Obamas Nominierung Clinton plant große Geste der Einigkeit

Hillary Clinton münzt ihre Niederlage im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten zum Symbol der Geschlossenheit um. Beim Wahlparteitag in Denver will sie ihre Delegiertenstimmen an ihren einstigen Konkurrenten Obama übergeben - schweren Herzens.


Denver - Aufgeben kommt für Hillary Clinton nicht in Frage, niemals - Durchhaltevermögen ist eine der Eigenschaften, die den Charakter der einstigen First Lady ausmachen. Sogar ihre Gegner zollen ihr in dieser Hinsicht Respekt.

Demokraten Clinton, Obama: Geste der Einigkeit
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Demokraten Clinton, Obama: Geste der Einigkeit

Umso schwerer ist ihr Wohl der Schritt gefallen, den sie an diesem Mittwoch zu tun gedenkt: Sie will ihre Delegiertenstimmen aus dem Vorwahlprozess der US-Demokraten an ihren Rivalen Barack Obama übergeben. Der ist zwar ohnehin designierter Präsidentschaftskandidat ihrer Partei, doch theoretisch hätte es Clinton ein letztes Mal auf eine Abstimmung ankommen lassen können. Doch die neue Mission lautet: Einigkeit.

Mehr als 4000 Delegierte sind zum Wahlparteitag der US-Demokraten bereits in Denver zusammengekommen, um Einigkeit und Siegeszuversicht mit ihrem Spitzenkandidaten Barack Obama zu demonstrieren. Da ist es eben nur ein weiteres Signal der Geschlossenheit, dass Hillary Clinton nach Angaben aus Parteikreisen ihre Delegiertenstimmen demonstrativ Obama überlässt. Sie werde die von ihr in den Vorwahlen gewonnenen Delegierten am Mittwoch von ihrer Abstimmungsverpflichtung entbinden. Clinton wolle an ihre Anhänger appellieren, sich hinter Obama zu scharen, hieß es in Denver. Der viertägige Parteikonvent soll am Nachmittag offiziell eröffnet werden.

Obamas Sprecher Robert Gibbs räumte im Sender CNN ein, dass der harte Vorwahlkampf zwischen Clinton und Obama Spuren hinterlassen habe: "Es gab auf jeder Seite viel Leidenschaft, und das ist auch verständlich." Die Partei werde aber von Denver ein Signal der Einheit gegen die Republikaner aussenden, sagte Gibbs. Clinton hatte Anfang Juni ihre Niederlage eingeräumt und angekündigt, Obama zu unterstützen.

Laut der jüngsten CNN-Umfrage allerdings hat Obamas Entscheidung gegen Clinton bei der Wahl seines Vizekandidaten bereits jetzt Folgen: Demnach ist die Unterstützung der Wähler für Obama merklich gesunken. Er und sein republikanischer Rivale John McCain liegen gleichauf bei 47 Prozent der Wählerstimmen. Noch vor einem Monat habe Obama mit sieben Prozentpunkten deutlich vorn gelegen, berichtete CNN.

Zur Enttäuschung vieler Clinton-Anhänger hatte Obama die Kandidatur für die Vizepräsidentschaft am Wochenende seinem Senatskollegen Joe Biden angeboten. Im Clinton-Flügel der Partei hatte es Hoffnungen gegeben, dass er dafür seine Vorwahlgegnerin auswählen würde.

Hauptursache für den Rückgang bei Obamas Umfragewerten sei nun eben die Unzufriedenheit unter den Anhängern Clintons. Laut CNN erklärten 27 Prozent der Clinton-Anhänger, bei der Präsidentwahl im November nicht für Obama, sondern für McCain stimmen zu wollen. Noch Ende Juni hätten lediglich 16 Prozent damit gedroht, für den Republikaner zu votieren.

Hillary Clinton wird sich am Dienstagabend in einer Rede an die Delegierten wenden. Ihr Mann Bill soll am Mittwoch sprechen, ehe die Delegierten offiziell den Kandidaten wählen. Obama selbst wird erst zum Ende des Parteitags am Donnerstag auftreten. Seine Frau Michelle ist Hauptrednerin am Eröffnungsabend am Montag.

Der Erwartungsdruck auf Obama ist hoch. Als erster demokratischer Präsidentschaftskandidat dunkler Hautfarbe wird er von 75.000 Zuhörern in einem Stadion in Denver und 20 Millionen an den Fernsehgeräten genau beobachtet. Zusätzliches Gewicht erhält die Rede noch dadurch, dass ihr Termin auf den 45. Jahrestag der Rede von Martin Luther King mit den Worten "I Have a Dream" fällt.

Die gegnerischen Republikaner versuchten, aus den früheren Spannungen zwischen Obama und Clinton politisches Kapital zu schlagen. Präsidentschaftskandidat John McCain ließ einen Fernsehspot schalten, der an Clintons scharfe Kritik in der Vorwahlsaison erinnerte. Obama habe Clinton bei der Vizekür übergangen, weil sie "die Wahrheit gesagt" habe über seine politische Schwäche, hieß es darin.

New Yorks republikanischer Ex-Bürgermeister Rudolph Giuliani sagte dem Sender ABC, mit einer Nominierung Clintons hätte Obama "eine starke Entscheidung" treffen können: "Sie hatte 50 Prozent der Demokratenstimmen bekommen, und man musste sich schon außerordentlich mühen, sie als Vizekandidatin zu vermeiden."

ffr/AFP/AP

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