Österreich Rechtsradikaler Grüßaugust

In seiner Jugend wollte FPÖ-Chef Strache nur im Wald spielen und drei Bier bestellen. Böse Falle. Bilder von damals sehen heute nach Wehrsportgruppe und Neonazi aus. Stimmt nicht, sagt Strache. Und die Sozialdemokraten glauben ihm das gern. Denn der Mann aus dem Wald könnte ja mal Koalitionspartner werden.

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München - Heinz-Christian Strache findet das alles gemein. Nur weil er irgendwann vor zwanzig Jahren mal fotografiert wurde in einem Burschenschafterhaus. Auf dem Bild streckt er drei Finger der rechten Hand gespreizt aus. Herrje. Und nur weil es sich da um Daumen, Zeige- und Mittelfinger handelte, unterstellen nun die ganz Bösmeinenden dem Chef der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) den Kühnen-Gruß. Der deutsche Neonazi Michael Kühnen ermöglichte seinen Kameraden einst durch Erfindung dieser ritualisierten Geste die freundschaftliche Begrüßung.

FPÖ-Chef Strache mit Merkel auf SPIEGEL-Titel: Nur "drei Bier bestellen"?
REUTERS

FPÖ-Chef Strache mit Merkel auf SPIEGEL-Titel: Nur "drei Bier bestellen"?

Nur: Was hat denn das bloß mit "dem Ha-Zeh-Strache" zu tun - der FPÖ-Chef reduziert sich selbst gern auf seine Initialen und die dritte Person? Seit einer guten Woche müht er sich um Aufklärung. Zuerst fiel ihm die Sache mit Südtirol ein: Die drei gespreizten Finger - das sei doch der antifaschistische Gruß Südtiroler Freiheitskämpfer gewesen. Na also. Das ist doch eine nette Geste.

Aber irgendwie kam das nicht so glaubhaft rüber.

Zweiter Versuch: Er habe wohl damals lediglich "drei Bier bestellen" wollen, kramte Strache in der angedunkelten Vergangenheit. Das brachte ihm den Spott der österreichischen Kommentatoren ein. Gut, dass er nicht fünf bestellt habe, hieß es. Denn dann würden die Linken gleich wieder das Schlimmste denken: den Hitler-Gruß.

Strache: "Merkel einen Neonazi-Gruß unterstellen?"

Am Ende konnte nur noch ein Vergleich helfen. In Wien gab Strache vergangenen Dienstag eine "Grundsatzerklärung" ab und zauberte etwas aus der Tasche. Zuerst das Grundsätzliche: "Ich war nie ein Neonazi und ich bin kein Neonazi". Außerdem sei er "begeisterter Demokrat", und mit dem Nationalsozialismus habe er "rein gar nichts am Hut".

Dann der Vergleichszauber: Das in Klarsichtfolie gepackte Titelbild der SPIEGEL-Ausgabe 28 aus dem Juli 2005. Darauf Bundeskanzlerin Angela Merkel, drei Finger der rechten Hand gestreckt und gespreizt. Strache: "Würde jemand der deutschen Kanzlerin einen Neonazi-Gruß unterstellen?"

Der FPÖ-Chef drehte flugs die ganze Geschichte um. Es sei nicht auszuschließen, "dass es den ein oder anderen Neider oder Heckenschützen in der eigenen Partei" gebe. So könne das Bild an die Öffentlichkeit gekommen sein. Strache suchte die eigene rechtsradikale Truppe per Verschwörungstheorie zu einen und abzuschotten. Von "Faschismuskeule" sprach er, von "Gesinnungsterror" und davon, dass ihn der Stil an das Nazi-Hetzblatt "Stürmer" erinnere. Der österreichische Kabarettist Alfred Dorfer schrieb in der "Zeit" derweil vom "freiheitlichen Grüßaugust" Strache.

Nur "im Wald gespielt"?

Es gibt noch weitere Bilder aus der Jugend des Heinz-Christian Strache. Sie zeigen den 18-Jährigen scheinbar als Wehrsport-Teenie. In Militärkluft und im freien Gelände sind der spätere FPÖ-Boss und Kameraden bei einer Art privater Wehrsportübung zu bewundern.

Strache beteuert, man habe nur "im Wald gespielt". Es seien "Paintball-Spiele" gewesen, bei denen man sich gegenseitig mit Farbkugeln beschießt. Ach und überhaupt, er sei "damals ein junger, dummer, vielleicht auch blöder und auch verspielter Bub gewesen", fügte Strache im "ORF" noch hinzu. Komisch nur, dass auf den Fotos kein Paintball-Spielzeug erkennbar ist. Und warum tragen die Männer Landser-Klamotten?

Dumme Frage. Man spiele so was doch "nicht mit Anzug und Krawatte". Die Militärsachen seien einfach "billige Kleidung" gewesen. Klar.

Das Problem: Die Jungs, die in den Tarnanzügen stecken. Österreichische Experten wollen darunter verurteilte Neonazis erkannt haben. Strache: Damals seien die Personen alle "unbescholten" gewesen.

Rechtsextremes Umfeld? Es war Liebe!

Aber Strache gibt etwas gewunden zu, dass er "damals verschiedenste Personen und politische Positionen" kennen gelernt habe. Und so ist er wohl auch an den 1992 verstorbenen Norbert Burger gekommen: Mitbegründer der Nationaldemokratischen Partei (NDP), einst einer der bekanntesten österreichischen Rechtsextremen, in Italien in Abwesenheit wegen terroristischer Südtirol-Aktivitäten zu lebenslanger Haft verurteilt. Aber nicht deswegen hat Strache den Herrn Burger kennen gelernt. Nein, es war Liebe. Strache hatte sich in Burgers Tochter verknallt. Sagt Strache.

Österreichs deutschnationales Radikalenblättchen "Die Aula" hält Norbert Burger heute in ehrendem Angedenken, zitiert ihn gern. Und Strache wiederum veröffentlicht in der "Aula" oder steht ihr für Interviews zur Verfügung. Außerdem wirkt er als "Alter Herr" der Wiener Burschenschaft "Vandalia" mit. So redete er zum Beispiel beim "Heldengedenken" der Burschenschaften zum 8. Mai 2004 auf dem Wiener Heldenplatz - dem Jahrestag der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg.

Auf der "Vandalia"-Homepage findet sich ein "Verweis" genannter Link zu den Kameraden von der deutschnationalen Verbindung "Olympia". Dort hebt man das "Bekenntnis zur deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft" besonders hervor. Unter dem Punkt "hervorragende Olympen" findet sich auch der Name Norbert Burger.

Reaktion von SPÖ-Kanzler "inakzeptabel"

Und was bedeutet all das für die gegenwärtige Politik in Österreich? Nichts, wenn es nach den regierenden Sozialdemokraten geht. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer nahm Strache in Schutz: Als "Jugendtorheiten" bezeichnete er Straches mutmaßliche Wehrsportübungen. SPÖ-Fraktionschef Josef Cap verglich Strache gar mit Deutschlands ehemaligem Außenminister Joschka Fischer und dessen Vergangenheit als Frankfurter Straßenkämpfer. Das rief Empörung hervor.

Ariel Muzicant, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Wiens, sieht bei Strache keine Wandlung seit seinen Teenie-Zeiten: "Er hat seitdem die selben Sprüche geklopft, die typisch sind fürs rechtsextreme Lager", sagte Muzicant zu SPIEGEL ONLINE. Die Fotos und der mutmaßliche Kühnen-Gruß seien also "Gesinnung und nicht Jugendsünde". Die Reaktion von Gusenbauer und Cap sei "inakzeptabel", so Muzicant.

Auch aus der eigenen Partei hagelte es Kritik an Gusenbauer, insbesondere von Ex-SPÖ-Kanzler Franz Vranitzky, der sich in seiner Amtszeit (1986-1997) klar von der FPÖ abgegrenzt hatte. Und auch Vranitzkys einstiger Innenminister Caspar Einem (SPÖ) zeigte "kein Verständnis dafür, wenn es auch nur den Anschein hat, als würde die SPÖ diese menschenverachtende Haltung auf der rechten Seite dulden".

Solcherart kritisiert, verschärfte Gusenbauer den Ton gegenüber Strache. Dessen Erklärung sei "nicht ausreichend", sagte der Kanzler dem "Kurier".

"Schamlose Haltung des Opportunismus"

Wie ist der Schlingerkurs Gusenbauers und führender Sozialdemokraren zu erklären? Der Politikwissenschaftler und SPÖ-Experte Anton Pelinka zu SPIEGEL ONLINE: "Das ist die schamlose Haltung des Opportunismus." Strache habe sich Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) und einer Neuauflage des Rechtsbündnisses verweigert, dafür werde er nun belohnt: "Strache war nett zu uns, jetzt sind wir nett zu ihm", versetzt sich Pelinka in SPÖ-Gedankengänge.

Pelinka vermutet vor allem Taktik hinter Gusenbauers Vorgehen, der nur mit Hängen und Würgen eine Große Koalition mit der konservativen ÖVP zustande brachte: "Er will ein schwarz-blaues Bündnis verhindern." Also die in Österreich als "Eiterbeulenkoalition"bezeichnete Verbindung von ÖVP und FPÖ, möglicherweise unter Einschluss des von den Freiheitlichen abgespaltenen rechtsradikalen Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ). Deshalb wolle Gusenbauer "Strache in Dankbarkeit halten", so Pelinka zu SPIEGEL ONLINE. Das sei aber gefährlich und "nur kurzfristige Strategie statt langfristiger Taktik". Eine SPÖ-FPÖ-Regierungsabsprache aber hält Pelinka "mit Strache für unmöglich". Genau das hingegen mutmaßt man bereits in der ÖVP. Und sogar Ex-SPÖ-Minister Karl Schlögl forderte dieser Tage im "Standard" bereits eine Öffnung der Sozialdemokraten in Richtung FPÖ: Seine Partei sei "gut beraten, diese Offenheit jetzt zu leben", so Schlögl.

Möglicherweise profitiert also am Ende Heinz-Christian Strache von der Furcht der Großkoalitionäre vorm Verrat des jeweils anderen.



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