Neue Chefin für Österreichs Sozialdemokraten "Können kann sie's schon"

Die Eltern Hippies, sie selbst ohne "Stallgeruch": Ihre Kritiker arbeiten sich an Pamela Rendi-Wagner ab. Nun soll sie als erste Frau Österreichs Sozialdemokraten führen - und eine tief gespaltete Partei einen.

Pamela Rendi-Wagner
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Pamela Rendi-Wagner

Von , Wien


Spricht man in diesen Tagen in Österreich mit Sozialdemokraten, muss man ein bisschen suchen, um jemanden zu finden, der restlos begeistert ist von Joy Pamela Rendi-Wagner. "Schaun mer mal", hört man dann. Oder: "Können kann sie's schon." Oder: "Wenigstens ein neues Gesicht."

Rendi-Wagner, 47 Jahre, ist designierte Chefin der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, SPÖ. Vergangene Woche wurde sie vom Vorstand nominiert, Ende November soll sie ein Parteitag offiziell bestimmen. Interessant wird der Blick auf die Zustimmungswerte.

Denn in der SPÖ grummelt es in diesen Tagen.

Nicht, weil mit Rendi-Wagner erstmals in der 130-jährigen Geschichte der SPÖ eine Frau an die Spitze kommt. Sondern jemand, der erst seit kurzem Mitglied der Partei ist.

Rendi-Wagner war keineswegs Wunschkandidatin der Partei. Gefragt worden waren Hans Peter Doskozil, der aber lieber Regierungschef im Burgenland werden will. Außerdem Peter Kaiser, der Landeshauptmann von Kärnten ist und im März 2018 bei der Landtagswahl für die SPÖ erstaunliche 47,9 Prozent geholt hat, ein Plus von 10,8 Prozentpunkten. Kein Wunder, dass er seinen Erfolg lieber daheim auskosten will. Auch Doris Bures, bis 2017 Präsidentin des österreichischen Parlaments und jetzt Vize in diesem Amt, sagte dem Vernehmen nach ab.

Städtisch, modern, weltoffen

Ist Rendi-Wagner also eine Verlegenheitslösung? Sie war jedenfalls die Wunschnachfolgerin von Noch-Parteichef Christian Kern. Dessen Amtsmüdigkeit war schon lange bekannt. Kern, einst Chef der staatlichen Bahn ÖBB und Quereinsteiger in die Politik, schien seine Rolle als Parteichef und Oppositionsführer nie recht zu finden.

Rendi-Wagner
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Mitte September drangen interne Überlegungen Kerns, zurückzutreten und als Spitzenkandidat der Sozialdemokraten in die Europawahl zu gehen, an die Öffentlichkeit. Jemand hatte parteiinterne Informationen durchgesteckt. Statt eines geordneten Übergangs folgten in der SPÖ, geübt in Intrigen und Selbstzerstörung, Chaostage.

Der Parteitag im Oktober, auf dem Kern wiedergewählt werden sollte, wurde auf November verschoben. Offensichtlich wollten einflussreiche SPÖ-Kreise Rendi-Wagner unbedingt verhindern. Alteingesessene Sozialdemokraten, vor allem aus dem bislang einflussreichen Wiener Landesverband, fühlten sich übergangen und verbargen ihre gekränkte Eitelkeit kaum.

Zudem trat wieder einmal die Spaltung der SPÖ zutage: in einen links-progressiven und in einen rechten Flügel. Im Wahlkampf 2017 war sie in der unterschiedlichen Haltung in der Flüchtlingspolitik deutlich geworden, jetzt spiegelte sie sich in der Cheffrage wieder. Rendi-Wagner gehört zum linksliberalen Teil der Partei: städtisch, modern, weltoffen. Nicht: arbeiternah, ländlich, strukturkonservativ.

So eine solle die SPÖ führen?

Kern hatte die Ärztin im März 2017 zur Nachfolgerin der verstorbenen Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser gemacht. Erst am Tag vor ihrer Vereidigung war Rendi-Wagner der SPÖ beigetreten. Zwar hatte sie schon Nähe zur Partei erkennen lassen, als sie sich 2012 im Bund Sozialdemokratischer Akademiker engagierte.

Aber in der Partei registriert man sehr aufmerksam, dass sie ja "nicht gerade sozialdemokratisch sozialisiert" wurde: Ihre Eltern gehörten, wie Rendi-Wagner selbst einmal erzählte, zur "Flowerpower-Generation". Davon zeuge auch ihr Vorname Joy, der das Lebensgefühl der Eltern spiegele. Als sie vier war, trennten die Eltern sich, die Tochter wuchs bei der alleinerziehenden Mutter in Wien auf.

Intern wird Rendi-Wagner "fehlender Stallgeruch" vorgeworfen, sie habe "keine Parteierfahrung" und "keine Hausmacht", außerdem sei sie "nicht gut verdrahtet". Und so eine solle die SPÖ führen? Oppositionschefin sein? Den jungen Bundeskanzler Sebastian Kurz und seine in der Bevölkerung durchaus beliebte Regierung herausfordern?

Tatsächlich hat die konservativ-rechtspopulistische Regierung in den zurückliegenden Wochen und Monaten viel Angriffsfläche geboten, doch die SPÖ ließ sie mehr oder weniger ungenutzt und war mehr mit sich selbst beschäftigt. Von Rendi-Wagner erhoffen sich viele Parteimitglieder einen Neuanfang. Der "Kurier" zeichnet sie in einer Karikatur daher als "Super-Pam" im roten Umhang, das Nachrichtenmagazin "Profil" nennt sie auf seinem Titel die "letzte Hoffnung".

"Sie könnte Kurz das Wasser reichen"

Rendi-Wagner, glauben ihre Fans in der SPÖ, habe das Zeug, die interne Spaltung zu überwinden und Wahlen zu gewinnen. "Wenn sie es schafft, hart zu arbeiten und die Kritiker in der eigenen Partei für sich zu gewinnen, kann sie Kurz das Wasser reichen", sagt ein erfahrener Parteistratege.

Ihren Willen zur harten Arbeit hat sie in ihrem Leben immer wieder unter Beweis gestellt. Nach dem Medizinstudium in Wien, London und Genf erarbeitete sie sich einen guten Ruf als Tropenmedizinerin und Impfexpertin in Wien. 2008 folgte sie ihrem Mann Michael Rendi nach Israel, der dort österreichischer Botschafter wurde. Sie begnügte sich nicht mit einem Dasein als Diplomatengattin, sondern forschte in Tel Aviv als Gastdozentin. Zurück in Wien, wurde sie Generaldirektorin im Gesundheitsministerium. Der Öffentlichkeit fiel sie erstmals auf, als ihr 2011 die Aufgabe zufiel, die Bevölkerung nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima zu informieren.

Von ihrer Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge klar zu kommunizieren, macht sie in diesen Tagen Gebrauch: Rendi-Wagner reist durch die neun österreichischen Bundesländer und wirbt bei den SPÖ-Mitgliedern für sich. Umfragen zufolge steht die Partei derzeit bei 28 Prozent - im Vergleich zu sozialdemokratischen Parteien in anderen europäischen Ländern ein Traumwert.



insgesamt 29 Beiträge
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Globgeil 04.10.2018
1. Scheint eine vernünftige Frau zu sein.
Ich habe das "Interview" im Standard gelesen. Schade, dass sie mit den Sozialdemokraten verbrennen wird, weil die Zeit dieser sozialistischen Richtung mit einer gewissen Verzögerung weltweit vorbei ist. Wahrscheinlich überlebt der mit marktwirtschaftlichen und demokratischen Komponenten erträglich gestaltete Sozialismus nur in China, weil die rechtzeitig die Ideen des Rudolf Bahros (und vor ihm von Adam Smith, Ludwig Erhard) aufgegriffen haben. Dort scheinen die Leute ganz zufrieden zu sein - im Gegensatz zu den Bildern, die die westlichen Medien sich zusammen pinseln.
RamBo-ZamBo 04.10.2018
2. asdf
Das klingt wie damals, als man uns in Deutschland den Schulz schmackhaft machen wollte. "Er kann es!" hieß es, der Rest ist Geschichte. Ich denke nicht, dass die Österreicher eine Regierung mit SPÖ-Beteiligung wollen.
Actionscript 04.10.2018
3. Gewinnen über den rechts-konservativen....
...Flügel ist das Hauptproblem auch in der deutschen SPD. Hier scheint jedoch Frau Rendi-Wagner der bessere Kandidat zu sein als zB Frau Nahles, um einen Vergleich mit der SPD zu haben. Denn Frau Rendi-Wagner hat ausserdem Erfahrung und Erfolg in einem richtigen Beruf, was Frau Nahles nicht hat. Auch gehört Frau Nahles eher zur Krustensozialdemokratie. Und gerade die gilt es, zu brechen, wenn die SPD wieder wer sein will. Von daher glaube ich, dass Frau Rendi-Wagner die geeignete Person ist, besonders junge Wähler für die Partei zu begeistern.
skeptikerjörg 04.10.2018
4. Sozialdemokratisches Problem
Oder vielleicht auch ein Problem in den meisten Parteien, Stallgeruch ist wichtiger als Eignung und Fähigkeiten. Wer nicht jahrelang im Ortsverein die Hinterzimmerintriegen mitgemacht hat, den Altvorderen Beifall zollt und vor allem den unfehlbaren Bezirks-, Landes-, Bundesvorständen niemals widersprochen hat, hat keine Chancen. Fehlender Stallgeruch eben. Und gleichzeitig wundert man sich, dass die Mietglieder immer älter werden und für die wegsterbenden keine nachkommen. In Österreich also auch.
MyMoon 04.10.2018
5. Nicht fremdenfeindlich
Immerhin hat sie 3 jährige Auslandserfahrung in Tel Aviv und auch Ihr Ehemann war einige Jahre Botschafter für Österreich in Israel. Also wird sie sicher keine fremdenfeindliche Politik betreiben wie die aktuelle österreichische Regierung mit der FPÖ.
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