Österreichs Interimskanzlerin Bierlein Schon wieder Erste

Brigitte Bierlein folgt als österreichische Kanzlerin auf den gestürzten Sebastian Kurz. Ein Jahr vor der Rente erobert sie, ganz nebenbei, eine der letzten Männerdomänen in dem Land.
Die Kanzlerin nach Kurz: Brigitte Bierlein

Die Kanzlerin nach Kurz: Brigitte Bierlein

Foto: Thomas Kronsteiner/Getty Images

Als Brigitte Bierlein im Februar 2018, zwei Jahre vor der Rente, ihren bisher größten beruflichen Schritt tat, als sie zur Präsidentin des österreichischen Verfassungsgerichtshofs ernannt wurde, fragte sie der Wiener "Standard" nach ihrer Meinung zur Frauenquote. Die Antwort überraschte niemanden. "Ich bin grundsätzlich keine Freundin der Quote", sagte Bierlein, "weil Frauen das eigentlich nicht mehr brauchen sollten."

Am Donnerstag macht die 69-jährige Juristin den nächsten Karriereschritt. Knapp zwei Wochen nach Beginn der Ibiza-Affäre, die Sebastian Kurz und sein rechtskonservatives Regierungsbündnis zu Fall brachte, ernennt sie der österreichische Bundespräsident zur ersten Kanzlerin der zweiten Republik. Nicht weil sie eine Frau ist, sondern weil sie dringend gebraucht wird. Als Expertin, Aufpasserin, Hüterin der Verfassung - bis zu den Neuwahlen im Herbst. Und doch ist Bierlein auch eine Pionierin, wieder einmal.

In ihrer langen Karriere hat die gebürtige Wienerin ohne große Aufregung eine ganze Reihe von Männerdomänen erobert. Sie war die erste Frau in der Wiener Generalprokuratur, die erste Vorsitzende der österreichischen Staatsanwälte, die erste Vizepräsidentin des Verfassungsgerichtshofs und ein paar Jahre später auch dessen erste Präsidentin. Egal wo Bierlein hinkam, sie unternahm die Erstbesteigung der Karriereleiter. Und staunte dann oft selbst, wie hoch es da oben war. "Das ist jetzt für Sie sicher überraschend", sagte sie am Donnerstag bei ihrer Kanzlerinnen-Kür den Journalisten, "für mich ist es das auch."

"Keine Freundin der Quote": Bierlein mit Staatspräsident Alexander van der Bellen in Wien

"Keine Freundin der Quote": Bierlein mit Staatspräsident Alexander van der Bellen in Wien

Foto: Thomas Kronsteiner/Getty Images

Brigitte Bierlein wurde 1949 geboren, als Tochter eines Beamten und einer kunstbegeisterten Mutter. Eine Karriere als Juristin war ihr also keineswegs vorgezeichnet, stattdessen wollte sie selbst Künstlerin werden, oder Architektin. Schlussendlich aber siegte die Vernunft über die Leidenschaft. Bierlein begann ein Jura-Studium, promovierte schon vier Jahre später und legte mit 27 die Prüfung zur Staatsanwältin ab. Ehrgeiz trieb die junge Richterin zu Höchstleistungen, die bald auch von der Politik geschätzt wurden.

Nicht nur ihren letzten, auch ihren ersten großen Karrieresprung verdankt Bierlein einer Koalition aus ÖVP und FPÖ. Ende 2002 wird sie unter Kanzler Schüssel zur Vizepräsidentin des Verfassungsgerichtshofs ernannt. Obwohl sie nie einer Partei angehörte, nennt sie der damalige SPÖ-Fraktionssprecher Josef Cap eine "stramme Konservative". Eine Zuschreibung, gegen die sich die Juristin mit eigenen Mitteln wehrt: Die Methode Bierlein funktioniert durch konsequente Unaufgeregtheit.

Als in Österreich etwa eine Debatte darüber entbrennt, ob Gott nicht in die Verfassung gehöre, sagt Bierlein: "Ich halte das als Katholikin nicht für nötig." Ein Kopftuchverbot, von der FPÖ mit Stammtischparolen angekündigt, nennt sie "problematisch", bei der Präventivhaft für mögliche Straftäter bleibt Bierlein "skeptisch." Und wenn wieder mal ein Minister seine Strafrechtsrechtsreformen mit der Empörung in Facebook-Foren begründet, urteilt die Juristin ruhig: "Auf Internet-Kommentare würde ich überhaupt nicht bauen."

Endlich wieder eine Identifikationsfigur

Das gilt selbst dann noch, wenn Bierlein selbst Opfer eines brutalen Verbrechens wird. Im September 2004 wird die Höchstrichterin in Wien spätabends überfallen. Ein Unbekannter will ihr die Handtasche entreißen, doch sie lässt nicht los, schreit und wird so lange über den Asphalt gezerrt, bis der Räuber unverrichteter Dinge abzieht. Bierlein muss im Krankenhaus behandelt werden, später erklärt sie ihren Mut mit rationalen Argumenten: Sie wollte die Tasche eben behalten, wegen der "Rennereien" für eine neue Kreditkarte.

Pragmatismus, Professionalität und Unbefangenheit werden zu Bierleins Markenzeichen, über alle Parteigrenzen hinweg. Sogar die Sozialdemokraten, die ihre Bestellung an den Verfassungsgerichtshof einst als parteiisch kritisiert hatten, sind jetzt, da sie zur Bundeskanzlerin aufsteigt, plötzlich sehr zufrieden. Die FPÖ verspricht gute Zusammenarbeit, und die liberalen "Neos" freuen sich, dass wieder mal eine Frau richtet, "was Männer zuvor zerstört haben".

Österreich hat wieder eine Identifikationsfigur, zumindest für drei Monate. "Politik und Parteipolitik sind zwei Dinge", sagte Bierlein einmal, angesprochen auf ihre Tätigkeit am Verfassungsgericht. Um Ersteres komme sie nicht herum, Letzteres wolle sie niemals machen. Man kann sich vorstellen, dass sie es als Bundeskanzlerin ähnlich halten wird.