Obamas neue Strategie Angriff auf Afpakistan

Barack Obama macht zwischen Afghanistan und Pakistan keinen Unterschied mehr, wenn es um den Anti-Terror-Kampf geht. In einer Grundsatzrede verkündete er eine völlig neue Strategie für den Krieg gegen al-Qaida und Taliban - doch manche Experten zweifeln, ob sie zum Sieg führen kann.

Von , Washington


Wenn Amerikaner derzeit vom Konflikt am Hindukusch sprechen, reden sie meist von "Afpakistan". Ob Afghanistan oder Pakistan - das Problem ist das gleiche. In der gebirgigen Grenzregion zwischen den Staaten finden genug militante Kämpfer von Taliban und al-Qaida Unterschlupf, um beide Länder zu destabilisieren.

US-Präsident Obama: "Die Zukunft Afghanistans ist unausweichlich verknüpft mit der Zukunft seines Nachbarn Pakistan"
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US-Präsident Obama: "Die Zukunft Afghanistans ist unausweichlich verknüpft mit der Zukunft seines Nachbarn Pakistan"

Barack Obama kann den Begriff nicht verwenden bei seiner Ansprache zur künftigen Strategie für die Region - das wäre kaum präsidial. Ernst steht er deshalb vor US-Flaggen, sein Sicherheitsteam mit Außenministerin Hillary Clinton, Verteidigungsminister Robert Gates und dem Sonderbeauftragten Richard Holbrooke ist versammelt. Doch Obamas knapp halbstündige Ansprache ist im Prinzip eine einzige lange Ausführung zu Afpakistan. Eine Zusammenführung der Probleme in den beiden Ländern.

"Klar und deutlich" wolle er sprechen, beginnt Obama. Man sei derzeit nicht dabei, den Krieg in Afghanistan zu gewinnen. Im Gegenteil. "Die Lage wird immer gefährlicher. Die Taliban sind vor mehr als sieben Jahren gestürzt worden, doch der Krieg dauert an, und Aufständische kontrollieren Teile von Afghanistan und Pakistan. Die Attacken gegen unsere Truppen, unsere Nato-Verbündeten und die afghanische Regierung sind stetig mehr geworden."

Von Afghanistan nach Pakistan in einem Satz - vielleicht ist es diese Verbindung, die in Erinnerung bleiben wird von Obamas Ansprache. Denn die Grundzüge seiner neuen Strategie, die sich auf umfangreiche Szenario-Studien des Weißen Hauses stützt, waren in den vergangenen Tagen ja schon bekannt geworden. Den 17.000 US-Soldaten, die Obama schon zusätzlich nach Afghanistan entsandt hat, werden rund 4000 weitere folgen, die einheimische Sicherheitskräfte trainieren sollen. Darunter auch Eliteeinheiten wie die 82. Airborne Division. Holbrooke hatte in der vergangenen Woche schon bei der Transatlantikkonferenz "Brussels Forum" verkündet, es werde eine "deutliche Erhöhung" der Zahl einheimischer Polizisten und Soldaten geben. Manche reden von einer Verdopplung auf 400.000.

Auch die Art, in der Obama seine Strategie begründet, überrascht kaum. Eigentlich konkretisiert der Präsident nur, was sich in den US-Debatten seit Monaten abzeichnet. Nicht mehr Menschen- oder Frauenrechte stehen beim Afghanistan-Einsatz im Vordergrund, sondern der Kampf gegen al-Qaida.

Zwar erwähnt Obama Menschenrechte in seiner Rede - allerdings keineswegs prominent. Auf die selbst gestellte Frage: Warum kämpfen wir in Afghanistan?, lautet dagegen die Antwort klar: weil al-Qaida dort ist.

Und eben auch in Pakistan.

"Die Zukunft Afghanistans ist unausweichlich verknüpft mit der Zukunft seines Nachbarn", sagt Obama. In den fast acht Jahren seit den Anschlägen vom 11. September seien al-Qaida und extremistische Verbündete in die pakistanische Grenzregion weitergezogen. Diese sei für die USA nun der gefährlichste Ort der Welt.

"Wir wollen al-Qaida zerstören"

"Neue Benchmarks" will Obama deshalb für den Anti-Terror-Kampf der pakistanischen Regierung aufstellen - also Ziele definieren, die diese erreichen soll. Die Zeit der Blankoschecks aus Washington sei vorbei. Die USA haben schon viele Milliarden Dollar in das Land gepumpt, doch sie gingen vor allem unter Militärmachthaber Pervez Musharraf direkt an die Armee. Es wurde kaum kontrolliert, ob sie wirklich für Anti-Terror-Aktivitäten ausgegeben wurden. Das soll sich nun ändern. Obama fordert vom US-Kongress 1,5 Milliarden Dollar jährlich für zivile Hilfe. Die Unterstützung soll der pakistanischen Bevölkerung die positive Rolle der USA klarmachen.

"Wir haben ein einfaches, klares, präzises Ziel", sagt Obama. "Wir wollen al-Qaida in Pakistan stören, auflösen und schließlich zerstören."

US-Truppen auf pakistanischem Boden sind allerdings keine Option. Und das viele Geld muss sinnvoll verteilt werden - kann das alles durch neue Benchmarks gelingen?

Fest steht, dass den USA in der Kriegsführung in der Region künftig eine noch wichtigere Rolle zukommen dürfte. In Afghanistan sind die Soldaten zwar offiziell Nato-Kommandierenden unterstellt, doch in Wahrheit hören sie auf die US-Führung. Und in Pakistan ist die Weltmacht ohnehin der wichtigste Ansprechpartner.

Der Bedeutungsschwund der US-Verbündeten in dem Konflikt ist offensichtlich. Ruprecht Polenz, CDU-Politiker und Chef des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, sagt offen: "Man sollte nicht die Möglichkeit der Deutschen oder gar der Europäer überschätzen, Einfluss auf ein Land wie Pakistan auszuüben."

Annäherung an Iran als Partner für Afghanistan

Obama nutzt seine Rede gar nicht erst für einen Hilfsappell an die Partner. Er sagt kurz, welche Gefahr der Terror auch für andere Nationen darstelle - macht dann aber klar, dass er nicht zwingend zusätzliche Truppen der Verbündeten erwartet. Stattdessen geht es ihm um konkrete Hilfe in konkreten Bereichen.

Das ist ein wichtiger Satz zum Beispiel für die Deutschen, die keine Truppen in den Süden Afghanistans schicken wollen - aber beim Polizeitraining im Norden weiter helfen möchten.

Die USA suchen auch neue Partner. Sie wollen auf einer Afghanistan-Konferenz am 31. März in Den Haag offen um Unterstützung bei Russland oder Iran werben. Im Gespräch ist sogar ein Treffen von Außenministerin Hillary Clinton mit iranischen Vertretern. Man wolle Anzeichen erhalten, dass Iran ein "produktiver Spieler" in der Region sein wolle, sagten Regierungsvertreter der "Washington Post".

Die Suche nach neuen Partnern soll sogar innerhalb Afghanistans stattfinden. Als Obama am Donnerstag seine Strategie im Kongress vorstellte, erklärte er seine Absicht, jene Taliban-Kämpfer vom Kämpfen abzubringen, die nicht wegen der Ideologie im Feld seien, sondern wegen des Geldes. Sein Geheimdienstberater Dennis Blair spricht gar davon, bis zu drei Viertel der Taliban könnten offen für US-Angebote sein.

Allerdings ist dieser Teil der Strategie keineswegs unumstritten. Die "New York Times" berichtet, dass Taliban in Pakistan und Afghanistan schon neue Allianzen gegen die US-Kämpfer schmieden. Al-Qaida rief passend zu Obamas Grundsatzrede zum Dschihad gegen Islamabad auf.

Gilles Dorronsoro, Afghanistan-Experte am "Carnegie Endowment for International Peace" in Washington, ist misstrauisch: "Wenn man Leute fragt, wer ein 'moderater' Taliban ist, können sie keine Namen nennen. Man weiß einfach nicht, mit wem man verhandeln sollte." Er ist wie andere Experten auch skeptisch, ob bis zu 20.000 zusätzliche US-Soldaten viel ausrichten können. "Wir werden die Spielregeln nicht ändern. Es wird einfach mehr Tote geben, mehr Zivilisten werden umkommen", sagt Dorronsoro. "Am Ende werden die Taliban noch stärker sein."

Dazu kommt noch eine ganz andere Frage - die innenpolitische. Wird ein Krieg, der zumindest vorläufig mehr Tote und mehr Geld kosten dürfte, die Unterstützung der US-Bürger haben? In einer Zeit, in der das Land wegen der Finanzkrise immer mehr nach innen schaut?

In einem Interview am Sonntag hat der Präsident von einer "Exit-Strategie" gesprochen. Diesen Begriff wiederholt er in seiner Ansprache nicht.

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