Analyse zur Österreich-Wahl So gelang Van der Bellen die Aufholjagd

Noch gibt es keinen Sieger bei der Präsidentenwahl in Österreich. Doch Van der Bellen überrascht schon jetzt: In vier wichtigen Lagern konnte der Grüne dazugewinnen und zu FPÖ-Mann Hofer aufschließen.

Alexander Van der Bellen
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Alexander Van der Bellen

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Uneinholbar, hieß nach der ersten Runde bei der Präsidentenwahl in Österreich. Die hatte der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer mit 35,1 Prozent gewonnen - mit einem deutlichen Vorsprung zu Alexander Van der Bellen, der von den Grünen unterstützte Kandidat. Er kam auf 21,3 Prozent.

Dass beide Kandidaten nun in der ORF-Hochrechnung, die eine Briefwählerprognose beinhaltet, bei 50 zu 50 Prozent liegen, ist eine große Überraschung.

Wie ist Van der Bellen diese Aufholjagd gelungen? Er konnte nach der Wählerstromanalyse des SORA-Instituts für den ORF nahezu alle seine Wähler aus der ersten Runde halten. Zudem - und das ist das Entscheidende - konnte er aus diesen vier wichtigen Lagern stark dazugewinnen:

1. Die Nichtwähler: 208.000 Bürger, die bei der ersten Runde nicht abgestimmt hatten, votierten nun für Van der Bellen.

2. Die Unterstützer der Unabhängigen Griss: Lange hatte sich die unabhängige Kandidatin Irmgard Griss nach ihrem Ausscheiden in der ersten Runde geweigert, einem der beiden Stichwahl-Wettbewerber ihre Unterstützung zuzusichern. Dann stellte sie sich doch offiziell hinter Van der Bellen. 515.000 Wähler wanderten zu ihm - zu Hofer bloß 212.000.

3. Die SPÖ-Sympathisanten: 334.000 ehemalige Wähler des SPÖ-Politikers Rudolf Hundstorfer stimmten für Van der Bellen - das sind zwei Drittel seiner Wähler.

4. Die ÖVP-Wähler: Die Unterstützer des ÖVP-Politikers Andreas Khol stimmten überwiegend für Van der Bellen in der zweiten Runde - 224.000 votierten für den Grünen; 202.000 für Hofer.

Van der Bellen hat damit sowohl aus dem Lager der sozialdemokratischen SPÖ als auch dem der bürgerlich-konservativen ÖVP entscheidende Stimmen erhalten - vor allem zahlt sich für ihn die Unterstützung von Griss aus. Sie wollten vor allem den FPÖ-Mann Hofer an der Spitze des Staates verhindern (Lesen Sie hier mehr zu den Motiven der Wähler).

Hofer kann zwar auch fast alle seiner Wähler aus der ersten Runde mobilisieren und gewinnt Nichtwähler, Griss- und Hundstorfer-Unterstützer hinzu - aber eben deutlich weniger als sein Konkurrent. Nur bei den Anhängern von Richard Lugner konnte er stärker punkten als Van der Bellen.

Verfolgen Sie die genauen Wählerströme von Kandidat zu Kandidat im Vergleich zur ersten Wahlrunde im April. Fahren Sie dafür mit der Maus über die Kandidaten oder klicken Sie auf diese, um einzelne Ströme im Detail angezeigt zu bekommen:

Wählerströme bei der Bundespräsidentenwahl
vom ersten zum zweiten Wahlgang, in 1000 Wählern

insgesamt 156 Beiträge
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stefan1904 23.05.2016
1. Überraschend?
Also ich finde es ja eher überraschend bzw. erschreckend, dass ein Rechtspopulist in Österreich knapp 50% der Stimmen erreichen kann. Alle Parteien bis auf die FPÖ und fast alle prominenten Österreicher waren für van der Bellen. Wenn van der Bellen gewinnt hoffe ich auf einen Kretschmann-Effekt und dass die Grünen bei der Nationalratswahl 2018 stärkste Kraft werden.
kalim.karemi 23.05.2016
2. dazugewinnen, aufschließen...
letztendlich hat und wird er Hofer nicht schlagen können. Immer wieder erquickend, wie die unabhängigen Medien Tatsachen nach ihrem Gutdünken auslegen oder Partei ergreifen.
peteftw 23.05.2016
3. Unterwerfung
Es ist wie im Buch "Unterwerfung". Der Sozialist (im Buch außerdem Islamist) wird von allen Lagern teilweise auch etwas widerwillig unterstützt, nur um den Wahlsieg der "Rechten" zu verhindern.
joerg.braenner 23.05.2016
4. Trotzdem erschreckend
Wenn man sich das besieht, stellt man umso mehr fest, dass das rechtsradikale Lager in Österreich mittlerweile so groß ist wie alle anderen politischen Lager zusammen. An einem Bundeskanzler Strache führt also in naher Zukunft kein Weg vorbei.
felisconcolor 23.05.2016
5. Er
konnte also aufschliessen. Hm, das würde bedeuten er liegt immer noch hinter dem Mann der FPÖ. Und wie war das nochmal? Der Zweite ist immer ein Verlierer.
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