Krisenjob Reformbefürworter Stournaras übernimmt Griechenlands Finanzen

Griechenland hat einen neuen Finanzminister: Yannis Stournaras übernimmt das Ressort. Der Ökonomieprofessor steht den Sozialisten nahe, befürwortet aber umfassende Reformen in seinem Land. Auch am Euro-Beitritt war er beteiligt - und gibt die Schuld für die damaligen Fehler der EU.

Stournaras: Neuer Finanzminister in Athen
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Stournaras: Neuer Finanzminister in Athen


Athen - Der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras hat einen neuen Finanzminister ernannt. Es wird der Ökonomieprofessor der Universität Athen, Yannis Stournaras. Das berichteten übereinstimmend die griechischen Medien. Samaras habe Stournaras bereits telefonisch benachrichtigt. Zuvor hatte der designierte Finanzminister Vassilis Rapanos nach einem Kreislaufzusammenbruch auf das Amt verzichtet.

Wie Rapanos hat auch Stournaras praktische Erfahrung im Bankensektor. Der 55-Jährige war Mitarbeiter der griechischen Zentralbank (Bank of Greece) und Vorstand der griechischen Handelsbank (Commercial Bank). Zudem steht er der sozialistischen Pasok nahe und war zusammen mit Rapanos an den Verhandlungen zum Euro-Beitritt beteiligt.

Ebenso wie Ex-Premier Kostas Simitis, dem er als Berater diente, gehört Stournaras jedoch zum wirtschaftsfreundlichen Flügel der Partei. Er hat sich in den vergangenen Jahren häufig für Strukturreformen ausgesprochen, die Sparprogramme für das Land unterstützt und war Chef des arbeitgebernahen Instituts für Ökonomie- und Industrieforschung.

Den unter falschen Angaben erfolgten Euro-Beitritt verteidigte Stournaras allerdings noch vor wenigen Wochen gemeinsam mit Ex-Premier Simitis. In einem Beitrag für die "Süddeutsche Zeitung" schrieben sie, die Verantwortung für die fehlerhaften Zahlen liege nicht nur bei der konservativen Nea Dimokratia, welche die Verbuchung der Verteidigungsausgaben änderte, sondern auch bei der Statistikbehörde Eurostat und der EU-Kommission. Diese hätten die Angaben nicht kritisch genug geprüft.

Die Ursachen der Schuldenkrise seien zudem weniger Fehler der griechischen Regierungen, sondern wirtschaftliche Ungleichgewichte zwischen den Euro-Ländern, heißt es in dem Beitrag. Rapanos war zu einer deutlich kritischeren Einschätzung gekommen: Dass Griechenland solch hohe Schulden auftürmte, sei "die Entscheidung von Regierungen gewesen und nicht das unglückliche Ergebnis makroökonomischer Bedingungen, die sich schlechter entwickelten als gedacht", schrieb er im vergangenen Jahr in einer wissenschaftlichen Arbeit.

Neben dem ursprünglich als Finanzminister designierten Rapanos hat auch Samaras gesundheitliche Probleme. Am Samstag hatte er sich nach Berichten des griechischen Fernsehens wegen einer Netzhautablösung operieren lassen müssen, am Montag wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Trotzdem wird er nicht am EU-Gipfel Ende der Woche teilnehmen, stattdessen reist Staatspräsident Karolos Papoulias nach Brüssel.

Das hochverschuldete Griechenland ist seit Mai 2010 auf Hilfszahlungen der Europäischen Union, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB) angewiesen. Athen muss im Gegenzug für die finanzielle Unterstützung ein Sparprogramm umsetzen. Dieses will die neue griechische Regierung nun lockern.

Griechenland befindet sich im fünften Jahr in Folge in einer Rezession, die Arbeitslosenquote liegt bei mittlerweile mehr als 22 Prozent, Zehntausende Unternehmen sind in den vergangenen Jahren pleitegegangen.

dab/heb/dpa/AFP

insgesamt 26 Beiträge
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Möglw. 26.06.2012
1. Zwiespältig
Zum einen ein guter Zug, um zumindest einen Ansatz von Vertrauen ins Land zu bringen. Vorbild Italien. Zum anderen aber ein hundertprozentiger (man denke sich ein Zitat von Jonathan Meese auf SPON).. des Staatsapparats, dem daher kein Millimeter zu trauen ist.
f.b. 26.06.2012
2.
Na prima ! Der Herr hat also schon an den Verhandlungen Griechenlands zur Aufnahme in den Euroraum teilgenommen. Da kommt mir wirklich nichts anderes mehr, als das Sprichwort "Da macht man den Bock zum Gärtner" in den Sinn.
doctorwho 26.06.2012
3.
Zitat von sysopREUTERSDas hoch verschuldete Griechenland hat einen neuen Finanzminister: Der Ökonomieprofessor der Universität Athen, Yannis Stournaras, übernimmt das Ressort. Sein Vorgänger Vassilis Rapanos hat aus gesundheitlichen Gründen auf das Amt verzichtet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,841026,00.html
der mann hat damals dabei geholfen , den aufgepimpten haushalt griechenlands in die euro-zone zu "überführen" . wow , da wird der wolf zum schafehüten geschickt . offensichtlich merkt hier keiner mehr was ..........
prontissimo 26.06.2012
4. und weiter ??
Zitat von sysopREUTERSDas hoch verschuldete Griechenland hat einen neuen Finanzminister: Der Ökonomieprofessor der Universität Athen, Yannis Stournaras, übernimmt das Ressort. Sein Vorgänger Vassilis Rapanos hat aus gesundheitlichen Gründen auf das Amt verzichtet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,841026,00.html
Ach ja, in China ist eben ein Sack Reis umgefallen.
chiefclancywiggum 26.06.2012
5. Prof. Dr. Dr. h.c. mult.
Zitat von sysopREUTERSDas hoch verschuldete Griechenland hat einen neuen Finanzminister: Der Ökonomieprofessor der Universität Athen, Yannis Stournaras, übernimmt das Ressort. Sein Vorgänger Vassilis Rapanos hat aus gesundheitlichen Gründen auf das Amt verzichtet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,841026,00.html
Alles wird gut! Da der gute Herr ja schon bei den griechischen Verhandlungen zum Euro- Beitritt mitgeholfen hat, weiss er ja bestens wie man die anderen Europäer über den Tisch zieht. Aber erst mal abwarten, ob er den Weg zu seiner Vereidigung ohne Zusammenbruch übersteht.
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