Österreichischer Polit-Analyst Peter Filzmaier Das Orakel von Krems

Österreich wählt nächste Woche einen neuen Nationalrat - und einer darf am Wahlabend nicht fehlen: Peter Filzmaier, der berühmteste Politikexperte des Landes. Eine Begegnung in einem Wiener Kaffeehaus.

Er erklärt Österreich die Politik: Peter Filzmaier
Müller-Stauffenberg/ imago images

Er erklärt Österreich die Politik: Peter Filzmaier

Von , Wien


Am besten setzt man ihm erst einmal Essbares vor. Beuscherl zum Beispiel, saure Lunge mit Semmelknödel. Kaum hat Peter Filzmaier den Teller mit dampfenden Innereien vor sich, mittags im Wiener Kaffeehaus Dommayer, wird sein reißender Redefluss auf ein erträgliches Maß gedrosselt.

Filzmaier ist der berühmteste politische Analytiker Österreichs - der Mann, der im öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ORF vorführt, wie sich selbst schwerstverdauliches politisches Schauspiel für ein Millionenpublikum mundgerecht zerlegen lässt: die Ibiza-Affäre rund um die FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus etwa, auch die Parteispendenaffäre der ÖVP unter Ex-Kanzler Sebastian Kurz oder die, wie er es nennt, "moralische Bankrotterklärung und das Armutszeugnis" der sozialdemokratischen SPÖ während ihrer Anti-Kurz-Kampagne im Wahlkampf 2017.

Als "Filzmaiern" ist im österreichischen Wortschatz die Kunstform verbucht, politisches Geschehen prägnant und witzig zu sezieren. Der Namensgeber, berühmt dafür, mit ausdruckslosem Raubvogelgesicht seine Urteile abzufeuern, erklärt sich seine landesweite Popularität unter anderem mit den "überdurchschnittlich vielen Fernsehdiskussionen" in Österreich.

Nicht weniger als 20 TV-Duelle sind vor der Nationalratswahl am 29. September zu absolvieren. Eine handverlesene Schar von "Balkon-Muppets", wie Politikberater und -erklärer zwischen Neusiedler See und Arlberg genannt werden, sind dabei für die Auswertung zuständig. "Je größer das Angebot an Sendungen, desto höher der Orientierungsbedarf", sagt Filzmaier. "Es kommt vor, dass unsere Analysen mehr Zuseher haben als die vorhergehende Diskussion."

Strache, die "wildgewordene Flipperkugel"

Das liegt nicht zuletzt an Filzmaier selbst, dem Orakel von Krems - an der dortigen Donau-Universität doziert der 52 Jahre alte gebürtige Wiener über Demokratiestudien und Politikforschung. Sein flotter Duktus entzückt eine stattliche Fangemeinde. Wird bekannt, dass die ÖVP sich Parteispenden aus dem Fundus der Milliardärin Heidi Goess-Horten hat zukommen lassen, mit jeweils 49.000 Euro immer haarscharf unter dem meldepflichtigen Grenzbetrag kalkuliert, kommentiert Filzmaier trocken : "Nur weil ein Promillespiegel von 0,5 Promille erlaubt ist, muss ich nicht jedes Mal ein Zielpunktsaufen auf 0,49 Promille hin machen."

Zeichnet sich ab, dass der zurückgetretene FPÖ-Chef Strache weiter mitmischen möchte, spricht Filzmaier von einer "wildgewordenen Flipperkugel". Für Ex-Kanzler Sebastian Kurz, der bereits zweimal am Scheitern einer Koalitionsregierung beteiligt war, fällt beißender Spott ab: "Auch beim Onlinedating ist es im Tinder-Profil wahrscheinlich nicht so gut, wenn da steht: 33 Jahre jung, aber schon zweimal geschieden."

Ein andermal greift Filzmaier auf einen mutmaßlich einstudierten Gag zurück, um zu beweisen, dass Kurz jede denkbare Frage aufs "Meta-Thema" Zuwanderung zuzuspitzen versteht. Gehe es um Verkehrspolitik, so Filzmaier, würde Sebastian Kurz vermutlich argumentieren, das Hauptproblem seien "Burka-Trägerinnen, die illegal in zweiter Spur vor den Islamkindergärten parken".

Seriöses Hand- und Mundwerk hat Filzmaier auch zu bieten. Wählerstromanalysen vor allem. Und Wahlmotivforschung. Sein Urteil über Sebastian Kurz, der in der Nacht vom 29. auf den 30. September mit hoher Wahrscheinlichkeit zum strahlenden Wahlsieger werden wird, formuliert er so: "Kurz ist auf eine diffuse Art bürgerlich und ein Taktiker der Macht, noch profitiert er davon, dass er seiner Partei mit Marketing-Gags ein komplett neues Image verpasst hat." Der politische Jungstar aus Wien-Meidling, so Filzmaier, sei "im Grunde noch formbar" und zum Glück "nicht einmal ansatzweise ein Rechtsnationalist".

"Kurz ist zum Erfolg verdammt"

Dass Kurz als "Schweigekanzler" bezeichnet wurde, weil er die Eskapaden des Koalitionspartners FPÖ häufig keines Kommentars würdigte, freut Filzmaier besonders: "Der Ausdruck stammt nämlich von mir, er wurde zum österreichischen Wort des Jahres 2018." Sollte der ÖVP-Chef nach den Wahlen am 29. September an die Spitze der Regierung zurückkehren, mit welchem Koalitionspartner auch immer, dann müsse er sich deutlicher positionieren. Und nach der Ibiza-Affäre mit hohen Erwartungen rechnen: "Kurz ist zum Erfolg verdammt."

Eines will der hagere Politologe Filzmaier, der in jungen Jahren den Halbmarathon in rekordverdächtiger Zeit lief und nun sein Beuscherl verputzt hat, ganz am Schluss noch dringend loswerden: Dass viele Österreicher die TV-Duelle der Kandidaten und die anschließenden Analysen verfolgten, sei im Kern eine gute Nachricht. "Manche Erkenntnisse aus unseren Forschungsdaten", sagt Filzmaier, "machen mir ernsthaft Sorgen: Fünf Prozent aller Österreicher sind deklarierte Antidemokraten, also Möchtegern-Faschisten oder -Stalinisten - dazu kommen weitere 20 Prozent, die sich als demokratieskeptisch bezeichnen."

Er sehe es als seine persönliche Aufgabe, "den Finger in die Wunde zu legen".

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
markus.pfeiffer@gmx.com 22.09.2019
1. Felix Austria!
Aussage Filzmaier: "Fünf Prozent aller Österreicher sind deklarierte Antidemokraten, also Möchtegern-Faschisten oder -Stalinisten - dazu kommen weitere 20 Prozent, die sich als demokratieskeptisch bezeichnen." Ich schätze mal, dass mindestens jeder 2. AfD-Wähler "Antidemokrat ist und dazu noch ca. jeder 4. Linke-Wähler (bei der Linken ist der Traum vom Kommunismus auch noch nicht in allen Teilen der Partei begraben). Macht dann etwas 9% mit antidemokratischer Einstellung bei uns, dazu nach den vielen fußlahmen Koalitionen ohne gute politische Ergebnisse seit mindestens 2009 nochmal locker 30% demokratieskeptische WählerInnen.
FrankDunkel 22.09.2019
2.
So einer fehlt in Deutschland. Wenn ich mir an Wahlabenden im ZDF das pseudointellektuelle Geschwurbel von Herrn Professor Korte anhöre, dann bin ich am Ende seiner Ausführungen so klug wie davor. Inhaltsleere als Stilprinzip.
kajoter 22.09.2019
3. @ #2
Zitat von FrankDunkelSo einer fehlt in Deutschland. Wenn ich mir an Wahlabenden im ZDF das pseudointellektuelle Geschwurbel von Herrn Professor Korte anhöre, dann bin ich am Ende seiner Ausführungen so klug wie davor. Inhaltsleere als Stilprinzip.
Ja, ich gebe Ihnen Recht. Aber der Trend in den Öfffentlich-Rechtlichen geht dahin, dass man Seriosität mit Sterilität verwechselt. Gleiches gilt für Unis und Hochschulen bei den Professoren. Wenn jemand probiert, seine Vorlesungen vital und humorvoll zu gestalten, sollte er sich besser in den angloamerikanischen Bildungseinrichtungen bewerben. Mit anderen Worten: Diese antiseptische Form der Expertisenvermittlung ist deutsche Tradition.
worlunteer 22.09.2019
4. Kurz und der Erfolg
Zu welchem Erfolg soll Kurz verdammt sein? Fakt ist, dass das erfolgreichste, reichste und sozialste Bundesland, nämlich Wien, seit immer SPÖ regiert ist, während schwarz und blau durch Betrug, Spekulantentum und Verschachern von Volkseigentum aufgefallen sind. Kurz kann überhaupt nicht erfolgreich sein. Seine politische Einstellung ist schon ein Totalversagen in sich. Den Beweis dafür liefert Wien.
neanderspezi 22.09.2019
5. Ist der Name Filzmaier ein sich passend zugelegtes Pseudonym?
Ein Schweigekanzler ist gegen Anfechtungen aller Art wesentlich besser gefeit, als ein Twitter-Kanzler, ein Vielsprech-Kanzler oder ein Kanzler, der über ein unerschöpfliches Fake-Reservoir verfügt, aus dem er nach Lust und Laune sich jederzeit zu bedienen versteht. Durch ausdrucksstarkes Schweigen kann sich ein darin begabter Kanzler über ausreichende Verfügbarkeit philosophischer Geistesgaben in Szene setzen und ein Filzmaier dürfte sich schwer tun, ihm darin mangelhaftes Potential nachweisen zu können. Auch die Bevölkerung kann sich an einer solchen Begabung abarbeiten und wird vielleicht nie hinter eine Fassade schauern können, die womöglich eine Fähigkeit beherbergt, die nach jeder beliebigen Seite driften kann, wenn massives bürgerliches Begehr dahingehend ansteht. Die philosophische Beigabe ist dabei eben nur ein Schemen, mit 33 Jährchen hat man es damit gewöhnlich noch nicht so intensiv.
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