Obamas Nahost-Reise Blitzbesuch des Hoffnungsträgers

36 Stunden in Nahost: Barack Obama bereist die Region im Eiltempo, spricht mit Israelis und Palästinensern. Der Besuch ist vor allem ein Signal an jüdische Wählergruppen in den USA - doch lässt der Kandidat auch durchblicken, dass er sich in dem Konflikt ernsthaft engagieren will.

Aus Ramallah berichtet


Ramallah - Saed Erekat ist ein Mann, der die Mächtigen und Einflussreichen dieser Welt kennt. Die US-Außenministerin Condoleezza Rice, den Sondergesandten des Nahost-Quartetts Tony Blair, viele Präsidenten und Premierminister - sie alle schauen regelmäßig bei dem Chefunterhändler der Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah herein.

Eigentlich dürften ihn Staatsbesuche nicht mehr nervös machen. Doch an diesem Mittwochmittag wirkt er aufgekratzt wie selten. Wie üblich sind die Fenster des Zentrums der Macht im Westjordanland, der Mukata, mit Stahlläden verriegelt. Nur eines steht offen, Erekat schaut hibbelig heraus. Der Besucher, auf den er wartet, ist der Mann, der die Karten im Nahen Osten neu mischen könnte.

Seit Dienstagabend ist der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama auf Höflichkeitsbesuch in Nahost. Er absolviert ein dicht gepacktes Programm: Frühstück mit dem israelischen Verteidigungsminister Ehud Barak, Treffen mit Oppositionsführer Benjamin Netanjahu, Führung und Kranzniederlegung in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem. Fünfeinhalb Stunden im grellen Licht der Öffentlichkeit hat Obama schon hinter sich, als sein Konvoi schließlich im Hof der Mukata vorfährt.

"Den sehen wir jetzt öfter"

Der Präsidentschaftskandidat hat es geschafft, während seines gesamten Aufenthalts wirklich nichts zu sagen, was nicht ebenso höflich wie belanglos wäre. Israel könne auf seine volle Unterstützung hoffen, Iran im Besitz von Atomwaffen sei sicher gefährlich.

Natürlich steht es ihm als US-Senator kaum zu, weiterreichende politische Zugeständnisse zu machen. Er scheint klug genug, das erkannt zu haben, und schweigt. Jede noch so kleine Aussage würde minutiös analysiert werden - und warum sich unter öffentlichen Beschuss begeben, wenn man mit Höflichkeitsfloskeln auch sehr gut fährt.

Die vielen Dutzend Reporter, die sich vor der Mukata aufgebaut haben, sind trotzdem enttäuscht, als Obama nur kurz den schlaksigen Arm schwenkt und dann mit dem herbeigeeilten Erekat im Gebäude verschwindet. Die einzigen, die sich freuen, sind die palästinensischen Elitepolizisten. "Das war gerade der zukünftige Präsident der USA, den sehen wir jetzt öfter", freut sich ein Schusswestenträger, grinst und zeigt mit dem Daumen nach oben.

Obama ist auch hier, damit die Aussage des Polizisten Wahrheit wird. Der Besuch in Israel ist nicht zuletzt Wahlkampf, und zwar für ein spezifisches Publikum: Obama will jüdische Wähler in den USA umwerben. Ihre Unterstützung und die pro-israelische Lobbyarbeit in Washington sind bedeutsame Faktoren für einen Präsidentschaftskandidaten. Viele wollen nun wissen, wie Obama in der Nahost-Politik tickt.

Aus arabischer Sicht dagegen muss er auf seiner Nahost-Reise einen Fauxpas von vor sechs Wochen ausbügeln. Vor einem hauptsächlich jüdischen, israelfreundlichen Publikum hatte er in einer Rede Jerusalem als "ungeteilte" Hauptstadt Israels beschworen. Das sicherte ihm zwar den Jubel des Publikums - aber auch den Zorn der arabischen Welt und den Spott seiner politischen Gegner. Die palästinensische Seite beansprucht Jerusalems arabischen Ostteil als Hauptstadt des zugesagten künftigen Palästinenserstaats.

Schnell musste sich der Demokrat korrigieren. Dies wiederum schürte Misstrauen unter pro-israelischen und jüdischen Wählern. Der Besuch in Jerusalem war deshalb nun eine große Chance, Vertrauen zu gewinnen.

Im Heiligen Land sprach Obama wieder von Jerusalem als Hauptstadt Israels. Allerdings sei diese Frage abhängig von einem endgültigen Friedensabkommen mit den Palästinensern, sagte er und ließ damit die Möglichkeit einer zweigeteilten Stadt offen, die zwei Ländern als Hauptstadt dient.

Kann Obama zum Frieden verhelfen?

Schon der Ablauf von Obamas Reise lässt darauf schließen, dass sich seine Nahost-Politik als Präsident von der des republikanischen Rivalen John McCain unterscheiden würde. Zwar war Obama von seinen 36 Stunden in der Region gerade mal zwei Stunden im Westjordanland - und 34 Stunden in Israel. Doch McCain hat bei seiner Reise im März gar keinen Ausflug zu den Palästinensern unternommen.

Israels Regierung fürchtet, dass ein Präsident Obama sie stärker unter Druck setzen könnte als Amtsinhaber George W. Bush. Viele linksliberale Israelis dagegen würden genau das begrüßen - in den Medien des Landes läuft eine Debatte darüber, dass Obama einen Nahost-Kompromiss durchsetzen könnte, den die eigene schwache Regierung von Ehud Olmert nicht schafft.

Nicht nur die Palästinenser haben sich in den vergangenen Monaten wiederholt beschwert, Israel meine es nicht ernst mit dem Friedensprozess von Annapolis - wie es der Bau neuer Siedlungen zeige und die fortwährenden Einschränkungen für Menschen aus dem Westjordanland. Auch US-Außenministerin Condoleezza Rice schlägt seit einiger Zeit ungewohnt scharfe Töne an, wenn es um Israels Friedenspolitik geht.

Klar ist: Obama lässt sich in der Nahost-Politik von Pragmatikern und Realisten beraten. Dennis Ross diente schon unter Bill Clinton als Sondergesandter im Nahen Osten, Daniel Kurtzer war lange Jahre US-Botschafter in Israel. Beide genießen bei den Konfliktparteien Respekt und kennen die zentralen Figuren seit Jahren. Dass Obama sie zu seinem Antrittsbesuch mitnahm, deutet abseits aller Wahlkampfrhetorik auf ein echtes Interesse hin, sich im Friedensprozess zu engagieren.

Seine guten Absichten gab Obama auch öffentlich zu Protokoll. Er werde "nicht einige Jahre" oder bis zu einer zweiten Amtszeit warten, um den Friedensprozess voranzubringen, sagte er bei seiner einzigen Pressekonferenz im südisraelischen Sderot. Ein Seitenhieb auf Bush, der den Nahen Osten erst für sich entdeckte, als seine Karriere als Präsident schon kurz vor dem Ende stand. "Derzeit bestehen Chancen, die genutzt werden müssen", sagte Obama.

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