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09. März 2010, 12:05 Uhr

Obamas Killerdrohnen

Schattenkrieg des Friedensfürsten

Von Yassin Musharbash

Fast täglich töten CIA-Drohnen in Pakistan Terroristen - und Zivilisten. Die unbemannten Flugzeuge avancieren zur Waffe Nummer eins im Kampf gegen al-Qaida und Co. Doch die politischen, militärischen und moralischen Folgen sind unabsehbar. Ein SPIEGEL-ONLINE-Dossier über Barack Obamas Schatten-Feldzug.

Wie hoch ist der Preis dafür, einen Terroristen ein für alle Mal unschädlich zu machen, indem man ihn umbringt? Im Laufe von 14 Monate hat der US-Auslandsgeheimdienst CIA mit unbemannten und schwerbewaffneten Kleinflugzeugen, sogenannte Drohnen, 15-mal den vermuteten Aufenthaltsort des Anführers der pakistanischen Taliban bombardieren lassen.

Am 5. August 2009 - im 16. Anlauf - gelang es, Baitullah Mehsud zu töten.

An jenem Tag schwebte eine Drohne vom Typ Predator gut drei Kilometer über dem Haus von Mehsuds Schwiegervater in der pakistanischen Provinz Südwaziristan. Ihre Infrarotkamera sandte in Echtzeit gestochen scharfe Bilder an die CIA-Zentrale in Langley im US-Bundesstaat Virginia. Der Top-Talib saß auf dem Dach des Hauses. Seine Ehefrau, sein Onkel und ein Arzt leisteten ihm Gesellschaft.

In diesem Moment wurde Tausende Kilometer entfernt, in den USA, ein Auslöser betätigt. Zwei Hellfire-Raketen schossen aus der Drohne - und trafen ihr Ziel. Am Ende waren Baitullah Mehsud und elf weitere Menschen tot.

Dass dieser Vorgang so gut dokumentiert ist, ist das Verdienst des US-Magazins "New Yorker", das den Angriff genau nachzeichnete. Doch die Jagd auf Mehsud kostete weit mehr als elf Menschen das Leben: Insgesamt, so die Schätzungen, starben bei den 16 Angriffsversuchen zwischen 207 und 321 Personen - und nicht alle waren Taliban, das ist gewiss.

Obama, Friedensfürst und Drohnenkönig

Wie viel also ist es wert, einen Terroristen ein für alle Mal auszuschalten? Klar ist: Die USA haben den Drohnen-Krieg (siehe Fotostrecke unten) in den vergangenen Jahren dramatisch ausgeweitet. Die Eskalation begann noch unter US-Präsident George W. Bush. Doch sein Nachfolger, der Friedensnobelpreisträger Barack Obama, übernahm das Programm nicht nur - er erhob es zur bevorzugten Methode, al-Qaida und Co. zu bekämpfen.

In den 13 Monaten seiner Amtszeit hat Obama bereits mehr Raketen aus Drohnen abfeuern lassen als Bush in acht Jahren; 2010 sind es bereits Dutzende gewesen (siehe Grafiken). In diesem Jahr, schätzt P. W. Singer, Experte für moderne Kriegsführung, dürften außerdem erstmals mehr Drohnenpiloten ausgebildet werden als Kampfflieger. Künftig, so Singer, der bei der US-Denkfabrik Brookings Institution arbeitet, werden ein Drittel aller angeschafften Flugzeuge unbemannt sein. Schon heute befinden sich zu jedem Zeitpunkt des Tages mehrere Drohnen über Pakistan im Einsatz gegen Terroristen. Und im Himmel über dem Jemen, dem Irak, über Afghanistan und Somalia sind sie ebenfalls aktiv.

Tatsächlich kann das CIA-Programm einige Erfolge für sich verbuchen:

Die Liste ließe sich fortsetzen (siehe Fotostrecke unten). Nur noch 50 wirklich entscheidende Qaida-Kader seien am Leben, wird vermutet. Die Drohnen gelten als effektivste Waffe gegen sie.

Die Paranoia unter den Dschihadisten wächst entsprechend. Die Militanten versuchen, noch unauffälliger zu agieren. Sie jagen lokale Informanten, die Ziele markieren, und richten sie auf Verdacht hin. Erst in der vorvergangenen Woche wurden in Pakistan zwei angebliche Spione exekutiert.

Die Drohnen der CIA haben dem "Global War on Terror" im Wortsinn Flügel verliehen.

Ist es nachhaltig, Terroristen zu töten?

Doch der Drohnen-Krieg schafft neue Probleme: Darf ein demokratischer Rechtsstaat per Mausklick töten? Wer kontrolliert die CIA-Agenten und die privaten Unternehmen, an die ein Teil der schmutzigen Arbeit vergeben wird? Mit welchem Mandat werden die Todeslisten erstellt, auf denen sich mittlerweile 367 Namen von Terroristen befinden sollen - und zusätzlich die von rund 50 afghanischen Drogenlords, die offenbar ebenfalls zum Abschuss freigegeben sind?

Die Kritik am US-Präsidenten wächst: Obama, der Friedensfürst? Der linke Flügel der Demokraten sieht das längst anders. Juristen und Menschenrechtler ebenfalls. Niemand kann außerdem präzise sagen, wie viele Zivilisten bei den Attacken neben den Terroristen sterben. Oder auch an Stelle der Zielpersonen, wenn diese ihren Aufenthaltsort gewechselt haben.

Die Schätzungen darüber, wie hoch der Anteil ziviler Opfer bei den Angriffen ist, gehen weit auseinander: Von zehn Prozent bis 90 Prozent reichen die Angaben. Peter Bergen, Analyst der New America Foundation, taxiert den Anteil auf etwa ein Drittel. Aber ist das akzeptabel? Bergens unbefriedigendes Fazit lautet: Das Drohnen-Programm sei die "die am wenigsten schlechte Option" der USA.

Die Option ist auch deshalb problematisch, weil sie einen hohen politischen Preis fordert. Die USA zwingen die Regierung Pakistans zu einem Drahtseilakt. Heimlich der CIA helfen, öffentlich die Amerikaner kritisieren - dieser Spagat wird immer unglaubwürdiger. Und die Terroristen tun alles dafür, Islamabad weiter in Misskredit zu bringen.

Und schließlich: Wie nachhaltig ist es überhaupt, Terroristen zu ermorden? Sind sie tot, kommt man nicht mehr an ihre Informationen. Sie werden bald ersetzt. Die Nachfolger sind nicht zwangsläufig weniger erfahren, kompromissbereiter oder einfacher zu finden.

Krieg der schnellen Erfolge

Vor knapp acht Jahren, im Jahr 2002, töteten die USA das erste Mal einen Terroristen mit Hilfe einer Drohne: Ali Kaid Sinjan al-Harithi, genannt Abu Ali, ein Qaida-Mann, wurde im Jemen bombardiert. Mit ihm starben fünf terrorverdächtige Gefährten.

Was damals eine Sensation war, ist mittlerweile Alltag. Das CIA-Drohnen-Programm ist eine feste Größe geworden neben jenem, das die US-Armee schon seit Jahren etwa im Irak oder in Afghanistan betreibt, allerdings vornehmlich zu Aufklärungszwecken. Barack Obama scheint fest entschlossen, dieses Mittel weiter zu nutzen. Er ist im Übrigen nicht allein: Auch die Briten nutzen in Afghanistan Drohnen, und selbst die Bundeswehr verlässt sich auf die Dienste der US-Drohnen-Piloten.

Was sich derzeit beobachten lässt, ist die massive Ausweitung einer neuen Methode der Kriegsführung unter Führung der USA. Es ist ein Krieg der schnellen Erfolge und der Entscheidungen im Halbdunkel. Ein Krieg, der scheinbar sauber ist und doch auf staatlich angeordneten Mord hinausläuft. Von dem es kaum Bilder gibt, der aber in den kommenden Jahren mit Gewissheit noch weiter eskalieren dürfte.

SPIEGEL-ONLINE-Reporter und -Korrespondenten haben die neue Kriegsstrategie der USA in vier Ländern recherchiert und dokumentiert: in den USA, Pakistan und Afghanistan und von Deutschland aus. Lesen Sie im Dossier die Hintergründe und Fakten über Obamas Drohnen-Feldzug gegen den Terror:

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