Österreich Ein Haider-Zögling ist neuer FPÖ-Chef

Nachdem Jörg Haider die frühere Parteichefin aus dem Amt gedrängt hat, zwei Minister zurückgetreten sind und die Regierungskoalition geplatzt ist, hat die rechtspopulistische FPÖ einen neuen Chef gewählt. Er heißt Mathias Reichhold und kann sich auf die Unterstützung seines Mentors Haider verlassen.


Oberwart - Reichhold soll die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) auch als Spitzenkandidat in die vorgezogene Parlamentswahl am 24. November führen. Beim außerordentlichen Parteitag in der burgenländischen Kleinstadt Oberwart erhielt er rund 92 Prozent der Stimmen der Delegierten. Reichhold war der einzige Kandidat.

Der 45-Jährige kann auch auf die Unterstützung Haiders zählen. Er war viele Jahre in der Landespolitik Kärntens tätig, wo Haider als Landeshauptmann regiert. Seit Februar ist er in der österreichischen Bundesregierung Verkehrsminister.

Der Biobauer und Hühnerzüchter Reichhold gilt als Vermittler zwischen den Anhängern Haiders und dem gemäßigten Lager der Partei, dem auch die frühere Vizekanzlerin und FPÖ-Chefin Susanne Riess-Passer und Finanzminister Karl-Heinz Grasser angehören. Riess-Passer und Grasser waren nach einem Machtkampf mit Haider von ihren Ministerämtern zurückgetreten. Die konservative Volkspartei (ÖVP) hatte deshalb ein Jahr vor dem Ende der Legislaturperiode die Koalition mit der FPÖ platzen lassen.

Haider: Der neue FPÖ-Chef kann auf seine Unterstützung zählen
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Haider: Der neue FPÖ-Chef kann auf seine Unterstützung zählen

Haider war nicht zum Parteitag gekommen. Der 52-Jährige hatte sich vor einer Woche plötzlich zurückgezogen anstatt die Parteiführung wieder zu übernehmen, wie er angekündigt hatte. "Glaubt nicht, dass ich eine Marionette bin", sagte Reichhold in seiner Rede vor den Delegierten. Er fühle sich auch niemandem verpflichtet. Er gehe davon aus, dass sich Haider künftig zurückhalten werde, hatte Reichhold bereits vor einigen Tagen gesagt. Allerdings werde es auch in Zukunft für die FPÖ keine EU-Mitgliedschaft Tschechiens ohne Aufhebung der so genannten Benes-Dekrete geben. Diese hatten nach dem zweiten Weltkrieg die Enteignung der Deutschen in der Tschechoslowakei angeordnet und gelten bis heute.

Unter der Parteiführung der gemäßigten Riess-Passer hatte Haider wiederholt die Regierung in Wien und den Kurs der eigenen Partei öffentlich kritisiert. Der Streit hat der FPÖ schwer geschadet. In Umfragen sackte die Partei auf 13 Prozent ab. Das wäre weniger als die Hälfte des Stimmenanteils, den die FPÖ bei der Parlamentswahl 1999 erreicht hatte. Die Sozialdemokraten (SPÖ) konnte in der Wählergunst um fast sechs Prozentpunkte auf 39 Prozent zulegen. Die ÖVP stieg von knapp 27 auf 35 Prozent der Stimmen. Die Grünen lagen mit zwölf Prozent der Stimmen um rund fünf Prozent über ihrem Ergebnis von 1999. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) erklärte in der Samstagsausgabe des Wiener "Standard", dass er nach den Neuwahlen die Koalition mit der FPÖ fortsetzen wolle.



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