Hebamme vom Rettungsschiff "Ocean Viking" "Es ist unfassbar, wie traumatisiert alle sind"

Mehr als 350 Menschen hat die Crew der "Ocean Viking" im Mittelmeer gerettet. Seit zwei Wochen sucht das Schiff nun einen sicheren Hafen - das Warten verlängert das Leiden an Bord.
Rettungsschiff "Ocean Viking": "Die psychischen Zustände der Menschen sind schlimm"

Rettungsschiff "Ocean Viking": "Die psychischen Zustände der Menschen sind schlimm"

Foto: REUTERS

Am Mittwoch durfte das spanische Rettungsschiff "Open Arms" nach knapp dreiwöchiger Blockade auf dem Mittelmeer nun doch auf Lampedusa anlegen. Der "Ocean Viking", Rettungsschiff der Organisationen Ärzte ohne Grenzen und SOS Méditerranée, steht eine ähnliche Odyssee bevor. An Bord ist die Hebamme Stefanie, Leiterin des medizinischen Teams, die nur ihren Vornamen nennen möchte. Im Interview spricht sie über die Lage der Geretteten auf der "Ocean Viking".

SPIEGEL ONLINE: Seit wann warten Sie darauf, in einem Hafen anzulegen?

Stefanie: Wir hatten am 9. August unsere erste Rettung und in den darauffolgenden Tagen drei weitere. Seitdem warten wir auf die Erlaubnis, im nächsten sicheren Hafen anlegen zu können, das wären Malta oder Italien. Leider bislang ohne Erfolg.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen sind derzeit auf Ihrem Schiff?

Stefanie: Wir haben 356 Leute an Bord, darunter Männer, Frauen und Kinder. Die Geretteten schlafen dicht aneinandergedrängt an Deck, weil es nicht genügend Schlafplätze gibt. Zum Glück ist es Sommer, aber wir hatten schon zwei stürmische Nächte, in denen es sehr kalt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es den Geflüchteten?

Stefanie Körperlich sind alle soweit in Ordnung. Manche müssen wir stärker betreuen, weil sie chronisch krank sind. Aber die psychischen Zustände der Menschen sind schlimm. Fast alle Geretteten haben in ihren Herkunftsländern oder in Libyen traumatische Erfahrungen gemacht. Sie erzählen von den Internierungslagern oder davon, wie sie an Menschenhändler verkauft wurden. Die Wunden an ihren Körpern bezeugen, welche Gewalt sie in Libyen erlebt haben. Das sind Messerstichverletzungen, Verbrennungen durch heiße Flüssigkeiten oder Plastik, Verletzungen durch Schläge. Und dann natürlich Spuren von sexueller Gewalt. Es ist unfassbar, wie traumatisiert alle sind. Besonders die Minderjährigen. Ich habe einen 17-Jährigen behandelt, dessen Körper übersät war mit Messerstichverletzungen und Verbrennungen. Er hat drei Jahre in Libyen verbracht. Hier auf See können die Menschen ihre Traumata natürlich nicht verarbeiten, die werden noch schlimmer.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem spanischen Rettungsschiff "Open Arms" haben sich zuletzt dramatische Szenen abgespielt: Die Menschen sind in ihrer Verzweiflung ins Wasser gesprungen, um nach Lampedusa zu schwimmen. Haben Sie Angst, dass so etwas auch auf der "Ocean Viking" passieren könnte?

Stefanie: Die Anspannung auf dem Schiff steigt ständig weiter an. Seit einigen Tagen haben immer mehr Leute psychosomatische Symptome entwickelt, zum Beispiel Angstzustände. Sie können hier auf dem Schiff nichts tun, haben keinerlei Kontrolle über ihre Situation oder das, was als nächstes mit ihnen passiert. Es gibt kaum Platz und keinerlei Rückzugsmöglichkeiten. Da ist es vorhersehbar, dass die Leute früher oder später mit gewissen Handlungen reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie, um die Leute zu beruhigen?

Stefanie: Wir versuchen, ihnen zuzuhören und zu erklären, was passiert. Wenn die Leute sich zum Essen anstellen, führen wir Kontrollen durch und sprechen jeden einzeln an, um zu schauen, wie es ihm geht, ob jemand krank ist und spezielle Versorgung braucht. Das ist auch für unser Team wahnsinnig anstrengend. Wir arbeiten Tag und Nacht.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie persönlich mit der Situation um?

Stefanie: Als Teamleitung habe ich ja Verantwortung für die Geretteten und das Team. Das macht mir natürlich Sorgen. Wir treffen uns regelmäßig mit der Mannschaft und besprechen kritische Situationen. Wir versuchen, jeden Tag genau zu planen und uns Aktivitäten für die Menschen an Bord zu überlegen. Wir erinnern uns auch gegenseitig daran, aufeinander achtzugeben. Das hilft.

SPIEGEL ONLINE: Es ist nicht das erste Mal, dass ein Rettungsschiff mehrere Wochen auf See festsitzt. Konnten Sie sich auf die Situation vorbereiten?

Stefanie: Leider mussten wir ja damit rechnen, dass so etwas passiert. Trotzdem finde ich es unfassbar, dass wir hier wochenlang unter unmenschlichen Bedingungen ausharren müssen. Wieso hat Europa nach all diesen Jahren immer noch keine Lösung für die Geretteten auf dem Mittelmeer gefunden? Wie kann es sein, dass immer noch so viele Menschen ertrinken? Ich bin erschüttert davon, dass wir hier wie Kriminelle behandelt werden. Und von der Unmenschlichkeit, die uns und den Menschen an Bord entgegengebracht wird.

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