umweltkatastrophe fertig werden", sagt Obama. "Sie könnte noch lange andauern und den Lebensunterhalt von Tausenden Amerikanern in dieser Region bedrohen."

Der Präsident macht eine besorgte Miene, wie sie von einem Präsidenten erwartet wird. Aus Sorge um das Wohl der Nation. Doch Obama müsste sich auch um seine Präsidentschaft sorgen - zumindest wenn er an Macmillans Satz denkt.

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Ölpest: US-Küste droht Katastrophe

Die Ölkrise ist eines dieser "events", eines dieser plötzlichen Ereignisse, auf die sich selbst der mächtigste Mann der Welt nicht vorbereiten kann. Sie können seine Amtszeit nachhaltiger prägen als jede Großreform. Denn sie testen seine Fähigkeit, rasch auf Krisen zu reagieren und sich präsidial zu gerieren. Und sie wirbeln jede ausgeklügelte politische Agenda durcheinander.

Eigentlich wollte Obama jetzt seine Vorschläge zur Regulierung der Wall-Street-Zocker vorantreiben, sein zweites wichtiges Anliegen nach der umkämpften Gesundheitsreform. Er muss einen Richter am Obersten Gerichtshof ernennen. Und er möchte zeigen, dass sich die Wirtschaft unter seiner Regie etwas erholt hat.

Doch jetzt versinkt alles im Öl. Schon am Samstagabend, beim festlichen White House Correspondents Dinner in Washington, muss Obama seine heitere Rede voller Gags mit ernsten Bemerkungen abschließen. Der Präsident erinnert an den "unglaublichen Kampf" der Menschen in Louisiana gegen die Katastrophe.

Nun gelobt er in Venice: "Die ganze Regierung kümmert sich um diese Krise."

Wie schwer das ist, muss Obama selber erfahren. Er kann wegen des starken Windes seinen Helikopter nicht benutzen, seine Auftritte verzögern sich um Stunden. Der Wind verursacht auch heftigen Wellengang, der die Rettungsversuche erschwert. Doch der Präsident kämpft sich durch den Wind. Auch seinen Beratern ist diese Botschaft ganz wichtig.

"Der Schatten von 'Katrina' hängt über diesen Szenen"

Sie wollen mit aller Gewalt einen "Katrina"-Moment verhindern. Präsident George W. Bush entschied sich 2005, nach dem Hurrikan Katrina nur über die Unglücksregion in Louisiana zu fliegen. Das wurde Bush als Abgehobenheit ausgelegt, zumal sein Krisenmanagement an vielen Stellen versagt. "Katrina" avancierte für Kritiker des Republikaners zum Symbol für eine Katastrophen-Präsidentschaft. "Der Schatten von 'Katrina' hängt über diesen Szenen", schreibt nun die New York Times über Obama und das Öl.

Natürlich unterscheiden sich beide Szenarien gewaltig. Der Wirbelsturm traf die Stadt plötzlich, der Ölteppich schiebt sich hingegen langsam heran. Damals kursierten Bilder von obdachlos gewordenen Familien, diesmal sind vor allem Umweltschäden zu sehen.

Doch es gibt Gemeinsamkeiten. Der drohende Schaden ist gewaltig, immerhin droht die größte Ölkatastrophe der US-Geschichte. Die Fischereiindustrie in Louisiana könnte nach Expertenschätzungen 2,5 Milliarden Dollar einbüßen, die Tourismusbranche erwartet noch höhere Verluste.

Die andere Parallele: Die erste Reaktion der US-Regierung fiel nicht sonderlich überzeugend aus.

Obama sagt zwar: "Wir haben uns vom ersten Tag an auf das schlimmste Szenario vorbereitet." Doch Kritiker werfen dem Weißen Haus vor, die Entwicklung in der Krisenregion zu lange vernachlässigt zu haben.

"BP ist verantwortlich, BP wird die Rechnung bezahlen müssen"

"Es ist ausreichend Zeit, empfindliche Gebiete zu schützen und die Säuberungsmaßnahmen vorzubereiten", sagte Mary Landry, die Chefin der Küstenwache im Katastrophengebiet, noch am vergangenen Montag. Die Regierung schien den Beteuerungen der Ölfirma BP zu glauben, sie könne mit dem Schaden alleine fertig werden. Aber das Gegenteil scheint richtig. "BP muss mehr tun, um das Leck zu schließen", fordert inzwischen US-Heimatschutzministerin Janet Napolitano.

Aber ist eine Katastrophe überhaupt noch zu verhindern? Drei Monate könnte es im schlimmsten Fall nach Expertenschätzungen dauern, bis das Leck in der Tiefsee unter Kontrolle gebracht werden kann - indem zum Beispiel eine Abzugsröhre das unaufhörlich ausströmende Öl in ein Schiff umleitet. Oder eine zweite Quelle angebohrt wird, um die Flüssigkeit kontrolliert entweichen zu lassen. Doch bis dahin könnten bis zu 16 Millionen Liter pro Tag ausströmen, sagt US-Innenminister Ken Salazar.

Der Ölteppich dürfte die Küsten bald erreichen, sogar in Florida. "Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann es geschieht", sagt Krisenmanager Thad Allen.

Also muss der Präsident sich nun vor allem als oberster Krisenmanager profilieren, Schuldfrage hin oder her. "BP ist verantwortlich, BP wird die Rechnung bezahlen müssen", sagt er in Venice. Und fügt hinzu: "Ich werde als Präsident keine Mühe scheuen, um die Rettung voranzutreiben."

Erst das "event" - dann die Politik

Starke Worte. Obama will in Venice Entschlossenheit demonstrieren - und seinen eigenen Vorstoß überspielen, Ölbohrungen vor der Küste auszubauen. Den hatte er erst Anfang April gemacht, er war bei der Basis der Demokraten und Umweltschützern sehr unpopulär. Nun würde das Weiße Haus ihn am liebsten ganz vergessen machen. Obamas Spitzenberater David Axelrod sagt: "Es wird keine weitere Förderung geben, solange die Untersuchung nicht abgeschlossen ist." Neue Plattformen auf dem Meer sollen erst in Betrieb gehen dürfen, wenn ihre Sicherheit durch neue Technik garantiert ist.

Der Präsident will erst das "event" in den Griff bekommen. Dann kann man wieder über Politik reden.

Wie schwer das ist - auch das zeigt sich an diesem Sonntag.

Denn das nächste "event" ist am Vorabend hinzugekommen, die Beinahe-Explosion einer Autobombe am New Yorker Times Square, die die US-Medien nun noch mehr in Atem hält als die Ölkatastrophe. Obama kommt in Venice darauf zu sprechen, noch bevor er über die Krise im Golf von Mexiko redet. "Wir werden das Nötige tun, um das amerikanische Volk zu schützen und sicherzustellen, dass die Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden", sagt er. Dann lobt er die "schnelle und entschlossene" Reaktion in New York.

Macmillan hatte eben Recht.

insgesamt 1848 Beiträge
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Seite 1
Hilfskraft 30.04.2010
1. Berauscht vom Bohr-Boom
Zitat von sysopDie Ölpest im Süden der USA nimmt immer dramatischere Ausmaße an und erreicht inzwischen die Küste. Hätte die Katastrophe verhindert werden können? Hat das Krisen-Management funktioniert?
Wenn man den Hals nicht voll kriegt, erstickt man halt dran. H.
kdshp 30.04.2010
2. aw
Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko entlarvt die Schwachstellen der Tiefseebohrung: Die Förderfirmen bauen immer größere Anlagen, doch auch die Risiken steigen. Auf der Plattform "Deepwater Horizon" wurde auf ein spezielles Sicherheitssystem verzichtet - möglicherweise aus Kostengründen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,692282,00.html Hallo, ja das ist nicht nur auf ölbohrinseln so! Ich erlebe täglich das hier in deutschland unternehmen an der sicheheit sparen. Wenn was passiert ist der schaden oft viel höher als die ganze sicherung vorher. Deswegen sollte BP hier nicht nur alles bezahlen sondern auch eien strafe zahlen und oder gar verboten werden sollte.
Gegengleich 30.04.2010
3. Ersticken?
Zitat von HilfskraftWenn man den Hals nicht voll kriegt, erstickt man halt dran. H.
Was heißt erstickt dran? Schauen Sie mal nach den weltweit größten Konzernen. Und dann, wieviele Öl-Mulits darunter sind. Von Ersticken kann da keine Rede sein.
Hubert Rudnick, 30.04.2010
4. Berauscht vom Öl?
Zitat von sysopDie Ölpest im Süden der USA nimmt immer dramatischere Ausmaße an und erreicht inzwischen die Küste. Hätte die Katastrophe verhindert werden können? Hat das Krisen-Management funktioniert?
Erdöl ist in unserer Gesellschaft ein sehr wichtiger Rohstoff, dass man damit auch sehr viel Geld verdienen kann, dass zeigen uns die Konzerne jeden Tag. Aber wer die Rohstoffvorkommen unseres Planeten ausbeuten will, den Nutzen davon tragen möchte, der sollte auch dazu gezwungen werden, dass die Menschen auch hinterher noch gut in ihren Regionen leben können. Man sagt wo gearbeitet wird, da geschehen dann auch Unglücke und Katastrophen, dass gehört anscheinend zusammen, aber wir sollten mit der Zeit gelernt haben diese zu minimieren und die Schäden zurückzudrängen. Wenn nun bei der Förderung der Rohstoffe es zu Katastrophen kommt, dann sollten aber auch die Betreiber schnellsten und fachgerecht zum Schutze der Menschen und der Umwelt was erfolgreiches dagegen machen. Sollte denn keiner heutzutage in der Lage sein, diese Katastrophe schneller einzudämmen? Ich glaube nicht, dass man solche oder andere Katastrophen total ausschließen kann, aber man sollte besser auf so etwas vorbereitet sein. Wir Menschen hinterlassen über unsere Spuren, aber viele davon sollte man eben schnellsten beseitigen.
Realo, 30.04.2010
5. Lesen & verstehen !
Zitat von kdshpDie Ölkatastrophe im Golf von Mexiko entlarvt die Schwachstellen der Tiefseebohrung: Die Förderfirmen bauen immer größere Anlagen, doch auch die Risiken steigen. Auf der Plattform "Deepwater Horizon" wurde auf ein spezielles Sicherheitssystem verzichtet - möglicherweise aus Kostengründen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,692282,00.html Hallo, ja das ist nicht nur auf ölbohrinseln so! Ich erlebe täglich das hier in deutschland unternehmen an der sicheheit sparen. Wenn was passiert ist der schaden oft viel höher als die ganze sicherung vorher. Deswegen sollte BP hier nicht nur alles bezahlen sondern auch eien strafe zahlen und oder gar verboten werden sollte.
Die Bohrinsel gehörte Transocean. BP hat sie lediglich nachträglich gemietet. Einen 3 Preventer nachträglich einzubauen ist nicht möglich. Also bitte posten Sie nicht so einen Quatsch....Danke !
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