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Hongkong: Rückkehr der "Regenbogen-Bewegung"

Foto: STRINGER/HONGKONG/ REUTERS

Proteste in Hongkong "Wir wollen keine Regierung stürzen"

Die "Regenschirm-Bewegung" ist wieder da: Erneut gingen in Hongkong Tausende auf die Straße. Benny Tai, einer der Gründer von Occupy Central, erklärt im Interview, warum die Bewegung kein Interesse an politischer Macht hat.

Hongkong - Während der Deutschland-Visite von Chinas Ministerpräsident Li Keqiang hat die Protestbewegung in Hongkong neuen Auftrieb erfahren. Tausende Pro-Demokratie-Demonstranten gingen auf die Straßen der früheren britischen Kronkolonie. Das Außenministerium verurteilte die Proteste.

SPIEGEL ONLINE sprach mit Benny Tai, einem der Gründer und Wortführer der Bürgerbewegung Occupy Central:

SPIEGEL ONLINE: War es voreilig, die "Regenschirm-Bewegung" bereits zu den Akten zu legen?

Tai: Mit Sicherheit. Wir sind in einem dynamischen Prozess, der weit über das hinausgeht, was wir uns anfangs vorgenommen hatten. Ich habe ehrlich gesagt selbst keine Ahnung, was als nächstes passiert und wo wir morgen stehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat die Regierung die Gespräche mit den Demonstranten abgesagt, die sie vor einer Woche selbst angeboten hat?

Tai: Das geht entweder auf eine Spaltung innerhalb der Führung hier in Hongkong zurück oder auf eine Anweisung aus Peking. So oder so hat es mit Unentschlossenheit zu tun: Vielleicht liegen die Befürworter des Dialogs mit den Hardlinern im Streit, vielleicht weiß auch Peking noch nicht, wie es genau weitermachen will. Dafür spräche, dass die Regierung die Gespräche nur vorübergehend ausgesetzt hat.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste die Regierung - in Hongkong oder Peking - tun, um die Proteste zu einem friedlichen Ende zu bringen?

Zur Person
Foto: AP/ dpa

Benny Tai Yiu-ting, 50, Verfassungsrechtler an der University of Hong Kong, kam als Erster auf die Idee, die neue Führung in Peking mit zivilem Ungehorsam herauszufordern. Zusammen mit dem Soziologen Chan Kin-man und dem Baptistenpfarrer Chu Yiu-ming gründete er die Bewegung Occupy Central with Love and Peace, die sich für demokratische Wahlen in Hongkong einsetzt.

Tai: Sie müsste ein Zeichen setzen, das eine realistische Aussicht auf eine demokratische Wahl des nächsten Regierungschefs eröffnet. Wir wissen, dass das nicht über Nacht geschehen wird. Aber wenn wir eine Roadmap kriegen, dann würde das dazu führen, dass die Mehrheit der Demonstranten nach Hause geht. Es werden allerdings nicht alle gehen. Es wird nicht einfach, diese Geschichte zu Ende zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Einfluss haben Sie als Organisatoren auf den Ausgang?

Tai: Einen begrenzten. Wenn wir die Leute auffordern, hier oder dort aus praktischen Gründen ein paar Barrikaden abzubauen, dann behandeln sie uns wie Eindringlinge, wie fremde Eroberer. Die Studenten, die hier Schichtdienst machen und auf der Straße übernachten, verteidigen ihre politischen Positionen genauso wie den Straßenabschnitt, den sie gerade besetzen. Wir wären ein interessantes Fallbeispiel für einen Soziologen, für jemanden, der sich mit den Mechanismen sich selbst organisierender Gesellschaften befasst.

SPIEGEL ONLINE: 2014 jähren sich der Aufstand am Platz des Himmlischen Friedens, der Mauerfall und die Regimewechsel in Osteuropa zum 25. Mal. Denken Sie an 1989, wenn jetzt wieder Tausende in Hongkong auf die Straße gehen?

Tai: Wir haben hier eine eigenartige Bewegung. Wir wollen, anders als die meisten Revolutionäre, keine Regierung stürzen, wir wollen keine Macht für uns selbst. Wir wollen, dass nach demokratischen Spielregeln gespielt wird und dass auch unsere Gegner, also die Freunde Pekings, fair gewählt werden können - wonach es bis zum Beginn dieser Bewegung auch deutlich aussah. Inzwischen würde der Sieg des Peking-Lagers vielleicht nicht mehr so deutlich sein, aber gewinnen würden sie wohl immer noch. In vier, fünf Jahren, wenn all diese Studenten hier wahlberechtigt sind, wahrscheinlich nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Veteranen des Tiananmen-Aufstandes bedauern heute nicht nur das brutale Durchgreifen der damaligen Regierung, sondern auch manche ihrer eigenen Entscheidungen.

Tai: Die Lehren aus Tiananmen sind uns sehr bewusst. Auch wir haben radikalere und weniger radikale Teilnehmer in dieser Bewegung, zum Teil hat das auch damit zu tun, dass wir unterschiedlichen Generationen angehören. Aber deshalb ist es so wichtig, dass uns die Regierung etwas anbietet, mit dem ich als 50-Jähriger einen 25-Jährigen und der 25-Jährige einen 17-Jährigen überzeugen kann.

SPIEGEL ONLINE: Ihr 17-jähriger Kollege Joshua Wong hat Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgerufen, die Demonstranten in Hongkong öffentlich zu unterstützen.

Tai: Das ist sein gutes Recht. Ich selbst würde eine ausländische Regierung nicht aktiv dazu auffordern, uns zu unterstützen, weil wir Occupy als eine rein lokale Bewegung betrachten. Aber Deutschland ist ein souveräner Staat und hat sicher einen gewissen Einfluss. Wenn sich die deutsche Regierung entscheidet, sich für uns auszusprechen - sehr willkommen.

Das Interview führte Bernhard Zand
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