Ölförderung im Irak Terror im Paradies

In Kirkuk sitzen die Menschen auf scheinbar grenzenlosem Reichtum - Unmengen von leicht förderbarem Öl. Doch sie können das flüssige Gold nicht zu Geld machen. "Das Öl", sagt Ingenieur Kasim, "ist unser Paradies und unser Verderben." Jetzt stehen auch noch drei der großen Pipelines in Flammen.

Aus Kirkuk berichtet Erwin Decker


Kirkuk - Wenn der Ingenieur Ahmed Kasim morgens aus dem Fenster sieht und der Rauch der brennenden Pipelines noch immer wie Schmutz am blauen Himmel verteilt ist, braucht er eigentlich erst gar nicht zur Arbeit fahren. Die Ölförderung ist reduziert, oder ganz zum Stillstand gekommen. Die zwei riesigen schwarzen Rauchwolken sind 30 Kilometer weit zu sehen.

Ahmed Kasim bei der Arbeit: "Die Lügen sind so plump"
Erwin Decker

Ahmed Kasim bei der Arbeit: "Die Lügen sind so plump"

In der weiten ebenen Wüste um die nordirakische Stadt Kirkuk brennen schon seit einer Woche drei große Ölpipelines. Achmed Kasim arbeitet auf dem Ölfeld der North Oil Company. Es ist eine Gesellschaft des Ölministeriums in Bagdad für die nördlichen Ölfelder des Landes. Es gibt noch eine South Oil und eine Central Oil Company.

Der Weg zum Eingang des Ölfeldes wird jeden Tag zum Risiko für den Ingenieur. Er muss am Flugplatz von Kirkuk vorbei. Dort ist das Hauptquartier der amerikanischen Soldaten. Und dort schlagen die Aufständischen und Terroristen regelmäßig zu. Autobomben, Selbstmordanschläge und Schusswechsel töteten schon viele Zivilisten die zufällig in der Nähe der Angriffe waren. Die Straße ist aber der einzige Zugang zu seinem Arbeitsplatz.

Seit drei Monaten fährt er nicht mehr mit dem Auto, sondern mit dem Sammeltaxi, in der Hoffnung, dass das etwas sicherer ist. Seit elf Jahre arbeitet Kasim auf den Ölfeldern von Kirkuk. Er hat ganz unten angefangen. Heute ist er Vorarbeiter in der Gas-Öltrennanlage. Nach der Förderung wird zuerst der Gasanteil aus dem Öl getrennt. Aber heute Morgen wird wohl wenig oder gar kein Öl gefördert werden. Es ist seit Monaten der Normalzustand. Im Dezember wurde im Irak so wenig Öl gefördert wie noch nie nach dem Krieg.

Der Zugang zum Kirkuk-Ölfeld ist Hochsicherheitsgebiet. Jede Person und jedes Fahrzeug werden gründlich untersucht. Die Arbeiter haben die neusten computerlesbaren Ausweise mit Fotos und Chips. Eine Privatfirma kontrolliert mit über 27.000 Männern die Ölfelder. Das sind dreimal so viel, wie in der eigentlichen Ölförderung arbeiten. Alle Sicherheitsleute sind Kurden. Das war die Bedingung die die kurdischen Parteien dem Ölministerium in Bagdad regelrecht diktiert haben, als der Sicherheits-Auftrag vergeben worden ist. Die anderen Ethnien in Kirkuk wie Turkmenen und Araber sehen das als eine klare Diskriminierung. Ihrer Ansicht nach wollen sich die Kurden die Ölstadt Kirkuk illegal einverleiben. Zu den üblichen Problemen ist das noch zusätzlicher Zündstoff.

"Kein lebenswertes Land"

Der Arbeitsplatz von Ahmed Kasim liegt auf einem kleinen Hügel. Drei Rohre mit einem Meter Durchmesser kommen von den Ölquellen zur Gastrennanlage. Das Gas wird verflüssigt, in Flaschen gefüllt und dann verkauft. Man könnte das Öl ohne die Gastrennung nicht durch Pipelines und mit Tankschiffen transportieren. Die Explosionsgefahr wäre zu groß.

Die Anlage arbeitet nur mit zehn Prozent Leistung. Die Tanks sind alle voll und die Pipelines in die Türkei und nach Bagdad sind gesprengt. "Wir sitzen auf unserem größten Reichtum und können ihn nicht nutzen", so Kasim, "das Öl ist das Paradies und das Verderben der Menschen im Irak."  Er schüttelt den Kopf. Der Sturz von Saddam Hussein hat in seinem Leben nicht allzu viel verändert. Er war politisch nicht aktiv und lange Jahre intensiv damit beschäftigt, mit einem Abendstudium den Ingenieurabschluss zu machen. "Wir haben jetzt natürlich viel mehr Freiheiten, darüber gibt es keine Zweifel, und ich glaube fast alle sind froh, dass Saddam weg ist, aber wenn ich den Irak heute sehe, ist das kein lebenswertes Land. Es gibt keine Sicherheit sondern wahrscheinlich für lange Zeit nur Chaos oder gar einen Bürgerkrieg."

Die Anlage, an der Ahmed Kasim arbeitet, ist schon über vierzig Jahre alt. Immer wieder wurde sie zusammengeflickt. Nach dem Krieg brachten die Amerikaner einen Computer mit Sensoren zum Überwachen des Öls. "Diese Technik hätten wir unter Saddam wegen des Embargos nie bekommen. Außer der besseren Qualität ist es jetzt auch viel sicherer an meinem Arbeitsplatz", sagt  Kasim.

Aber amerikanische Techniker gibt es schon seit Monaten keine mehr bei North Oil. Es ist zu gefährlich, die Bomben und Entführungen sind allgegenwärtig, so die inoffizielle Antwort. Außerdem haben die großen Ölmulits auch das Interesse an Investitionen im Irak verloren. Ein Sprecher von Exxon sagt: "Der Irak ist sehr interessant für uns - aber jetzt noch nicht. Das Risiko die Investitionen zu verlieren ist sehr groß. Wir warten ab."

Ein unendlicher Schrottplatz

Ölfördern im Irak ist, verglichen mit anderen Fördergebieten, das Paradies für die Petroleros:  800 amerikanische Ölquellen liefern so viel Öl wie eine in Kirkuk oder Basra. In der Nordsee kostet die Förderung eines Barrels Rohöl (159 Liter) 15 Dollar. Der Irak produziert das Barrel für unter einem Dollar.

Wenn man über das Ölfeld von Kirkuk schaut, hat man das Gefühl, auf einem unendlichen Golfplatz zu stehen, der in einen Schrottplatz umgewandelt wurde. Überall sind schwarze Öllachen, Rohre ziehen kreuz und quer über das 20 mal 30 Kiliometer große Gelände. Alte verroste Maschinen stehen überall, unverputzte Backsteingebäude und ein miserables Straßennetz durchzieht das Gelände.

Es gibt in Kirkuk 1800 fördernde Ölquellen. Man könnte sie leicht verdoppeln. Auf dem Ölfeld stehen keine Pumpen, die sich langsam mit einem Gegengewicht heben und senken. Das braucht man in Kirkuk nicht. Hier kommt nur ein Rohr aus dem Boden, an dem einige Ventile und ein 30 Zentimeter dickes Rohr für den Weitertransport des Öls angeschlossen sind. Der Eigendruck des Öls in der  Erde ist so groß, dass es mit sehr hohem Druck ohne Pumpe bis zur Gastrennanlage von Ahmed Kasim fließt.

Der Ölingenieur Kasim ist mit 500 Dollar im Monat einer der gut verdienenden Iraker. Das Gehalt ist jetzt dreimal so hoch wie vor dem Krieg. Das Leben ist aber auch teuer geworden. Allein schon, dass man auf dem Basar jetzt alles kaufen kann, macht das Geld knapp. Aber Kasim ist zufrieden. Wer zu Saddams Zeiten mit einer Satellitenschüssel erwischt wurde, kam für vier Jahre ins Gefängnis. Heute ist der Basar voll davon. Kasim war einer der ersten, die sich eine zugelegt haben, um sich über die internationalen arabischen Fernsehsender über sein Land zu informieren. "Ich sehe bis heute kein irakisches Fernsehen, weil uns die Amerikaner genauso anlügen, wie das früher Saddam getan hat. Sie wollen uns in den von ihnen bezahlten TV-Kanälen täglich weismachen, dass es im Irak aufwärts geht. Die Lügen sind so plump wie die von Saddam."

"Der Terror zieht nach Kirkuk"

Seinen drei Kindern, sie sind zwischen ein und vier Jahre alt, will er die beste Schulausbildung ermöglichen. "Wenn wir bis zu ihrer Einschulung immer noch keine richtigen Schulen und Universitäten haben, werde ich versuchen, meine Kinder zum Studium ins Ausland zu schicken." Kasim lebt zusammen mit seinen Eltern und zwei Geschwister. Da er der einzige ist, der Arbeit hat, muss sein Einkommen für die ganze Großfamilie reichen.

Von seinem Hügel aus kann Kasim weit in die Ebene von Kirkuk schauen. Es gibt jetzt zwei weitere Rauchsäulen. Sie heben sich gegen die untergehende Sonne ab. Es kommt ein Anruf aus der Zentrale, dass die Hauptpumpstation der Pipeline für die in 150 Kilometer entfernt liegende Raffinerie Bayji von Terroristen gesprengt wurde. Die Ölförderung muss noch weiter gedrosselt werden. "Der Terror zieht jetzt von Falludscha und Mossul zu uns nach Kirkuk", befürchtet der Ölingenieur. "Aber die Terroristen wollen nicht kapieren, dass sie mit der Sabotage der Pipelines die Iraker treffen und nicht die Amerikaner."

Kasims macht sich nun doch auf den Weg in die Arbeit. Die Strecke führt am US-Hauptquartier vorbei. Und dann passiert das, wovor Kasim am meisten Angst hat: Eine US-Patrouille überholt das Sammeltaxi. Wenn es jetzt einen Anschlag auf die Soldaten gibt, denkt er, hat auch er keine Chance zu überleben. Früher winkten die Iraker den Soldaten zu. Das ist jetzt lange vorbei. Die Zivilisten schauen die Uniformierten nur an und hoffen, dass sie schnell an ihnen vorbeifahren.



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