Obamas Sieg China misstraut dem neuen Amerika

Sie brauchen einander, China und die USA sind wirtschaftlich eng verwoben - doch die KP ist skeptisch gegenüber Obama. Ihr wäre McCain lieber gewesen. Die Bürger erstaunt vor allem eine Botschaft: Radikaler Wandel ist möglich, wenn das Volk es will.

Von , Peking


Peking - Mit breiten Schlagzahlen melden am Donnerstag Chinas Zeitungen den Triumph Barack Obamas, der in chinesischen Schriftzeichen "Aobama" heißt. "Aobamas klarer Sieg auf dem Weg ins Weiße Haus" titelte eine Parteizeitung. Und die Pekinger Jugendzeitung überschrieb ihren Artikel: "Aobama – Wandel in Amerika".

Alle reden über Obama. Viele Chinesen haben den Wahlkampf aufmerksam verfolgt. Was auf der anderen Seite des Pazifischen Ozeans entschieden wird, hat auch für ihren Alltag enorme Bedeutung. Für mehr als 500 Milliarden Dollar haben staatliche Pekinger Finanzfirmen in den vergangenen Jahren US-Schatzbriefe gekauft. Sie finanzieren so das Haushaltsdefizit und den Lebensstil der Amerikaner, die sich hoch verschuldet haben.

Aufmacherthema in den chinesischen Zeitungen: Präsident "Aobama"
AFP

Aufmacherthema in den chinesischen Zeitungen: Präsident "Aobama"

Die USA wiederum kaufen seit Jahren ihre T-Shirts, Computer, Spielzeug in China und sorgten dafür, dass die Pekinger Wirtschaft brummt. Beide Staaten sind voneinander so abhängig wie ein altes Ehepaar.

Mit einer Mischung aus Bewunderung und Skepsis beobachtet China, was in den USA passiert. Viele Bürger registrieren fasziniert, dass radikaler Wandel möglich ist, wenn ihn das Volk nur will und das politische System es erlaubt. Zeitungen beschreiben am Donnerstag ausführlich den Werdegang Obamas - wenngleich etwas holzschnittartig: "Vom Problemjugendlichen zum amerikanischen Präsidenten".

Schnell und mit freundlichen Worten haben Staatspräsident Hu Jintao und Premier Wen Jiabao Obama gleich am Mittwoch zu seinem Erfolg gratuliert; auch Vizepräsident Joe Biden bekam einen warmen Gruß. Hu sprach sogar von einer "neuen Periode in der Geschichte".

Pekings flexible Diplomaten

Ein Präsident John McCain wäre den Pekinger Politikern allerdings wohl lieber gewesen. Nach acht Jahren George W. Bush im Weißen Haus meinten sie, den Republikaner besser einschätzen zu können als den unbekannten Obama.

Konservative US-Politiker liegen den konservativen chinesischen Funktionären generell näher. Sie können besser mit ihnen umgehen. Henry Kissinger und George Bush Senior, der Vater des Präsidenten, gelten als "alte Freunde" Chinas. Aber Pekings Politiker und Diplomaten werden sich flexibel auf den neuen Mann einstellen.

In den Internet-Foren sind schon kurz nach Bekanntgabe des Resultats die ersten klugen Analysen erschienen: "Uns könnten chaotische und verwirrende Zeiten bevorstehen. Aber lasst uns all den Streit und die Verdächtigungen in diesem Moment vergessen. Lasst uns applaudieren. Gratulation, Präsident Obama", jubelt ein Teilnehmer.

Viele Chinesen finden Obama sympathisch, weil er noch nicht lange zum Washingtoner Establishment gehört, weil er ein Außenseiter aus einer benachteiligten Bevölkerungsschicht ist. Obama wäre in den sechziger Jahren noch als schwarzer Jugendlicher auf vielerlei Art und Weise diskriminiert worden, schreibt Internet-Kommentator Guo Wang in seinem Blog. Auch in der Atmosphäre des Anti-Terrorismus habe der "Politiker mit islamischem Hintergrund" viele Leute beunruhigt.

Damit sei es nun vorbei. Obama habe eine politische Aura geschaffen, die sich total von amerikanischen Traditionen unterscheide. Er, der Afrikaner, habe schon jetzt einen historischen "Obama-Mythos" geschaffen.

Im Internet ist von der "Kraft der Jugend" die Rede, von der "Macht des Wechsels, der Geschichte schreiben wird".

Chinesische Politologen wie der Amerika-Experte Shi Yinhong von der Pekinger Volksuniversität hoffen, Obamas Hintergrund und seine Erfahrungen als Afroamerikaner würden ihm "helfen, besser mit der politischen und kulturellen Vielfalt der Welt umzugehen und Entwicklungsländer zu verstehen". Dahinter verbirgt sich die Erwartung, dass Amerika ohne Bush außenpolitisch weniger rüpelig und oberlehrerhaft erscheint – eine Hoffnung, die im übrigen viele Asiaten teilen.

Gleichwohl, so sind sich die Kommentatoren einig, wird Obama den Kurs der Amerikaner nicht völlig ändern. Am politischen System Amerikas sei kaum zu rütteln, heißt es.

Obamas protektionistische Töne

Peking hat Obamas protektionistische Töne im Wahlkampf aufmerksam registriert. Sein Versprechen, jenen Arbeitern zu helfen, die ihren Job wegen des ausländischen Wettbewerbs und der Globalisierung verlieren, könnte bedeuten, dass die Amerikaner im Ausland weniger investieren werden, während weniger billige Waren aus Entwicklungsländern in die USA strömen. Dies dürfte auch Konsequenzen für China haben.

Obama hat von Peking bereits im Wahlkampf verlangt, seinen Wechselkurs flexibler zu gestalten. Dies ist kein unbedingt neuer Gedanke, dieser Forderung hat Peking lange widerstanden. In den vergangenen drei Jahren ist der Wert des Yuan aber schon über 20 Prozent gegenüber dem Dollar gestiegen.

Interessanter ist es, welchen Kurs Obama gegenüber dem Nordkoreaner Kim Jong-Il einschlagen wird, der Washington und die Welt mit seinen Atomplänen nervt. Peking hat dazu die Sechser-Gespräche geleitet, doch in den vergangenen Monaten haben sich zum Ärger der Chinesen die US-Unterhändler lieber direkt mit den Nordkoreanern getroffen.

Unruhe löst in China der Beschluss der Regierung Bush aus, den Taiwanern Waffen in großem Umfang zu verkaufen. Obama unterscheide sich in seiner Haltung gegenüber Taiwan, das Peking als abtrünnige Provinz bezeichnet, nicht sehr von seinem Vorgänger, referiert die englischsprachige Parteizeitung "China Daily". "Er erkennt die Ein-China-Politik an, hat aber erklärt, dass die amerikanische Politik auch auf dem Taiwan-Relations-Akt basiert - die es erfordert, der Insel bei der Selbstverteidigung zu helfen, falls das chinesische Festland den Status quo verändern will." Die chinesische Regierung droht, Taiwan anzugreifen, wenn es sich für unabhängig erklären sollte.

Zufrieden haben Funktionäre das Versprechen Obamas vernommen, China nicht zu "dämonisieren". Gleichwohl erwarten sie, dass er wie seine Vorgänger offen und klar Kritik an der Lage der Menschenrechte in China äußern wird.

Viele Kommentatoren äußern sich bei allem Wohlwollen über den Sieg Obamas vorsichtig über die Zukunft. "Warten wir ab, wie viele Träume Obamas in Erfüllung gehen", heißt es zum Beispiel in der "Global Times", einer außenpolitischen KP-Zeitung.



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