Obamas Einsichten in London "Dann macht man Fehler oder verliert den Blick fürs große Ganze"

Es war ein Triumphzug durch Nahost und Europa - doch am Ende von Barack Obamas Auslandsreise passiert in London Ungewöhnliches. Der Kandidat muss sich für seine Tournee rechtfertigen. Und das Fernsehen schneidet zufällig mit, wie er dem Oppositionschef Einblicke in sein Politikverständnis gibt.

Von Sebastian Borger, London


London - Fast zögerlich tritt Barack Obama an diesem Samstag durch die weltberühmte schwarze Tür mit der goldenen 10, hinter der der britische Premierminister Gordon Brown residiert, hinaus ins gleißende Licht der Downing Street. Es dauert ein paar Sekunden, bis der demokratische Präsidentschaftsbewerber den Fotografen sein charmantes Lächeln schenkt. Dann geht er nach vorne, zu den Journalisten, betont langsam - vielleicht ahnt er schon, was jetzt auf ihn zukommt: 15 Minuten kritische Fragen zum Sinn seiner Krisengebiets- und Europatournee.

Wahlkämpfer Obama in London: Ungewöhnliche Fragen und Einblicke
AFP

Wahlkämpfer Obama in London: Ungewöhnliche Fragen und Einblicke

Obama wählt seine Worte genau, spricht langsam, wirkt erschöpft - oder doch genervt? Die Reporter erinnert er daran, dass auch Rivale John McCain "all jene Staaten besucht hat, in denen ich jetzt gewesen bin". Der habe nur schon viel früher als Kandidat festgestanden. In einem sei er mit McCain einig, stichelt Obama: "Ein wichtiger Teil der Präsidentschaft hat mit Außenpolitik zu tun." Die Botschaft: Es gab doch gar keine Alternative zu dieser Reise.

Dass der amtierende Präsident George W. Bush neuerdings wie Obama vom vorzeitigen Abzug aus dem Irak spricht und Gespräche mit Iran führen lässt, nutzt der Demokrat für einen Seitenhieb auf McCain: "Bisher wurden viele außenpolitische Fragen durch das Prisma der Ideologie betrachtet. Jetzt fordert die Realität ihren Tribut."

Obama ahnt, dass die US-Bürger einen Präsidentschaftskandidaten eher ungern im Ausland sehen: Er wäre "nicht überrascht" über einen Rückgang seiner Popularität, sagt er selbst, angesichts der Sorgen der Leute daheim über Wirtschaftkrise und Benzinpreise. Doch viele Probleme wie Klimawandel, Terrorismus und eben die Finanzkrise seien "nicht zu lösen ohne starke Partner".

London ist die letzte Station auf Obamas Reise, doch diese Worte über den Sinn seiner Reise sind nicht die letzte Botschaft, die der Kandidat aus der Ferne loswird. Als er den Pulk vor Downing Street 10 schließlich verlassen hat und zu seiner nächsten Station ins Unterhaus weitergezogen ist, passiert etwas Seltenes in einem solchen Wahlkampf. Er gibt nicht den gewandten Hoffnungsrhetoriker, als der er inzwischen weltberühmt ist, nicht den Diplomaten, nicht den gewieften Wahlkämpfer - vielmehr spricht er mit dem britischen Oppositionsführer David Cameron darüber, wie Politik funktioniert und wie viel Arbeit die Schlacht um den Einzug ins Weiße Haus ist.

Es ist eine durchaus bemerkenswerte Unterhaltung, aufgezeichnet von einem Mikrofon des US-Fernsehsenders ABC; man weiß nicht, ob die beiden mitbekamen, dass sie gehört wurden. In jedem Fall veröffentlichte der Sender eine Abschrift, die ungekannte Einblicke gewährt:

Cameron: Sie sollten jetzt eigentlich am Strand liegen. Sie brauchen mal eine Pause. Schließlich müssen Sie ja auch noch klar denken können.

Obama: Ja, man muss sich zwischendurch mal erholen.

Cameron: Haben Sie denn überhaupt Zeit für so was?

Obama: Nein, habe ich nicht. Ich werde mir eine Woche im August freinehmen. Aber es stimmt schon, mir hat mal jemand aus dem Weißen Haus - nicht Clinton selbst, aber jemand aus seinem Umfeld - gesagt, dass, sollten wir es wirklich bis dahin schaffen, also dass es das Allerwichtigste ist, sich große Freiräume während des Tages zu schaffen, damit man einfach nur nachdenken kann. Und der größte Fehler, den viele dieser Leute machen, ist es, dass sie glauben, sie müssten...

Cameron: Die quetschen einem den Terminkalender voll.

Obama: Genau. In 15-Minuten-Abschnitten.

Cameron: Wir nennen das hier den Zahnarztwartesaal. Das muss man ablegen, weil man einfach Zeit braucht.

Obama: Denn sonst fängt man an, Fehler zu machen oder den Blick für das große Ganze zu verlieren. Oder man verliert das Gespür, das Gefühl ...

Cameron: ... genau, das Gespür. Und das ist es schließlich, warum es geht in der Politik. Das Urteilsvermögen, das man mitbringt, um Entscheidungen zu treffen.

Obama: Stimmt genau. Und die Wahrheit ist: Wir haben einen Haufen sehr kluger Leute um uns herum, glaube ich, die zehnmal mehr über bestimmte Sachthemen wissen als wir. Und wenn man dann versucht, alles bis in kleinste Details selbst zu regeln und Lösungen auszuarbeiten, dann endet man als Dilettant. Aber man muss genug wissen, um ordentlich über das entscheiden zu können, was einem präsentiert wird.

So viel Klarheit über das Berufsverständnis zweier Spitzenpolitiker, die in nicht allzu großer Ferne ihre Länder regieren könnten, bekommt das Publikum selten. Den US-Wählern dürfte durch den zufälligen Mitschnitt ein bisschen klarer werden, wie Obama abseits der Wahlkampfshow tickt.

Für die Briten ist es entsprechend spannend zu sehen, wie Camerons Weltsicht ist und was er mit Obama teilt - der Konservative gilt schließlich in Großbritannien als der kommende Mann.

In Wahrheit ist es nur folgerichtig, dass Obama seine für die Öffentlichkeit interessanteste Begegnung ausgerechnet mit dem Oppositionsführer hatte. Denn Premier Brown steckt im Dauertief, seine Labour-Party liegt in den Umfragen weit hinter den Konservativen, und erst am Donnerstag ging ein bisher felsenfester Labour-Wahlkreis verloren. Prominente Parteifreunde legen dem Premier öffentlich den Rücktritt nahe.

Obama mit Brown: "Man ist immer populärer, bevor man das Kommando übernimmt"
DPA

Obama mit Brown: "Man ist immer populärer, bevor man das Kommando übernimmt"

Nicht zuletzt daran könnte es gelegen haben, dass Obamas Strategen bei der Planung des London-Besuchs wenig Entgegenkommen für Brown zeigten. Eigentlich hatte der Premier gehofft, London werde die erste Station - es wurde die letzte. Brown wollte der erste Ansprechpartner für Obama sein - doch der Kandidat kam am Samstagmorgen als erstes mit Vorgänger und Parteifeind Tony Blair zusammen. Immerhin verbrachte Obama dann zwei Stunden in Downing Street No. 10, ließ sich mit Brown im Garten des Amtssitzes ablichten und schlenderte mit dem Schotten einige Schritte über die Horse Guards Parade - sehr zur Überraschung der Touristen.

Vor der Presse sagte Obama später übrigens über Brown: "Man ist immer populärer, bevor man selbst das Kommando übernimmt." Dann lächelte er die Journalisten an und gab noch einen raren Einblick, nämlich in sein Verhältnis zu den Medien: "Solche Bewertungen ändern sich immer schnell. Ich bin mal ein Genie, mal ein Idiot. Jedenfalls behaupten das die Zeitungen."



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