Obamas Triumph Nie mehr Mr. Feigling

Als Mann ohne Mumm wurde US-Präsident Obama verhöhnt, weil er so zögerlich wirkte, auch in der Außenpolitik. Jetzt gab er den Befehl zur Tötung Osama Bin Ladens  - und erntet selbst von den Republikanern Anerkennung.
TV-Ansprache von Präsident Obama: Stärkster Moment der Präsidentschaft

TV-Ansprache von Präsident Obama: Stärkster Moment der Präsidentschaft

Foto: Pablo Martinez Monsivais/ AP

In den schwachen Stunden, als die Präsidentschaft von Barack Obama wie ein einziges großes Missverständnis wirkte, träumten seine Leute im Weißen Haus von einem Paukenschlag. Von einem Ereignis, das seiner Amtszeit mit einem Schlag eine andere Anmutung gibt.

Sie dachten dann daran, wie George W. Bush, bis dahin ein schwacher, ein zögerlicher Präsident, wenige Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 auf die Trümmer der Wolkenkratzer am Ground Zero in New York kletterte, ein "bullhorn" - ein Megafon - schnappte und den versammelten Feuerwehrleuten und Helfern zurief, Amerika werde immer stark bleiben. Auf einmal war Bush ein Held.

Auch Barack Obama hat gerade so einen "bullhorn"-Moment erlebt, obwohl er kein Megafon schnappen musste und bloß über einen roten Teppich im Weißen Haus schritt. Doch seine schlichte Ansprache am späten Sonntagabend zur Tötung von Terrorfürst Osama Bin Laden wird seine Präsidentschaft ähnlich verändern.

Ausgerechnet der Kandidat, der immer fürchten musste, als schwächlich im Kampf gegen den Terror zu erscheinen - und dessen Name so verflixt ähnlich klingt wie der des Terrorfürsten - erlebt nun mit dessen Tod seinen stärksten Moment.

Es habe wirklich Mumm dazu gehört, um wie Obama diesen Einsatz im tiefsten Pakistan zu befehlen, lobte Peter King, ein republikanischer Kongressabgeordneter aus New York, der Obama sonst nur loben würde, wenn dieser seinen Rücktritt erklärte.

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Osama Bin Laden und 9/11: Trauma der westlichen Welt

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Mumm, das ist genau das, was Obama brauchte. So oft haben ihm seine Kritiker Zögerlichkeit vorgeworfen, Feigheit fast, gerade wenn es um Außenpolitik geht. "Professoren"-Krieg nannte der konservative Kolumnist Charles Krauthammer Obamas vorsichtigen Libyen-Einsatz, das war ausdrücklich nicht als Kompliment gemeint.

Hochtrainierte Kampfmaschinen ins Herz der Finsternis geschickt

Nun aber hat dieser vermeintliche "Professoren-Präsident" per Helikopter Navy Seals, die hochtrainierten Kampfmaschinen der US-Marine, mitten ins Herz der Finsternis geschickt, in Bin Ladens Versteck rund 60 Kilometer von der pakistanischen Hauptstadt Islamabad entfernt. Die Inszenierung klingt wie direkt aus einem "James Bond"-Film, wo sich einsame Agenten in die Höhle des Oberschurken abseilen.

Es war die vielleicht riskanteste US-Militäraktion seit langer Zeit. Niemand wusste schließlich genau, ob Bin Laden sich wirklich in dem Komplex aufhielt, niemand wusste, wie gut dieser geschützt war.

Leicht hätte die Präsidenten-Ansprache am Sonntagabend auch ganz anders ausfallen können: als kleinlautes Eingeständnis, dass ein Einsatz kolossal schiefgelaufen ist und amerikanische Soldaten ihr Leben lassen mussten. So widerfuhr es Obamas glücklosem Vorgänger Jimmy Carter 1980, als er Spezialkräfte zur Rettung amerikanischer Geiseln in den Iran schickte und acht von ihnen starben.

Es war ein umgekehrter "bullhorn"-Moment.

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Kein Wunder, dass das Weiße Haus den Einsatz gegen Bin Laden lange plante, wohl seit vorigem August, wie US-Medien schreiben. Neunmal berieten sich demnach allerhöchste Kreise dazu allein im Oval Office. Das Weiße Haus hatte schon vor geraumer Zeit US-Geheimdienste angewiesen, die Jagd nach Bin Laden wieder ganz oben auf ihre Tagesordnung zu setzen.

Die letzte Planung lief, ausgerechnet, als Obama sich vergangene Woche vor die Hauptstadtpresse stellte, um die Debatten zu seiner Geburtsurkunde zu zerstreuen - die Debatte war vom exzentrischen Baulöwen Donald Trump neu angefacht worden. Amerika habe keine Zeit für solche "Albernheiten", es gebe wichtigere Dinge zu erledigen, sagte der Präsident. Seine Worte waren, das wird nun deutlich, beinahe prophetisch - und Trump sieht wie ein Clown aus, mehr denn je.

Obama als erfolgreicher Terror-Vollstrecker

Dass Obama sich nun als erfolgreicher Terror-Vollstrecker inszenieren kann, ist aber auch die fast logische Entwicklung seiner Präsidentschaft. Im Wahlkampf 2008 hatte der Demokrat die Methoden des damaligen Präsidenten Bush im Kampf gegen den Terror kritisiert. Doch kaum im Amt, übernahm er viele davon, von Verhörtechniken über Abhörmechanismen. Das umstrittene Gefangenenlager Guantanamo versprach Obama binnen Jahresfrist zu schließen - aber nun will er dort sogar wieder Militärtribunale abhalten.

"Bush Lite" haben ihn enttäuschte Linke deshalb genannt, doch heute wird der Präsident damit gut leben können.

Dennoch: Der Terror-Triumph wird ihn nicht automatisch zur Wiederwahl tragen, dafür ist der Wahltag im November 2012 noch zu weit weg. Außerdem haben die meisten Amerikaner gerade mehr Angst vor Schulden oder Arbeitslosigkeit als vor Bin Laden.

Der Kampf gegen den Terror ist zudem nicht vorbei, wie vorschnelle Kommentatoren nun behaupten. Nehmen Bin Ladens Erben erfolgreich auf amerikanischem Boden Rache, wird Obamas Triumph rasch vergessen sein. Schließlich ist es seine Pflicht als US-Präsident, das Land sicher zu machen.

Doch eins ist sicher: Als Präsident ohne Mumm, als halben Mann, wird ihn nie mehr ein Republikaner bezeichnen können.

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