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Kurz gegen Kern in Österreich K. und K.

Mit 24 Jahren Staatssekretär, mit 27 Außenminister - Sebastian Kurz hat eine steile Karriere hingelegt. Nun wählt Österreich neu, Kurz fordert Regierungschef Kern heraus. Wird er mit 31 Bundeskanzler?

So hatte sich Christian Kern seine neue Aufgabe sicher nicht vorgestellt. Im Mai 2016 war der frühere Chef der österreichischen Bahn neuer Bundeskanzler geworden. Damals 50 Jahre alt, kam er deutlich jünger rüber, eine Frischekur für die sonst so altbacken wirkende SPÖ.

Die Sozialdemokraten hatten mit Kern einen Coup gelandet, dachten sie: Nach dem drögen Werner Faymann nun ein Hoffnungsträger, der bis zum Herbst 2018 regieren und ihnen auch als neuer Parteichef eine Machtperspektive für die Zeit darüber hinaus geben sollte.

Das Letzte, was Politiker aller Parteien in diesem Moment wollten, waren Wahlen. Schließlich steckte allen noch die Bundespräsidentenwahl 2016 in den Knochen. Die lief so ab: Wahl, Stichwahl, Anfechtung der Stichwahl, Wiederholung der Stichwahl wegen nicht klebender Umschläge verschoben, schließlich neue Stichwahl. Das Land war ein Jahr lang im Wahlkampfmodus. Nun sollte endlich Ruhe sein, wollte man politische Sacharbeit leisten, das Land voranbringen. So lauteten die Versprechungen.

Doch daraus wird nichts.

Die große Koalition aus SPÖ und ÖVP, mehr Zweckbündnis denn Liebesheirat, ist zerbrochen. Nun wird schon am 15. Oktober 2017 gewählt . Und Außenminister Sebastian Kurz, frisch gekürter ÖVP-Chef, soll Kern herausfordern. Bis dahin liegen die Regierungsgeschäfte auf Eis, wichtige Entscheidungen soll das Parlament treffen, bei denen die Mehrheiten jedes Mal neu gesucht werden sollen. "Freies Spiel der Kräfte" nennt Kern das, was faktisch bedeutet, dass es nur noch eine Minderheitenregierung gibt. Fünf lähmende Monate stehen dem Land bevor, geprägt vom rot-schwarzen Rosenkrieg. Wenigstens liegen in dieser Zeit die Sommerferien.

Kurz gegen Kern

Auch Kurz hatte nicht damit gerechnet, so bald Parteichef und Kanzlerkandidat zu werden. Fragen, ob und wann er antritt, war er immer ausgewichen. Zwar gilt Kurz seit Langem als beliebtester Politiker Österreichs, aber die ÖVP kam in Umfragen zuletzt immer auf den dritten Platz, hinter der rechtspopulistischen FPÖ und der SPÖ. "In dieser Situation macht er's nicht", sagte ein Vertrauter von Kurz noch vor einigen Wochen. "Der tritt doch nicht an, um dann zu verlieren." Ein anderer erklärte: "Sebastian Kurz ist ein Talent mit großer Zukunft. Er steht nicht zur Verfügung, um sich verbrennen zu lassen."

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Politiker Sebastian Kurz: Mit kaum 30 schon ganz oben

Foto: LEONHARD FOEGER/ REUTERS

Aber Kurz sah das Ende der Koalition kommen - und arbeitete im Hintergrund an einer optimalen Ausgangposition. Als der bisherige ÖVP-Chef und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner vergangene Woche frustriert hinschmiss, weil er sich ständig mit der Frage konfrontiert sah, wann er denn endlich Platz mache, erklärte Kurz sich bereit, ÖVP-Chef und Kanzlerkandidat zu werden. Kurz gegen Kern heißt das Schauspiel, das Österreich nun bevorsteht.

Aber er stellte Bedingungen: Neuwahlen und sehr viel mehr Macht für den Bundesparteiobmann, wie der Parteivorsitzende in Österreich heißt. Also für ihn. So solle die ÖVP bei den Nationalratswahlen mit einer "Liste Sebastian Kurz - die neue Volkspartei" antreten, der Name ÖVP mithin von Wahlliste und Wahlplakaten verschwinden. Kurz will die Parteistatuten ändern und viel stärker bei der Personalauswahl mitreden, bei Ministerposten ebenso wie bei der Aufstellung der Kandidatenlisten.

Schon werfen ihm seine politischen Gegner "Orbánisierung" der österreichischen Politik vor, nennen ihn eine "Ich-AG" und sprechen davon, er betreibe Politik "wie Erdogan". Er schränke demokratische Mitbestimmung ein und konzentriere Macht auf sich. Seine Anhänger halten sein Handeln hingegen nur für konsequent: Er nutze seine Beliebtheit und die Tatsache, dass viele Österreicher sich einen "starken Mann" an der Spitze des Staates und der Regierung wünschen.

Große Zustimmung aus der Bevölkerung

Und tatsächlich hat die ÖVP, wenn sie eine Chance haben will, demnächst den Kanzler zu stellen, keine andere Wahl, als auf Kurz zu setzen - und auf seine Bedingungen einzugehen. So verwundert es nicht, dass sie ihm alle Wünsche erfüllte. Zumal Kurz auch die Unterstützung der Wirtschaft genießt, die von ihm eine unternehmerfreundliche Politik erwartet und dafür mit Spenden großzügig umgeht.

Im Volk ist Kurz ohnehin äußerst beliebt. Sein rasanter Aufstieg gibt dem Land den Glanz, den viele Menschen sich wünschen. Noch 2007 war Kurz Praktikant in der Kulturabteilung der österreichischen Botschaft in Washington. Vier Jahre später unterbrach er sein Jurastudium, um Staatssekretär im Innenministerium zu werden. 2013 wurde er, mit gerade einmal 27 Jahren, Außenminister. Mit 31 - er hat am 27. August Geburtstag - könnte er Bundeskanzler werden.

Womöglich mit Hilfe der FPÖ. Einer Koalition mit den Rechtspopulisten ist Kurz nicht abgeneigt. Die Neuauflage der großen Koalition scheint dagegen aus heutiger Sicht unwahrscheinlich. Die FPÖ jedoch will mit Heinz-Christian Strache einen eigenen Kanzler stellen. Was, wenn sie tatsächlich als stärkste Kraft aus den Wahlen hervorgeht?

Die politische Ruhe nach der Präsidentenwahl währte nur kurz. Der Wahlkampf hat begonnen.


Zusammengefasst: Sebastian Kurz möchte österreichischer Bundeskanzler werden. Dabei ist er gerade einmal 30 Jahre alt. Im Volk ist der amtierende Außenminister sehr beliebt, in seiner Partei wird dagegen über die vielen Forderungen des Aufsteigers schon gemurrt. Kurz fordert den jetzigen Kanzler Christian Kern heraus, vielleicht lässt er sich auch mit Hilfe der rechtspopulistischen FPÖ an die Macht bringen.

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