Obamas 50. Geburtstag Kühle Party für die Wahlkampfkasse

Barack Obama kämpft um seine Wiederwahl, da kommt ein rundes Jubiläum gerade recht. In Chicago feierte der Präsident seinen 50. Geburtstag schon am Vorabend. Statt großer Gefühle prägte kühles Kalkül die Party: Mitfeiern durfte nur, wer tief in die Tasche griff.

DPA

Aus Chicago berichtet


Clarinda Valentine nestelt mit einer Hand an ihrem blauen Papphütchen, auf das eine große 50 gedruckt ist. Mit der anderen steuert sie ihren Elektrorollstuhl durch die breiten Gänge des Aragon Ballroom in Chicago. Sie rollt vorbei an dem Stand mit Obama-Tassen für fünfzehn Dollar und Obama-T-Shirts für 30 Dollar, vorbei an den Obama-Superman-Stickern, drei Stück für zehn Dollar.

Valentine, 57, guckt gar nicht hin, sie ist schließlich Obama-Profi, sie hat die Souvenirs alle zu Hause. Die Rentnerin ist für ihn schon von Tür zu Tür gerollt, als Obama noch ein fast unbekannter Präsidentschaftskandidat war. Valentine erinnert sich noch genau an den Tag, als er mit seiner Siegesrede in einem Park in Chicago die Welt zu Tränen rührte, richtig jung sah er da noch aus. Das war, bevor er sich mit den Republikanern in Washington herumschlagen musste, sein Haar grau wurde, ihn die Kommentatoren mit Jimmy Carter zu vergleichen begannen, dem großen Glücklosen unter den US-Präsidenten.

Valentine lacht nur über solche Vergleiche, die Afroamerikanerin hat 31 Jahre als Gesundheitsmanagerin gearbeitet. Sie weiß, wie es ist, wenn man Entscheidungen treffen muss, man macht es nie allen recht, man macht Fehler, und man macht Kompromisse. "Ich bin immer noch jeden Tag stolz auf ihn", sagt sie. Als die Einladung kam, wusste sie, dass sie dabei sein musste, den 50. Geburtstag mit dem Präsidenten zu feiern. Auch wenn dessen Geburtstag eigentlich erst am 4. August ist, also am Donnerstag.

Valentine ist bereit für die Party, die Obama-Party. Jetzt muss die Feier nur noch losgehen. Und das ist das Problem.

Eine Feier in Disney World

Es ist 18 Uhr in Chicago, um 19.15 Uhr soll der Präsident auftreten. Die Luft staut sich aber schon im stickigen Aragon Ballroom, der so aussieht, wie sich Amerikaner halt Spanien vorstellen, eine Art Disney World, voll verspielter Erker und Baldachine. Ausgeleuchtet von gelben und roten Lampen, darüber eine Decke voller Phantasiewolken. Das Miller-Lite-Bier im Becher kostet sieben Dollar, auf der Bühne klimpert Herbie Hancock, der irgendwann mal ein großer Jazzmusiker war.

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Obamas 50. Geburtstag: Happy Birthday, Mr. President
2400 Leute drängen sich im Saal, aber viele schielen immer wieder auf die Uhr. Wie bei einer der Geburtstagsfeiern, bei denen man auf Mitternacht wartet. Weil dann Geburtstag ist. Aber manchmal auch, weil man dann nach Hause gehen kann. Weg aus der Hitze des Ballrooms.

Dabei ist so ein runder Geburtstag eigentlich ein Festtag für US-Präsidenten. Zu John F. Kennedys 45. sang Marilyn Monroe das Ständchen, der Filmstar hatte sich eigens dafür in ein hautenges Kleid nähen lassen. Monroe hauchte ihr "Happy Birthday, Mr. President" so lasziv in den Saal, dass kein Zuhörer zweifeln konnte, dass Kennedy mehr war als nur ihr Präsident.

Demokrat Bill Clinton feierte im August 1996 mit großem Pomp in New York seinen 50. Geburtstag, Bon Jovi und Aretha Franklin waren dabei, Clinton hatte damals seine Wiederwahl schon so gut wie sicher.

1000 Dollar für einen Barbesuch mit kühlen Getränken

Die muss Obama noch schaffen, und gerade sieht es nicht gut aus für ihn. Auch deswegen hat er nicht viel Zeit für große Feiern. Seine Fete ist vor allem ein nüchternes Geldfest für seine Wahlkampfkasse, mit strengem Kastensystem unter den 2400 Gästen. 50 Dollar kostet das Ticket fürs Fußvolk, 200 für die besseren Ränge. Wer 1000 Dollar zahlt, darf in einen abgetrennten Barbereich mit kühlen Getränken.

An deren Eingang wachen smarte junge Menschen, trotz der Hitze in tadelloser Business-Kleidung. Menschen wie Jeremy Bird, der als Obamas "National Field Coordinator" die freiwilligen Wahlkampfhelfer rekrutieren soll. Bird trägt einen dunklen Anzug und eine schicke bunte Krawatte, er betet den Geburtstagsgästen vor, wie sie in vier Schritten Wechselwähler überzeugen müssen. Dann lässt er sie ihre Handys herausholen und eine SMS verschicken - um über Wahlkampfveranstaltungen informiert zu werden. Nicht etwa, um dem Präsidenten zum Geburtstag zu gratulieren.

Es geht an diesem Abend in Chicago nicht um warme Gefühle. Es geht um Cash. Und daran ändert sich nichts, als das Geburtstagskind endlich erscheint.

Auf der Bühne singen Herbie Hancock und Oscar-Preisträgerin Jennifer Hudson samt Rahm Emanuel, jetzt Bürgermeister von Chicago, früher Obamas Stabschef, "Happy Birthday". Der Saal stimmt ein, Obama tritt strahlend auf die Bühne, schreitet auf die Sangesgruppe zu, umarmt sie kurz.

Er sagt: "Es ist wahr, dass ich morgen 50 Jahre alt werde." Doch er hält keine Rede über sein halbes Jahrhundert. Er hält die Rede, die er derzeit fast immer hält.

Obama spricht von Menschenrechten und von sauberer Energie, er schwärmt von amerikanischen Exporten und von tollen amerikanischen Autos. Und er redet über diese chaotische harte Demokratie in Amerika, und davon, dass Wandel ja nie einfach sei.

Man könnte die Augen zumachen, und es wäre wie immer, bis aufs Ende. Da wird Obama noch einmal feurig, fast trotzig. "Es ist egal, eine wie harte Woche ich in Washington hatte, weil ich weiß, dass ihr hinter mir steht. Ich weiß, man kann uns nicht stoppen."

Was soll Obama auch feiern?

Die Menge jubelt, und der Präsident winkt, in Hemdsärmeln. Aber er blickt eher entschlossen als gelöst. Er ist ein sehr ernstes Geburtstagskind. Was soll Obama auch feiern? In den Umfragen steht er derzeit schlecht da, die Wirtschaft kommt nicht aus dem Keller, gerade haben ihn die Republikaner im Schuldenschlamassel vorgeführt. Selbst seine treuesten Anhänger wie Schwarze oder Latinos wenden sich gerade in Scharen von ihm ab, weil sie frustriert sind über seine vielen Kompromisse in Washington.

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US-Bonität: Die wichtigsten Fakten zur US-Schuldenkrise
Auch vor dem Aragon Ballroom haben sich Demonstranten versammelt, hispanische Wähler, die schreien, Obama habe mehr Abschiebungen illegaler Einwanderer durchgesetzt als selbst der verhasste George W. Bush. Ein Mann hat sich eine riesige rote Papptorte übergestülpt, darauf steht "Happy Birthday, Deportation President."

Der Geburtstagspräsident bekommt die nicht zu sehen, er entschwindet gleich nach seinem Auftritt - zu einem Abendessen mit der exklusivsten Gästekaste, 100 Großspender, 35.800 Dollar kostete die Karte für ein Paar - schließlich wollen seine Strategen eine Milliarde Dollar für die Wiederwahl einsammeln. Eric Schmidt, der Google-Gewaltige und Obama-Vertraute, wühlt sich durch die Menge den Weg zum Essen.

Doch für den Sieg kommendes Jahr genügt all das Geld von Schmidt und Co. nicht, Obama braucht auch Leute wie Valentine, die Rentner-Aktivistin, die mit ihrem Hütchen der Hitze im Saal trotzt. Sie hat mit vielen Freunden gesprochen, die nicht mehr zur Wahl gehen wollen. Junge, die keinen Job finden und enttäuscht sind. Alte, die ihren Job verloren haben und enttäuscht sind.

Valentine kann flüssig erklären, warum diese trotzdem auf jeden Fall Obama wählen müssten, sie hat sich schon Argumente für die Überzeugungsarbeit zurechtgelegt. Es klingt wie ihr Geburtstagsgeschenk an Obama, wenn sie sagt: "Er soll sich um die Leute mal keine Sorgen machen. Mit denen rede ich noch."

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
sir.viver 04.08.2011
1. there's is an ol' sayin'
Zitat von sysopBarack Obama kämpft um seine Wiederwahl, da kommt ein rundes Jubiläum gerade recht. In Chicago feierte der Präsident seinen 50. Geburtstag schon am Vorabend. Statt großer Gefühle*prägte kühles Kalkül die Party: Mitfeiern durfte nur, wer tief in die Tasche griff. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778353,00.html
Dumm ist nicht wer nimmt, dumm ist der, der gibt. Solang es Deppen gibt die bereit sind dafuer zu zahlen, warum nicht?
wika 04.08.2011
2. Dear Mr. President … ein kleiner Geburtstags-Spott zum 50.
… oder wie man mit viel Geld zum demokratisch legitimierten - ähm, PR-Mitteln erkauftem - Präsidenten wird. Sicher, mit Geburtstagsfeier hat es doch nicht viel zu tun, oder? Sehe ich eher als unschönen Umbau zur Vorwahlparty mit Spendenaufruf, so jedenfalls liest sich doch der Artikel. Wer sich also in dieser Tradition zum Geburtstag selber beschenkt (Machtpakete einsammeln), dem würde ich eher Charakterschwäche attestieren oder besser noch, reinen Machttrieb. Nun ja, wenn es mit dem Geld nicht reichen sollte, dann gäbe es ja noch einen anderen Weg Präsident zu bleiben. *Er könnte einfach vorzeitig seine Amtszeit verlängern* … Link (büssl Zynismus zum Geburtstag) (http://qpress.de/2010/08/02/obama-verlangert-seine-amtszeit/). Einen passenden Grund für einen dazu notwendigen Notstand kann man sicherlich schaffen. Der könnte sich angesichts der Abwärtsspirale bis 2012 schon noch zum Notstand auswachsen. Kaum ein Großereignis in der amerikanischen Geschichte ohne irgendwelche False-Flag Aktionen. Vielen Menschen gilt er ja sogar als erster "Kriegsnobelpreisträger". Dafür spricht doch im eigentlichen auch, dass er in vielen Dingen seinen Amtsvorgänger in vielen Dingen noch beträchtlich an Schärfe übertrifft, die alles andere als Demokratie fördernd sind (Thema Überwachungsstaatlichkeit). Auch diese Ungehörigkeit sollte man doch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht ausschließen. Man kann diesen kleinen Geburtstags-Spott auch als Sinnbild vieler enttäuschter Hoffnungen begreifen, die die Welt in diesen Mann gesetzt hat, völlig unabhängig davon welche Gründe ins Feld geführt werden, warum "Change" ausbleibt und wir jetzt zwangsläufig im "No, we can't" enden.
avollmer 04.08.2011
3. Was ist daran so dumm?
Zitat von sir.viverDumm ist nicht wer nimmt, dumm ist der, der gibt. Solang es Deppen gibt die bereit sind dafuer zu zahlen, warum nicht?
Die Finanzspritzen des chinesischen Auslandsgeheimdienstes für die Tea-Party-Aktivitäten in den USA sind doch gut investiertes Geld. Wer zahlt wohl für Michelle Bachmanns Tour-Bus? Eine alte chinesische Weisheit empfiehlt die Schwächen deines Gegners zu stärken und ihn sich selbst besiegen zu lassen.
tuedelich 04.08.2011
4. Wie kaufe ich mir ein Amt zum Geburtstag?
Zitat von sysopBarack Obama kämpft um seine Wiederwahl, da kommt ein rundes Jubiläum gerade recht. In Chicago feierte der Präsident seinen 50. Geburtstag schon am Vorabend. Statt großer Gefühle*prägte kühles Kalkül die Party: Mitfeiern durfte nur, wer tief in die Tasche griff. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778353,00.html
Was ist das bloß für ein kaputtes (aber angeblich demokratisches) System in Amerika! Noch nicht einmal die Hälfte der Legislatur ist vorbei und Politik wird nur noch - wenn überhaupt - am Rande gemacht! Sogar für das Mitfeiern des Geburtstages vom Präsidenten muß das "gemeine" Volk zahlen, damit er es sich "leisten" kann, dann aber auch in seinem übernächsten Lebensjahr wieder Präsident werden zu können. Allerdings wundert es mich schon, dass die Leute mit nur "so wenig" Spendengeld trotzdem auch dabei sein durften und wahrscheinlich sogar noch stolz darauf waren! Der Herrgott (bzw.) Obama s(h)ave the american people! (und zwar über beide Ohren!) ;-)
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