Obamas Vize Biden Witzbold außer Dienst

Lange galt US-Vizepräsident Joe Biden als eine Art Witzbold mit wenig Einfluss. Doch in der Außenpolitik hat er sich zu Barack Obamas wichtigstem Ratgeber entwickelt und dessen neuen Afghanistan-Kurs geprägt - mit klaren Zielen, klaren Grenzen und einem schärferen Fokus auf Pakistan.

Obama, Biden (2008): Der Afghanistan-Konflikt machte den Vize stark
AFP

Obama, Biden (2008): Der Afghanistan-Konflikt machte den Vize stark

Von , Washington


Washington amüsiert sich noch immer über die Bilder, die das Ehepaar Salahi bei ihrer Spritztour ins Weiße Haus ohne Einladung zeigen. Die Partycrasher, zwei Möchtegern-TV-Stars aus Virginia, posieren während eines Staatsbanketts für Indiens Premier mit Präsident Barack Obama, dessen Stabschef Rahm Emanuel und anderen Politikgrößen. Doch nur mit einem Regierungsmitglied sind sie gleich zweimal zu sehen: Vizepräsident Joe Biden, der neben der blonden Ex-Cheerleaderin Michaele Salahi in die Kameras strahlt. Solche Fotos liebt der lebenslustige Biden, dem US-Reporter wegen seiner weißen Zähne unterstellen, mindestens so eitel wie ein Starlet zu sein.

Doch die Partybilder täuschen. Biden, 67, hat sich in Obamas Regierung eine Schlüsselstellung erarbeitet. Die "New York Times" fragt, ob der Demokrat nach Dick Cheney schon der zweitmächtigste Vizepräsident aller Zeiten sei. "Time" urteilt: "Joe is not a joke", Joe ist kein Witz. Die "Washington Post" kommentiert: "Er hat wichtige Aspekte der Strategie von Afghanistan-Oberbefehlshaber Stanley McChrystal hinterfragt. Biden setzte durch, dass Amerika sich nicht unbegrenzt auf einen Plan versteift, der selbst nach Ansicht seiner Befürworter vielleicht nicht klappt."

Wenn Obama an diesem Dienstagabend in der Militärakademie West Point zur Afghanistan-Politik spricht, wird Bidens Skepsis vernehmbar sein. Weniger bei den Zahlen: Dass der Präsident vermutlich mehr als 30.000 weitere US-Soldaten entsendet, liegt nahe an den Forderungen von McChrystal. Doch der Argwohn zeigt sich im Kleingedruckten. Obama dürfte keine langfristige Verpflichtung eingehen, sondern bereits Details eines Abzugsplans entwerfen - wie er vorige Woche mit seinen Worten andeutete, Amerika werde in acht oder neun Jahren nicht mehr am Hindukusch kämpfen. Unrealistische Aussagen über die künftige Größe der afghanischen Sicherheitskräfte wird Obama wohl auslassen, ebenfalls auf Bidens Rat. Pakistan dürfte noch stärker in den Vordergrund rücken, das Land, das der Vizepräsident seit langem als wichtigste Front im Kampf gegen den Terror ansieht.

"Biden ist skeptisch, dass sich Amerika immer weiter in Afghanistan verstrickt - und er hat das Ohr des Präsidenten", sagt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ein enger Vertrauter des Vizepräsidenten.

Eklat beim Essen mit Karzai

Der Außenpolitikveteran, ehemals Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im US-Senat, hatte bereits zu Beginn von Obamas Amtszeit Bedenken gegen eine weitere Truppenerhöhung in Afghanistan geäußert. Biden, vehementer Unterstützer des US-Einmarsches dort nach den Anschlägen vom 11. September, war früh enttäuscht von Präsident Hamid Karzai. In Washington ist die Geschichte Legende, wie Biden bei einem Abendessen mit Karzai im Frühjahr 2008 in Kabul die Serviette auf den Tisch warf und das Essen für beendet erklärte, nachdem der Afghane Korruption in seiner Regierung nicht eingestehen wollte.

Karzai versuchte ihn zum Bleiben zu bewegen, doch der Demokrat war nicht aufzuhalten. Wollten die Amerikaner dauerhaft so einen Partner um jeden Preis stützen? Immerhin kostet Amerikas Steuerzahler jeder neue Soldat in Afghanistan rund eine Million Dollar. Biden ließ Obama seine Zweifel wissen. Aber der Präsident wollte zunächst sein Wahlkampfversprechen einlösen, das Engagement in Afghanistan zu verstärken. Im März schickte er über 21.000 weitere US-Soldaten, wie auch von Außenministerin Hillary Clinton gefordert. Er versprach seinem Vize, nach der Präsidentschaftswahl in Kabul im August neu nachzudenken.

Biden ließ nicht locker. Er verfasste ein Positionspapier, das statt mehr Truppen die Terrorbekämpfung und das Training afghanischer Sicherheitskräfte hervorhebt. Er meldete sich auch in Arbeitstreffen immer wieder zu Wort. "Time" schildert, wie Biden bei einem Treffen mit Obama und Top-Beratern eine Frage hat. Wie viel Amerika derzeit ausgebe für Afghanistan? 65 Milliarden Dollar. Und für Pakistan? 2,25 Milliarden Dollar. Der Vize: "Al Qaida ist fast nur in Pakistan, das Land hat Atomwaffen. Und dennoch geben wir 30-mal mehr in Afghanistan aus als für Pakistan. Ergibt das strategisch Sinn?" Da sei es ganz still im Raum geworden.

Dass Biden so eine starke Rolle spielen würde, war in der Anfangszeit der Regierung nicht unbedingt zu erwarten. Im Senat hatte der Veteran seinen Parteifreund eher als jungen Aufsteiger empfunden. Als Kandidat im Vorwahlkampf der Demokraten, aus dem er früh ausschied, spottete Biden über Obamas fehlende Erfahrung.

Der entschied sich dennoch für ihn als Vize - aus Pragmatismus, um die weiße Arbeiterklasse zu umwerben. Biden warf sich in den Wahlkampf, aber seine Neigung zu unvorsichtigen Bemerkungen entnervten Obamas diszipliniertes Team. Selbst der Präsident machte zu Beginn seiner Amtszeit Scherze darüber. "Wenig überraschend weiß auch ich nicht, was Joe wieder genau meinte", scherzte Obama über dessen Äußerung, der Wirtschaftsplan der Regierung könne scheitern. Die öffentliche Zurechtweisung ging Biden zu weit, Obama musste sich beim Mittagessen entschuldigen.

"Chef-Hinterfrager" in Obamas Team

Seither scheint sich die Beziehung eingespielt zu haben, auch weil sich Biden disziplinierter gibt. Er hat sich auf Auslandsreisen bewährt, das Irak-Portfolio übernommen. Zugute kommt ihm seine enge Beziehung zu Sicherheitsberater James Jones, der ebenfalls als Skeptiker einer Truppenerhöhung gilt. Im SPIEGEL-Gespräch sagte Jones: "Wir könnten 200.000 Truppen dort im Einsatz haben, und das Land wird sie aufsaugen, wie es das in der Vergangenheit schon getan hat." Der Sicherheitsberater spricht täglich mit Biden.

Insider glauben, dass Bidens Skepsis den Afghanistan-Kurs besser gemacht hat, weil sie die Ziele des Einsatzes ins Blickfeld rückte. Der Vize sagt der "New York Times": "Wenn man in ein Land kommt mit 85 Prozent Analphabetismus, so gut wie ohne Erfahrung mit modernen Regierungsformen, sollte man das mit großer Demut tun. Und man sollte verdammt noch mal eine möglichst klare Vorstellung von seinen Zielen haben."

Ob er sich wirklich durchgesetzt hat, wird erst Obamas Ansprache zeigen. Übernimmt der Präsident Bidens Vorschlag, die neue Strategie über einen kürzeren Zeitraum in belebten Regionen zu überprüfen? Wird er die Bedeutung von Fortschritten in Pakistan hervorheben?

Doch gelungen ist Biden wohl schon eine Rollenaufwertung. "Chef-Hinterfrager" nennt der einflussreiche US-Kolumnist David Ignatius nun Obamas Vize. Der sonst so langatmige Demokrat, wird berichtet, könnte seinen größten Einfluss mit einer einfachen Frage erreicht haben - gerichtet an Top-Militärs und Berater im Weißen Haus, die noch mehr Truppen in Afghanistan als Allheilmittel präsentieren: "Was ist, wenn es nicht klappt?"

insgesamt 5467 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
SaT 08.11.2009
1. abziehen oder ewig weiterkämpfen
Wieso siegen? Da keine Kriegsziele existieren kann man im Grunde weder gewinnen oder verlieren sondern nur abziehen oder ewig weiterkämpfen. Vorschlag: wir erklären uns zum moralischen Sieger und ziehen mehr oder weniger geordnet ab. Dem korrupten Karzeiclan, Warlords und die Drogenbarone unserer Wahl geben wir halt soviel Waffen, dass die das Thema Taliban alleine in den Griff bekommen. Wir überlassen Afghanistan den Afghanen und kümmern uns endlich um unsere eigenen Probleme – davon gibt es genug.
Ökopit 08.11.2009
2. Westlich und Islam ...
Zitat von sysopZweifelhafte Präsidentschaftswahlen, ständig neue Angriffe der Taliban, umstrittene Bombardements - mit welcher Strategie können die westlichen Alliierten in Afghanistan siegen?
... schließt sich naturgegeben aus! Die beste Strategie in Afghanistan wäre ein kompletter (und sofortiger) Rückzug des Westens - nicht nur der Truppen, auch aller zivilen "Möchtegern-Helfer" und natürlich der Krämerseelen! Nur, das geht leider "geostrategisch" nicht, denn wer "die Passhöhen des Hindukusch" beherrscht, kann, wenn er will, ganz Asien beherrschen! Die Engländer haben das im 19. Jahrhundert nicht geschafft, die Sowjetunion ab 1980 auch nicht! Die Ami's und ihre Vasallen (leider gehört Deutschland dazu) versuchen das seit 2001! Ich gönn ihnen den Erfolg nicht!
ewspapst 08.11.2009
3. Nur Siegen?
Zitat von sysopZweifelhafte Präsidentschaftswahlen, ständig neue Angriffe der Taliban, umstrittene Bombardements - mit welcher Strategie können die westlichen Alliierten in Afghanistan siegen?
Hier das Ausgangsthema. Ist der Krieg in Afghanistan noch zu gewinnen? Natürlich ist der Krieg zu gewinnen. Haben Sie sich als Forist hier nicht die vielen Militärexperten, Generalsdoppel, Humanisten und göttergleiche Juristen, ja selbst Philosophen, die alle ein ungemein umfassendes und unbedingt richtiges Wissen mitbringen, angeschaut. Ihr Spezialwissen übertrumpft alle, denn das haben sie uns oft genug gesagt. Und warum sollen wir ihnen nicht glauben? Ihre Erkenntnisse erfüllen uns täglich mit staunen, ob der vielen Darbietungen. Sie alle wissen viel besser als die afghanische Bevölkerung, unter welchen Bedingungen dort gelebt werden soll und muss und bringen uns Unwissende alles haarklein nahe. Es ist doch ganz klar, dass die westliche Intelligenz viel klarer definieren kann, was gut und böse ist und was einem Paschtunen natürlich nicht möglich ist. Wie Wahlen zu werten sind, können doch nur die politisch vorgebildeten Nato - Angehörigen. Die westliche Welt hat über lange Zeit nur nach Recht und Gesetz gehandelt, nur um der Menschlichkeit willen und ist deshalb in der Lage, dieses Wissen und Handeln an die dritte Welt weiterzugeben, die dann ebenso handeln soll, ganz besonders die Afghanen. Haben Sie diesen Worten geglaubt? Natürlich, denn sie werden uns doch täglich ohne Unterbrechung frei Haus geliefert. Dann werden "Sie " diesen Krieg auch gewinnen, "wir " Ungläubigen dagegen nicht. Übrigens, warum haben die Russen, die Inder, die Pakistani, die Engländer, wieder die Russen und dann auch die Amerikaner die Kämpfe nicht gewonnen? Die genannten EXPERTEN werden es Ihnen mit vielen Worten und rechtsphilosophischen Erläuterungen sagen.
mark anton, 08.11.2009
4. Ist die Haltung der D Feigheit vor dem Feinde?
oder wie wuerde man es bezeichnen koennen? Auch wenn der Ausgang in Afghanistan wegen der vielseitig unguenstigen und unueberbrueckbaren Problemen negativ ist, haette man als Verbuendeter seine Verpflichtungen nachkommen muessen. Was, wenn D einmal Verbuendete braucht - die Nato koennte dann auch sagen, wir erinnern uns an Kunduz und verhalten uns ebenso.
Stahlengel77, 08.11.2009
5.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,660064,00.html Na prima. Das US-Militär operiert in dem von der Bundeswehr kontrollierten Bereich zusammen mit afghanischer Miliz. Wir können an fünf Fingern abzählen, was das für unsere Soldaten bedeutet: Weitere Destabilisierung, die Taliban werden mehr Zulauf bekommen und wie das bei den Paschtunen so ist, wird die Blutrache ausgerufen und dann wird nicht mehr unterschieden, welches Nationalitätenzeichen auf einer Uniform prangt. Es steht außer Zweifel, das wir mit vermehrten Anschlägen und Angriffen auf unsere Soldaten rechnen müssen nach der Offensive. Und wenn die von der Bundeswehr besetzte Region durch die US-Militärs so richtig aufgemischt wurde, wird eine Aufstockung des Mandats notwendig sein. Ob es dafür eine Mehrheit im Bundestag gibt, wenn auch endlich offiziell von einem Krieg gesprochen wird, ist fraglich. Am Ende werden unsere Soldaten in Afghanistan alleine gelassen, wenn sie das nicht schon sind. Wenn ich von Soldaten, die aus dem Einsatz kommen, hören muss, das sie sich ihre Ausrüstung immer noch selbst kaufen müssen, das sie unter schwierigsten Bedingungen mit unzureichendem Material ihren Aufgaben nachkommen müssen, das die Bevölkerung ihnen weitgehend feindlich gesonnen ist und sie quasi mitanschauen müssen, wie Warlords unbehelligt ihren Opiumanbau vorantreiben und damit enorme Gewinne erzielen (und dagegen nicht vorgegangen wird), da fragt man sich wirklich: Was haben wir dort überhaupt verloren? Die geplante Pipeline der Amerikaner schützen? Abortmücke am Hintern Chinas spielen? (Es ist längst bekannt, das die Taliban einen guten Teil ihrer Waffen aus China gesponsert bekommen) Noch heute bin ich der Meinung, das Struck, Fischer und Schröder juristisch zur Rechenschaft gezogen gehören, da sie deutsche Soldaten in einen Angriffskrieg der USA geschickt haben. In tausenden von Jahren hat niemand es geschafft, diese Region dauerhaft zu besetzen. Nur Wahnsinnige glauben, man könnte dort einen Krieg gewinnen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.