Chuck Hagel als US-Verteidigungsminister Obamas Quertreiber

US-Präsident Obama holt sich offenbar einen berüchtigten Querkopf ins Kabinett. Chuck Hagel soll neuer Verteidigungsminister werden, doch der Republikaner ist vor allem in den eigenen Reihen umstritten. Der Selfmade-Millionär gilt als Freund der deutlichen Worte - und als Kriegsskeptiker.

Republikaner Hagel: Weich in der Iran-Frage
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Republikaner Hagel: Weich in der Iran-Frage


Washington - Weil er sich gerne auch einmal gegen die eigene Partei stellt, nennt die "New York Times" Chuck Hagel einen "Außenseiter-Republikaner". Doch mit seiner Klugheit habe er sich Bewunderung im US-Senat erworben und in den Kriegsgebieten Afghanistan und im Irak, wohin er 2008 reiste. Jetzt will US-Präsident Obama den so gelobten 66-jährigen Politiker aus Nebraska an diesem Montag nach Angaben aus Regierungskreisen zum neuen Verteidigungsminister nominieren - zum Nachfolger von Leon Panetta.

Obama verbindet mit Charles Timothy "Chuck" Hagel - dem Mann aus dem gegnerischen politischen Lager - eine jahrelange politische Freundschaft: Beide waren Mitglieder im Außenausschuss des Senats. Als Hagel 2008 aus dem Senat ausschied, lag er mit seiner eigenen Partei so über Kreuz, dass er nicht den republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain, sondern Obama unterstützte. Es heißt, dass er sich schon damals Hoffnungen auf das Amt des Verteidigungsministers gemacht habe. Obama machte Hagel 2009 zu einem seiner Top-Berater für Geheimdienstinformationen. Hagel sei ein Patriot, der außergewöhnliche Arbeit geleistet habe, sagte Obama in einem Interview in der vergangenen Woche.

Allerdings steht Hagel und Obama eine schwierige Wahl im Senat bevor. Sollten dort alle Demokraten für Hagel stimmen, bräuchte Obama nur noch eine Handvoll Republikaner, um im Senat die notwendigen 60 Stimmen für die Bestätigung seines Kandidaten zu erhalten, aber im eigenen Lager ist Hagel heftig umstritten - unter Konservativen, aber auch unter Liberalen. Hagel hat sich selten um (Partei)-Konventionen geschert, er gilt als Freund des deutlichen Wortes.

Die wichtigsten Kritikpunkte:

  • Führende Republikaner halten Hagel für zu nachgiebig gegenüber Iran. Denn Hagel ist ausgewiesener Gegner eines Militärschlags gegen Teheran wegen des Atomprogramms und hatte in der Vergangenheit Überlegungen zu einem Angriff scharf kritisiert. "Einige in dieser Regierung suchen eine Ausrede, um militärisch einzugreifen", sagte er etwa, als sein Parteifreund Bush noch an der Macht war. Mehrmals stimmte Hagel gegen weitere Iran-Sanktionen. Stattdessen müsse versucht werden, Iran an den Verhandlungstisch zurückzubringen.
  • Die Iran-Frage führt direkt zur Haltung Hagels gegenüber Israel. Hier zweifeln viele Parteifreunde an dessen Loyalität. In einem Interview hatte Hagel einmal den Einfluss pro-israelischer Gruppen heftig kritisiert und über die "jüdische Lobby" schwadroniert. Die konservative Zeitung "Weekly Standard" sprach Hagel die Eignung als Verteidigungsminister ab, weil er "anti-israelisch" sei. Und der einflussreiche republikanische Senator Lindsey Graham aus South Carolina bezeichnete Hagels mögliche Nominierung als "unglaublich kontroverse Wahl". Er werde "der Israel-feindlichste Verteidigungsminister in der Geschichte unserer Nation sein", sagte Graham dem Fernsehsender CNN. Senator Mitch McConnell, Top-Republikaner im Senat, erklärte, Hagel müsse sich ernste Fragen wegen seiner Haltung zu Iran und Israel gefallen lassen. Wer Verteidigungsminister werden wolle, müsse "volles Verständnis über unsere enge Beziehung zu unseren israelischen Verbündeten, über die Gefahr durch Iran und die Wichtigkeit eines robusten Militärs" haben.
  • Denn auch daran, dass Hagel sich als Minister für den Erhalt des massiven Verteidigungsetats starkmacht, zweifeln seine Gegner. Die Republikaner erinnern sich daran, wie der 66-Jährige sich nach anfänglicher Unterstützung gegen die Irak-Politik von Obamas Vorgänger George W. Bush gestellt hatte. Den Plan Bushs, die US-Truppen im Jahr 2007 um 30.000 Soldaten zu erhöhen, hatte Hagel als "den gefährlichsten außenpolitischen Fehler dieses Landes seit Vietnam" abgelehnt. "Das ist ein Ping-Pong-Spiel mit den Leben von Amerikanern." Kritik begegnete Hagel mit dem Satz: "Es ist nicht unpatriotisch, seine Regierung in Frage zu stellen - die Regierung nicht in Frage zu stellen ist unpatriotisch." Er habe als Senator einen Eid auf die Verfassung geschworen, nicht auf den Präsidenten.
  • Es gilt als wahrscheinlich, dass Hagel nun einen schnelleren Abzug der US-Soldaten aus Afghanistan vorantreiben wird. Und Obama hat die Aufgabe seines Wunschkandidaten bereits genau im Kopf: Hagel soll unter Spardruck die schlagkräftigste Armee der Welt neu ausrichten. Das Militärbudget der USA soll angesichts der horrenden Staatsverschuldung sinken; den Schwerpunkt der Auslandspräsenz der Armee will Obama auf den asiatisch-pazifischen Raum verlagern. Die "New York Times" schreibt von einer grundsätzlichen Skepsis Hagels, das Leben amerikanischer Soldaten im Auslandseinsatz aufs Spiel zu setzen. Diese Haltung stamme aus einer eigenen Erfahrung. Hagel ist Vietnam-Veteran, er hat sogar noch Splitter im Körper.

  • Aber auch Liberale unter den Republikanern hat Hagel bereits gegen sich aufgebracht, mit einem Verbalausfall. In den neunziger Jahren bezeichnete er einen vom damaligen Präsidenten Bill Clinton nominierten Botschafter "als offen und offensiv schwul". Dafür hat der Republikaner sich aber inzwischen entschuldigt: bei dem Geschmähten selbst.

Hagel blickt auf ein nicht immer einfaches Leben zurück - aber er hat offenbar den amerikanischen Traum vom "Selfmade"-Mann für sich verwirklicht. Er wurde 1946 in Nebraska in schwierige Verhältnissen geboren, sein Vater war Alkoholiker, die Familie hatte kaum genug Geld zum Leben. Ende der sechziger Jahre kämpfte er dann in Vietnam, in derselben Infanterieeinheit wie sein jüngerer Bruder Tom. Im Dschungel des Mekong-Deltas wurde er zwei Mal verletzt. Nach seiner Rückkehr aus Vietnam arbeitete Hagel als Radiomoderator, ehe er als Mitarbeiter eines Abgeordneten aus Nebraska in die Politik nach Washington ging.

Für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass Obama mit Hagel im Senat nicht durchkommt: Geldsorgen müsste sich Hagel dennoch nicht machen. Nachdem er unter Präsident Ronald Reagan aus Protest gegen Kürzungen bei den Bezügen für ehemalige Soldaten vom Amt des Vizechef des Veteranenministeriums zurücktrat, gründete er eine Firma für Mobiltelefone mit. Er wurde zum Multimillionär. Insbesondere für die Bundesregierung in Berlin wäre damit aber auch eine große Chance auf enge Zusammenarbeit vertan: Hagel gilt als großer Deutschland-Freund.

anr/AP/AFP



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