Obama und das Öl-Desaster Machtloser Messias

Die Ölpest im Golf von Mexiko wird zur ernsten Bedrohung für Barack Obama: In Notzeiten wie diesen erwarten die Amerikaner, dass ihr Präsident sie rettet - doch der kann nur hilflos zusehen, wie das Desaster immer größer wird. Die Zustimmung zum Krisenmanagement des Weißen Hauses sinkt rapide.
Obama im Weißen Haus: Die Bilder vom Meeresgrund machen jedes Wort hinfällig

Obama im Weißen Haus: Die Bilder vom Meeresgrund machen jedes Wort hinfällig

Foto: Susan Walsh/ AP

Barack Obama

Ölkatastrophe

Die Symbolik von Bildern ist unschlagbar. Das muss auch wieder einmal erfahren. Da bemüht sich der US-Präsident am Donnerstag (Ortszeit) vor die Reporter, um der eskalierenden Politkrise um die Herr zu werden. Zum ersten Mal seit fast einem Jahr präsentiert er sich ihnen im größten Raum des Weißen Hauses, dem East Room. "Wir tun alles, was nötig ist", beteuert er. Wieder und wieder.

Doch dann sind da die Bilder. Bilder, die jedes Wort hinfällig machen. Alle US-Newssender blenden sie in die Übertragung des Obama-Auftritts ein, gnadenlos. Links: Der Präsident vor einem goldenen Vorhang. Rechts: Der Livestream der Unterwasserkamera, der zeigt, wie das Öl unaufhörlich aus dem Leck sprudelt.

Die Aufnahmen aus rund 1600 Metern Tiefe haben eine beklemmende Faszination. Eine schleimig-grünbraune Ölwolke quillt aus dem geborstenen Bohrrohr am Meeresgrund. Wie eine submarine Vulkanexplosion. Gegen solche Szenen hat Obamas steife East-Room-Choreografie keine Chance.

Besser lässt sich das Dilemma wohl kaum illustrieren. Der Präsident redet und redet - und das Öl fließt und fließt. Der Zuschauer mag Obamas Worte hören, starrt aber gebannt auf das Desaster, das in Echtzeit weitergeht.

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Golf von Mexiko: Die schwarze Flut erreicht die Küste

Foto: NASA / Michon Scott

Obamas Pressekonferenz ist der Höhepunkt eines Tages, an dem sich die Ereignisse überschlagen, am Golf von Mexiko wie in Washington. Meist sind es Hiobsbotschaften aus der Krisenzone, kaum gemildert vom leisen Optimismus der Öl-Bekämpfer und eines Präsidenten, der sich quält, die Katastrophe nicht zu "seinem" Desaster werden zu lassen.

Der Präsident soll die Amerikaner retten

BP

Es ist eine undankbare Aufgabe. Obama hat die Ölpest nach der Explosion der -Bohrinsel "Deepwater Horizon" vor 48 Tagen nicht zu verantworten, und es gibt wenig, was er und sein Team nun wirklich dagegen tun können, allen unsinnigen Erwartungen zum Trotz. Doch das kümmert längst keinen mehr angesichts des täglich wachsendes Fiaskos.

Weiße Haus

Denn in Krisenzeiten erwarten die Amerikaner, dass ihr Präsident sie rettet - ein alter Irrglaube, den auch das fleißig nährt: Die Regierungszentrale pflege "den Mythos, dass Präsidenten väterliche, geradezu allmächtige Figuren sind, die uns vor Bösem bewahren", schreibt Glenn Greenwald, Kolumnist des Online-Magazins "Salon". "Amerikaner lechzen nach dem Schutz eines messianischen Oberbefehshabers."

"Ich übernehme die Verantwortung", sagt Obama also artig, während das Live-Video des Unterwasser-Ölmonsters seine Machtlosigkeit beweist. "Es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass dies abgestellt wird."

Mehr als eine Stunde verbringt er dann damit, sich zu verteidigen und erneut von BP zu distanzieren - dem verhassten Multi, der leider als Einziger das Know-how hat, das Öl zu bekämpfen. BP sei "nicht ganz aufrichtig" bei den Angaben über die Menge des auslaufenden Öls gewesen. Die Regierung und nicht BP sei jetzt "federführend" bei der Bekämpfung. Er werde sicherstellen, "dass BP zur Rechenschaft gezogen wird".

Erstmals Selbstkritik

Auch verlängert Obama schnell das Moratorium für Offshore-Bohrungen und übt sich - erstmals - in Selbstkritik. So hätte die Regierung viel früher Druck auf BP ausüben, viel früher eine unabhängige Schätzung des Ölstroms erstellen sollen. "Wenn die Frage ist, ob wir alles perfekt gemacht haben, dann ist die Antwort: Absolut nicht, wir können es immer besser machen."

Ja, das sind alles wichtige, nötige Aussagen. Doch es ergeht Obama jetzt ähnlich wie den Fischern im Golf, die sich vergeblich mit Plastikplanen gegen den Ölteppich stemmen. Seine Worte - typisch akademisch, streckenweise sogar ungewollt gefühllos - prallen an den Realitäten ab.

Und an den scharfen Fragen der Reporter - trotz eines eiligen Hintergrund-Gesprächs, mit dem das Weiße Haus die Top-Kolumnisten bedachte. "Wie können Sie sagen, dass alles getan wird, was getan werden kann", schimpft Jake Tapper von ABC News, "wenn all diese Experten und all diese Beamten sagen, dass das nicht wahr ist?"

Tag der schlechten Nachrichten

In der Tat jagt am Donnerstag - nicht mal 24 Stunden vor Obamas dreistündiger Stippvisite in Louisiana - eine schlechte Nachricht die andere. Erst behauptet Admiral Thad Allen, Obamas Mann an der Ölfront, der Versuch, das lecke Rohr per Schlammschleuder zu stopfen, sei gelungen. Dann wird er aber sofort wieder zurückgepfiffen: "Es wird wahrscheinlich noch 24 bis 48 Stunden dauern, bis wir sicher sein können", sagt BP-Geschäftsführer Bob Dudley.

Der Livestream bestätigt das - und am Abend stoppt BP die Operation "Top Kill" für ein paar Stunden sogar wieder ganz. "Jeder Tag bringt neue, entmutigende Meldungen", seufzt Henry Waxman, der Vorsitzende des Energie-Unterausschusses im Repräsentantenhaus.

So stellt sich auch heraus, dass das Ausmaß des Ölteppichs unendlich viel größer ist als bisher befürchtet. Nun ist dies offiziell die schlimmste Ölkatastrophe in der Geschichte der USA, schlimmer als die Havarie des Tankers "Exxon Valdez" 1989 vor Alaska.

Vier Ausschüsse - drei im Kongress, einer vor Ort - sind allein am Donnerstag damit beschäftigt, die Hintergründe aufzuklären. Der Ruf nach strafrechtlicher Haftbarkeit der Verantwortlichen wird immer lauter. Die US-Medien enthüllen täglich neue Versäumnisse im Umfeld der Explosion. Die "New York Times" und CBS berichten, es habe schon lange vorher Warnzeichen gegeben. Die ersten BP-Manager beginnen plötzlich, die Aussage zu verweigern.

Ein Bauernopfer bei der Aufsichtsbehörde

Auch anderswo werden immer skandalösere Zustände bekannt, die nicht nur BP ins Zwielicht ziehen, sondern auch die Regierung. Die ersten Köpfe rollen. Elizabeth Birnbaum, die Chefin der Öl-Aufsichtsbehörde MMS, wird geschasst - ein Bauernopfer, das wenig ändert an den horrenden Missständen in dem, wie Obama es sagt, "manchmal korrupten" Amt.

Ein höfliches Understatement. In einem Untersuchungsbericht beschrieb Mary Kendall, die Generalinspekteurin des zuständigen Innenministeriums, die MMS als eine Behörde, deren Mitglieder sich mit Jagdausflügen und Football-Tickets bestechen ließen, Drogen nahmen und den Dienstcomputer gerne auch mal für Pornografie zweckentfremdeten.

Birnbaum, erst seit zehn Monaten im Amt, hatte mit all diesen Affären nichts zu tun - sie spielten sich vor 2005 ab, unter Obamas Vorgänger, dem Öl-Protegé George W. Bush. Doch als die "Horizon" explodierte, blieb sie als einzige betroffene Amtschefin in Washington, statt nach Louisiana zu eilen. Auch versäumte sie es offenbar, schnell genug aufzuräumen: Obwohl Kendalls Bericht teils gefälschte Bohr-Genehmigungen der MMS anprangert, vergab die Behörde sie weiter fleißig an die Konzerne.

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Golf von Mexiko: Die schwarze Flut erreicht die Küste

Foto: NASA / Michon Scott

Trotzdem gibt sich Obama erschreckend desinteressiert an diesen dramatischen Vorgängen. CBS-Korrespondent Chip Reed fragt nach Birnbaum: "Ist sie zurückgetreten? Wurde sie gefeuert?" Obamas lustlose Antwort: "Ich kenne die Umstände noch nicht."

Tränen vor dem Ausschuss

Mit diesem kühlen Auftritt scheint Obama zu ignorieren, dass die Katastrophe längst zu einem emotionalen Reizthema geworden ist. Vor den Ausschüssen brechen einige Zeugen in Tränen aus, als sie schildern, wie sie persönlich betroffen sind. Selbst der demokratische Abgeordnete Charlie Melancon aus Louisiana muss sein Statement abbrechen, von Gefühlen überwältigt. "Alles, was ich kenne und liebe", kann er nur noch stammeln, "ist in Gefahr."

"Keine Summe Geld wird den Verlust Gordons je wiedergutmachen", schluchzt Keith Jones, der Vater des Ölarbeiters Gordon Jones, der auf der "Horizon" umkam. Jones hält ein Foto des Toten hoch und fleht die Abgeordneten an, hart gegen BP und Transocean vorzugehen, die Besitzerin der "Horizon". "Tut ihnen da weh, wo ihr Herz wäre, wenn sie ein Herz hätten."

Herz zeigt Obama selbst erst ganz am Ende seiner ansonsten gefühlsfreien Pflichtarbeit. Als er am Morgen aufgewacht sei und sich rasiert habe, habe seine Tochter Malia ihn gefragt: "Hast du das Loch schon gestopft, Daddy?" Ein Satz nur, doch er erfasst das wahre Ausmaß der Tragödie - über Generationen hinweg.

Doch da ist die Chance, das Stimmungsruder herumzureißen, fast schon vertan. Am Abend kommt eine neue Zogby-Umfrage heraus: Der Anteil der Amerikaner, die die Reaktion der US-Regierung auf das Öl-Desaster gutheißen, ist von 29 Prozent auf 16 Prozent geschrumpft.

Die Live-Bilder mit der gurgelnden Ölwolke am Meeresboden laufen die ganze Nacht hindurch.

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