Obamas McChrystal-Rauswurf "Krieg ist größer als ein einzelner Mann"

Ein US-Präsident lässt sich nicht von einem General vorführen - nach diesem Grundsatz hat Barack Obama seinen Afghanistan-Kommandeur gefeuert. Stanley McChrystal musste wegen Ausfällen gegen die Regierung gehen, doch die Affäre wirft größere Fragen auf: Wie sicher sind sich die USA ihrer Kriegsstrategie?

AFP

Von , Washington


Dieser Mittwoch ist einer jener Tage, an denen Washingtons Politszene die Weltgeschichte im Minutentakt festzuhalten versucht.

9.36 Uhr: Ankunft von Stanley McChrystal, US-General und noch Afghanistan-Oberbefehlshaber, am Weißen Haus. Der General soll Präsident Barack Obama treffen und seine Ausfälle gegen die Regierung in der Musikzeitschrift "Rolling Stone" erklären. Wieso zum Beispiel hat er seine Vorgesetzten in der US-Hauptstadt als "Schlappschwänze" tituliert?

9.51 Uhr: Das Gespräch unter vier Augen beginnt, im Oval Office. Die "Rolling Stone"-Zitate haben Washington aufgemischt - in den USA soll noch immer die Politik dem Militär sagen, wo es langgeht, nicht umgekehrt. Genau um diesen Punkt geht es jetzt zwischen dem Spitzenmilitär und dem Präsidenten.

10.21 Uhr: Das nächste Update auf Washingtons Blackberrys. Die Unterredung ist vorbei. Bloß 20 Minuten habe sie gedauert, heißt es. McChrystal fährt in einem dunklen SUV von dannen. Ist er geschasst?

11.35 Uhr: Eigentlich soll der General jetzt an der monatlichen Lagebesprechung zu Afghanistan teilnehmen, im Situation Room des Weißen Hauses, mit genau jenen mächtigen US-Regierungsleuten, die von McChrystal und seinen Mitarbeitern im "Rolling Stone" beleidigt worden sind. Zum Beispiel Sicherheitsberater James Jones ("ein Clown"), Vizepräsident Joe Biden ("Bite Me" - "Leck mich") und der Sonderbeauftragte Richard Holbrooke (Nervensäge, empfindlich, um seinen Job besorgt). Und nicht zuletzt ein Präsident, den McChrystal für einen Novizen hält (weil er bei einem ersten Treffen wenig vorbereitet und desinteressiert gewirkt habe).

"Ich tat es mit größtem Bedauern"

Es kommt nicht zum Showdown zwischen McChrystal und seinen Opfern. Denn um 11.35 Uhr gehört der General schon gar nicht mehr zur Afghanistan-Mannschaft.

Obama verkündet es, als die Lagebesprechung beendet ist. Er tritt im Rosengarten des Weißen Hauses vor die Presse, demonstrativ flankiert von Biden, Verteidigungsminister Robert Gates und Generalstabschef Mike Mullen. "Heute habe ich den Rücktritt von General Stanley McChrystal angenommen", sagt der Präsident. "Ich tat dies mit beträchtlichem Bedauern - aber auch der Gewissheit, dass es die richtige Entscheidung für unseren Einsatz in Afghanistan ist." Es gehe nicht darum, dass er persönlich beleidigt sei, zumal McChrystal einen Ruf als "einer der besten Soldaten unseres Landes" habe, sagt Obama. Aber, und dann kommt ein großes Aber: "Krieg ist größer als ein einzelner Mann." McChrystals Verhalten untergrabe die zivile Kontrolle des Militärs, die in jeder Demokratie so wesentlich sei.

Im Wortlaut: Der Rücktritt des Generals
McChrystal: "Es war mir eine Ehre"
Stanley McChrystal: "Heute Morgen hat der Präsident meinen Rücktritt als Oberbefehlshaber der US- und Nato-Truppen in Afghanistan angenommen. Ich unterstütze die Strategie des Präsidenten in Afghanistan sehr und fühle mich unseren Koalitionstruppen, unseren Partnerstaaten und dem afghanischen Volk zutiefst verpflichtet. Aus Achtung vor dieser Verpflichtung und aus dem Wunsch, einen Erfolg der Mission zu sehen, habe ich meinen Rücktritt eingereicht. Es war mir ein Privileg und eine Ehre, die Besten unseres Landes zu führen."
Obama: "Dies ist kein Strategiewechsel"
Barack Obama sagte, er habe das Rücktrittsgesuch mit Bedauern angenommen. Es sei schwierig, auf McChrystal zu verzichten. "Ich glaube, das ist die richtige Entscheidung für die nationale Sicherheit." Er begrüße Diskussionen unter seinen Mitarbeitern, werde allerdings keine "Spaltung" seiner Mannschaft tolerieren. McChrystal habe "das Vertrauen untergraben, das unser Team braucht". Sein Verhalten habe nicht den "militärischen Standards eines kommandierenden Generals" entsprochen. Die Entscheidung habe nichts mit persönlichem Beleidigtsein oder Streit über den Kurs zu tun: "Wir stimmen voll über die Strategie überein." Und: "Dies ist ein Personalwechsel, kein Strategiewechsel." In Afghanistan stünden "sehr harte Kämpfe bevor". Alles müsse sich darauf konzentrieren, erfolgreich zu sein. Die US-Soldaten und die verbündeten Truppen dürften durch nichts abgelenkt werden.
Karzai: "Gehofft, dass das nicht passiert"
"Wir hatten gehofft, dass dies nicht passiert", sagte der Sprecher des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai. "Aber die Entscheidung ist gefallen, und wir respektieren sie." Man freue sich darauf, mit dem Nachfolger zusammenzuarbeiten.

So endet an diesem Mittwoch eine der größten Karrieren im US-Militär in den vergangenen Jahren. McChrystal gilt als der vielleicht effektivste Terroristenjäger in der Geschichte des Landes, verantwortlich für Geheimaktionen im Irak und in Afghanistan. "Das Land weiß gar nicht, wie viel Gutes er geleistet hat", sagt Eliot Cohen, Berater von Obamas Vorgänger George W. Bush. McChrystal stand für die neue Strategie in Afghanistan, einen intelligenteren Ansatz, der Zivilisten schonen und die Bevölkerung gewinnen soll. Nach langen Überlegungen hat Obama Ende 2009 mehr als 30.000 zusätzliche Soldaten losgeschickt, um den Plan umzusetzen.

Läutet McChrystals Abschied nun auch dessen Ende ein? Genau diesen Eindruck will Obama vermeiden. Es gehe nicht um strategische Differenzen. Es sei ein Personal-, kein Politikwechsel. "Wir haben ein klares Ziel", sagt er: die Taliban schwächen, die afghanischen Sicherheitskräfte aufbauen, al-Qaida Druck machen. Der Präsident sagt das, um Einigkeit zu demonstrieren - aber auch, um klarmachen, dass er sich von seinen Generälen nicht herumschubsen lässt. Er muss jetzt dringend Entscheidungsstärke demonstrieren. Seit der Ölkrise am Golf von Mexiko vermissen das viele an ihm.

"Ein schlechter Zeitpunkt, um einen General zu feuern"

Die Personalie ist für den Präsident eine Gelegenheit, seine Bereitschaft zu harten Beschlüssen zu zeigen - aber darüber hinaus ist sie auch ein Problem. McChrystal hat gerade die wichtige Offensive in Kandahar vorbereitet, die im Sommer losgehen soll. "Es ist ein denkbar schlechter Zeitpunkt, um einen General zu feuern und einen neuen zu ernennen", sagt Robert Kaplan, einer der führenden US-Militärexperten. Also hat sich Obama für einen neuen Afghanistan-Kommandeur entschieden, der ein alter Bekannter ist. General David Petraeus wird McChrystals Nachfolger, der ehemalige Oberkommandierende im Irak und derzeit Chef des übergeordneten US-Zentralkommandos Centcom. Er hat McChrystals Ansatz gefördert, er hat ihn sogar mit entwickelt. Er wird die Afghanistan-Strategie nicht revolutionieren.

Obamas Lösung ist geschickt. Petraeus ist im Militär äußerst beliebt, wie es auch McChrystal war. Er gilt als diplomatisch und hat das Vertrauen der Nato-Verbündeten, die Washingtons "Rolling Stone"-Affäre gerade ziemlich misstrauisch verfolgen. Und wer weiß - vielleicht schafft sich Obama sogar einen möglichen politischen Gegner vom Hals. Denn immer wieder gibt es Gerüchte, Petraeus könne 2012 als Präsidentschaftskandidat der Republikaner antreten.

Die größte offene Frage ist nun, ob das Duo Obama-Petraeus die Probleme in der Afghanistan-Politik in den Griff bekommen wird. In der Wut über den "Rolling Stone"-Text geht unter, dass der Artikel gerade auch vom Frust der Frontsoldaten handelt, die sich aus der Heimat nicht genug unterstützt fühlen. Und er deckt Risse zwischen den Handelnden auf: Wie einträchtig agieren der Präsident und seine Leute wirklich noch, wenn es um den Krieg in der Ferne geht?

Die "Washington Post" kommentiert: "Obama muss die Peitsche auspacken. Er hat zu viel Streit in seinem Afghanistan-Team toleriert." Ähnliches fordert die "New York Times": "Er muss seine Afghanistan-Politik in den Griff bekommen."

"Das wird nie wie ein Sieg aussehen"

In der McChrystal-Affäre geht es am Ende nicht nur um verletzte Gefühle, sondern auch um fehlende Erfolge. So gut sie auch klingt, die Strategie des geschassten Generals wirkt bisher kaum. Vor zwei Wochen äußerte McChrystal selbst Sorge über den zivilen Aufbau in Kandahar und kündigte einen Aufschub der Militäroffensive an. Dazu kommen die Korruption in Hamid Karzais Regierung und den Provinzen - und das Problem, dass die einheimischen Sicherheitskräfte der Lage im Land immer noch nicht allein Herr werden können. Von Frieden ist Afghanistan weit entfernt. Dieser Juni wird der blutigste Monat in dem neunjährigen Krieg sein. Ein enger Berater McChrystals lässt sich im "Rolling Stone" mit dem Satz zitieren, der Einsatz dort werde "nie wie ein Sieg aussehen, riechen oder schmecken".

McChrystal wollte noch Jahre weiterkämpfen, so lange wie nötig. Obama dagegen möchte Mitte 2011 den Rückzug der US-Truppen zumindest einläuten. Das hat er öffentlich versprochen.

Wie sieht das der neue Oberbefehlshaber? Bei einer Anhörung im Kongress wurde Petraeus erst kürzlich zu Obamas Plan befragt, ab Juli 2011 erste Soldaten heimzubringen. Er zögerte eine Sekunde, zwei, drei, am Ende fast zehn Sekunden. Die Abgeordneten lauschten gebannt. Dann antwortete er zögerlich: "In einer perfekten Welt müssen wir mit Zeitvorgaben sehr vorsichtig sein."

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Seite 1
semir, 23.06.2010
1.
Zitat von sysopDie Affäre um die Lästereien des einstigen Vorzeige-Generals Stanley McChrystal gefährdet den Einsatz der internationalen Truppen in Afghanistan. Was glauben Sie: Wie geht es weiter mit der Mission am Hindukusch?
Der Einsatz in Afghanistan ist nicht von einer Person abhängig.Weder Obama noch McChrystal haben etwas zu sagen - die wahren Herrscher sind diejenigen, die den Wahlkampf Obamas finanziert haben und im Hintergrund Anweisungen geben.
ray4901 23.06.2010
2. Die Militärs übernehmen die Politik
Zitat von sysopDie Affäre um die Lästereien des einstigen Vorzeige-Generals Stanley McChrystal gefährdet den Einsatz der internationalen Truppen in Afghanistan. Was glauben Sie: Wie geht es weiter mit der Mission am Hindukusch?
Für seine Militärkarriere scheint der Stan nicht das Richtige getan zu haben. Als Hoffnungsträger der Reps. 2012 könnte er weiter aufsteigen. Man stelle sich einen McCain im besten Alter vor, das wäre der Durchmarsch!
Vihaio 23.06.2010
3.
Zitat von sysopDie Affäre um die Lästereien des einstigen Vorzeige-Generals Stanley McChrystal gefährdet den Einsatz der internationalen Truppen in Afghanistan. Was glauben Sie: Wie geht es weiter mit der Mission am Hindukusch?
Wie bisher. Die westliche Truppenpräsenz wird, mit wechselnden Begründungen, aufrecht erhalten. Siehe Irak, Japan, Korea, Philippinen, Italien, Deutschland, Türkei etc. Siehe "Empire of Bases" (http://www.nytimes.com/2009/07/14/opinion/14iht-edjohnson.html) Es ist einfach zuviel Geld damit zu verdienen. "USA beherrschen zwei Drittel des Rüstungsmarkts" (http://www.welt.de/politik/article4479110/USA-beherrschen-zwei-Drittel-des-Ruestungsmarkts.html) Und noch sind zu viele Zeitgenossen Gefangene in Platos Höhle. Aber nicht mehr lange. "Council on Foreign Relations Warns U.S. Dollar and Debt at Tipping Point" (http://www.economicpolicyjournal.com/2010/06/council-on-foreign-relations-warns-us.html) Dann folgt die Evakuierung.
Stefanie Bach, 23.06.2010
4. Man muss reden
Zitat von VihaioWie bisher. Die westliche Truppenpräsenz wird, mit wechselnden Begründungen, aufrecht erhalten. Siehe Irak, Japan, Korea, Philippinen, Italien, Deutschland, Türkei etc. Siehe "Empire of Bases" (http://www.nytimes.com/2009/07/14/opinion/14iht-edjohnson.html) Es ist einfach zuviel Geld damit zu verdienen. "USA beherrschen zwei Drittel des Rüstungsmarkts" (http://www.welt.de/politik/article4479110/USA-beherrschen-zwei-Drittel-des-Ruestungsmarkts.html) Und noch sind zu viele Zeitgenossen Gefangene in Platos Höhle. Aber nicht mehr lange. "Council on Foreign Relations Warns U.S. Dollar and Debt at Tipping Point" (http://www.economicpolicyjournal.com/2010/06/council-on-foreign-relations-warns-us.html) Dann folgt die Evakuierung.
Dass Schröder Deutschland aus dem Irak-Krieg herausgehalten hat, wird sein Verdienst bleiben. Dass wir uns ansonsten in alle möglichen militärischen Auseinandersetzungen haben hineinziehen lassen ist bitter. Am Beispiel Afghanistan wird sehr deutlich, dass auch ein humanitär bemäntelter Militäreinsatz nur Menschenleben und Geld kostet. Sprache ist die Grundlage zur Verständigung mit anderen (http://www.plantor.de/2009/kann-man-ohne-sprache-denken/).
KabulChris 23.06.2010
5.
Quote "Sprache ist die Grundlage zur Verständigung mit anderen." - dazu gehoeren immer 2 Parteien und kann nicht nur einseitig geschehen.
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